SBB krebst zurückNur 80 statt 400 Jobs verschoben: Reorganisation entgleist
Die Bundesbahnen wollten eine riesige Restrukturierung durchführen. Wie dieses Vorhaben scheiterte.

Es sei die grösste Reorganisation im Personenverkehrs seit 1999. Mit diesen Worten liess sich SBB-Manager Toni Häne im Oktober 2018 in einem Newsletter zitieren. Das Projekt heisst «Weiterentwicklung Personenverkehr» und sollte für viele Mitarbeitende der SBB einschneidende Folgen haben. Doch nun ist vieles anders.
Ursprünglich sollten 400 Bähnlerinnen und Bähnler an einem anderen Ort arbeiten. Das offizielle Ziel der Übung war, den Personenverkehr zu stärken. Dies etwa im Störungsfall oder in der Kommunikation mit den Passagieren. Die meisten der Änderungen hätten den Standort Olten betroffen. Rund 200 Jobs wollte man von Bern und Zürich an den Kilometer 0 der Bahnnation verschieben. Noch im vergangenen Juli sprachen die SBB davon, dass bei der «Weiterentwicklung Personenverkehr» alles planmässig verlaufe. Im Spätsommer 2020 sollte der Wechsel von Bern und Zürich nach Olten geschehen, hiess es damals.
Die Realität sieht nun anders aus: Von den 400 angekündigten Wechseln bleiben insgesamt noch gut 80 übrig. Das Projekt ist stark redimensioniert worden. Vor allem der grosse Wechsel von Bern und Zürich nach Olten findet in verkleinertem Rahmen statt. Von den angekündigten 200 Stellen werden nur 17 verschoben. Der Grund laut den SBB: «Nach einer Überprüfung des Konzepts haben wir entschieden, dass der Umzug von Bern nach Olten nur für einen kleinen Teil der Funktionen Sinn macht», wie ein Sprecher sagt. Und weiter: «Die Bahnproduktion des Personenverkehrs ist mit grossen Herausforderungen konfrontiert.»
«Waren uns der Situation noch nicht bewusst»
Insbesondere im Kerngeschäft des Bahnbetriebs sei die Arbeitslast sehr hoch gewesen aufgrund der hohen Anzahl an Baustellen und Events sowie einer angespannten Situation bei den Lokführern und beim Rollmaterial. Die SBB geben nun zu: «Als wir den Planungsprozess zur Weitenentwicklung des Personenverkehrs gestartet hatten, waren uns die zunehmend angespannte Personalsituation und die Arbeitslast im Hinblick auf das Jahr 2019 noch nicht bewusst», so ein Sprecher. Deshalb hätten die SBB entsprechende Priorisierungen vorgenommen – oberste Priorität habe die Sicherstellung der Bahnproduktion. Also, dass alles reibungslos fährt auf den Schienen.
Warnung der Gewerkschaft
Die Gewerkschaft SEV warnte mehrfach davor, dass die Reorganisation zu vielen Kündigungen führen werde. «Es ist eingetroffen, wovor wir die SBB gewarnt haben: Es gab viele Kündigungen, und nun muss man mit solchen Aktionen versuchen, den Schaden zu begrenzen», sagte ein Vertreter der Gewerkschaften im vergangenen Jahr zu dieser Zeitung. Damals wollten die SBB nichts davon wissen, dass es zu einer grossen Fluktuation gekommen ist. Sie bewege sich im üblichen Rahmen.
Nun geben auch die SBB zu, dass es zu mehr Abgängen als üblich gekommen ist. «Im Vergleich mit anderen Unternehmen und statistischen Zahlen ist es aber weiter im normalen Rahmen», sagt ein Sprecher. Die Fluktuation habe aber nicht nur mit den grossen Veränderungen zu tun: «Mit der Reorganisation wurden in verschiedenen Bereichen neue attraktive Jobs geschaffen, die gerade Mitarbeitende mit der Erfahrung aus dem operativen Bereich angesprochen haben.»
«Die Situation zeigt, wie eine Reorganisation scheitern kann, wenn die Mitarbeitenden und deren Vertretung nicht berücksichtigt werden.»
Gleichzeitig warnte die Gewerkschaft im vergangenen Jahr vor Verlust von Know-how. «Viele Mitarbeiter haben wegen der Reorganisation ihren Job aufgegeben, teilweise sind diese mit ihrem Know-how zu anderen Bahnen gewechselt», sagt René Zürcher von der Gewerkschaft SEV heute zum Thema. Bei den SBB hat man offenbar reagieren müssen. Heisst es doch bei den SBB zum Thema Verlust von Know-how: «Mit den Anpassungen konnte eine Stabilisierung der Situation erreicht werden. Wir haben zudem Ausbildungskonzepte angepasst, um das Know-how bei Mitarbeitenden schneller aufzubauen.»
Zudem habe man für die betroffenen Bereiche eine neue Zweitausbildung konzipiert, welche aktuell ausgeschrieben ist, um auch für die Zukunft eine genügende Anzahl von kompetenten Mitarbeitenden sicherzustellen.
Bei der Gewerkschaft SEV sieht man sich bestätigt: «Diese Situation zeigt, wie eine Reorganisation scheitern kann, wenn die Mitarbeitenden und deren Vertretung nicht berücksichtigt werden.» Man bedauere, dass bei den SBB niemand den Mut gehabt habe, dieses Scheitern anzuerkennen, die Verantwortung dafür zu übernehmen und den immer noch geplanten Umzug von Mitarbeitenden nach Olten aufzugeben, sagt ein Vertreter der Gewerkschaft.
Philipp Felber-Eisele ist Wirtschaftsredaktor bei Tamedia. Er berichtet über Wirtschaftspolitik direkt aus Bundesbern. Der Germanist und Historiker ist seit 2019 bei Tamedia als Journalist tätig.
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