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Kommentar zu LärmklagenNur Kinder dürfen lärmen

Wegen spielender Kinder die Securitas aufzubieten, geht zu weit. Aber sonst gilt: Ungestört zu leben,
ist eine zivilisatorische Errungenschaft, die man verteidigen muss.

Ein Fall für die Polizei? Eher nicht.
Ein Fall für die Polizei? Eher nicht.
Foto: Michael Probst (Keystone)

Es gibt einen Punktund er ist ziemlich schnell erreicht, bei dem sich Lockerheit in ihr Gegenteil verkehrt und spiessig wird. Das gilt besonders beim Thema Lärm. Wahrscheinlich haben wir es den 68ern zu verdanken, dass man sich heutzutage dazu genötigt fühlt, Lärmbelästigungen von Mitmenschen gaaaanz tolerant hinzunehmen, weil: Selbstverwirklichung, Lebensfreude, Yolo. Auf dem Friedhof ist es dann lange genug ruhig, hahaha.

Dabei ist das Recht auf Ruhe und Ungestörtheit eine der grössten zivilisatorischen Errungenschaften, und die Zivilisiertheit eines Landes misst sich nicht zuletzt daran, ob die Öffentlichkeit bereit ist, sie zu verteidigen, notfalls mithilfe der Polizei. Der Spiesser und die Spiesserin sind nicht jene, die im Zug den Jugendlichen mit aufgedrehter Boombox entgegentreten, sondern jene, die dazu rhythmisch-tolerant mit dem Fuss wippen und sich dabei cool finden.

Der Seelenfrieden eines Lärmempfindlichen ist grundsätzlich höher zu gewichten als der Hedonismus eines Lärmverursachers, weil sich Letzterer fast immer auch rücksichtsvoller ausleben liesse. Und warum wird eigentlich Toleranz meist aus der Perspektive des Störers definiert und von dessen Opfer eingefordert statt umgekehrt?

Gefängnis, wer beim Sex «Yippie» ruft

In einem Nachbarschaftsstreit hielt das Amtsgericht der westfälischen Stadt Warendorf fest, dass «Stöhnen beim Sexualverkehr und dabei laut ausgestossene Yippie-Rufe» für andere Mieter eine unzumutbare Belästigung seien. Ein weises Urteil. Noch weiser wäre es gewesen, wenn die Richter für die Yippie-Rufe eine Haftstrafe verhängt hätten.

Aber dies nur nebenbei. Wichtig ist: Es gibt auch beim Lärm eine Ausnahme, und die heisst «Kinder». Spielen und dabei Lärm machen gehört zum Wesen eines Kindes, weshalb es absurd ist, Kindern dies verbieten zu wollen oder sich auch nur daran zu stören. Kinderlärm ist organisch. Wer den Fortbestand der menschlichen Spezies befürwortet, muss ihn ertragen. Wer von einem Kind Ruhe fordert, kann ebenso gut den Regen darum bitten, nicht nass zu sein.

Zu Recht ist das Schweizer Mietrecht bei Kinderlärm für hiesige Verhältnisse erstaunlich tolerant. Und zu Recht hoben viele die Augenbrauen, als kürzlich bekannt wurde, dass die Migros-Pensionskasse in einer von ihr verwalteten Überbauung die Securitas aufmarschieren liess, um Kinderlärm zu unterbinden.

Aber bei Jugendlichen mit Boombox ist Schluss mit der Toleranz.