Ob richtig oder falsch, ist für Spione nicht die Frage

Krimi der Woche: «Niemand kennt deinen Namen» vom jungen englischen Autor Matthew Richardson ist ein klassischer Agententhriller – very british.

Jahrgang 1990 und bereits eine Karriere als Redenschreiber für Politiker und Journalist hinter sich: Jungautor Matthew Richardson.

Jahrgang 1990 und bereits eine Karriere als Redenschreiber für Politiker und Journalist hinter sich: Jungautor Matthew Richardson. Bild: John Cairns

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der erste Satz

«Ich weiss ein Geheimnis», sagt er.

Das Buch
Mit dem Agentenwesen ist es so eine Sache, seit das Ende des Kalten Krieges deklariert wurde. Einerseits verändert sich durch die Digitalisierung das Handwerk der Spione, andererseits sind nicht mehr die gegnerischen Spione das Hauptziel ihrer Aktivitäten. Dass Islamisten ganz anders funktionieren als kommunistische Spione, zeigt der junge englische Autor Matthew Richardson in seinem ersten Roman «Niemand kennt deinen Namen».

Solomon Vine ist ein erfolgreicher Agent des britischen Auslandgeheimdienstes MI6, der schnell Karriere gemacht hat. Bis ein Islamist bei einem Verhör unter seiner Aufsicht angeschossen wird. Vine wird vom Dienst suspendiert. Und geht der Frage nach, wer ihn da weshalb in diese Situation reingeritten hat. Es gibt offenbar einen Maulwurf im MI6, der die andere Seite mit Informationen beliefert. «Nobody», «Niemand», ist der Codename des Verräters. «Beim Gedanken an den Codenamen des Maulwurfs musste er des Öfteren schmunzeln; denn zu einem blossen Niemand zu werden, war schliesslich das höchste Ziel eines jeden anständigen Spions.» Vine findet Indizien, dass ein guter Kollege, der in Istanbul verschwunden ist, der Maulwurf sein könnte. Als er von Islamisten in einem Video vorgeführt wird, argwöhnt er, dass das alles getürkt sein könnte. Und er befürchtet, dass ein Anschlag in London bevorsteht.

Da seit den Enthüllungen von Edward Snowdon bekannt ist, wie weit elektronische Überwachung gehen kann, besinnen sich die Agenten in diesem Thriller wieder auf althergebrachte «analoge Tricks und Kniffe». Solche werden von Richardson, der als Journalist und Redenschreiber für Politiker tätig war, teils ausführlich beschrieben. Obwohl der Plot mit Islamismus und Überwachungsstaat aktuelle Themen behandelt, wirkt der durchaus spannende Roman über weite Strecken etwas schwerfällig und altbacken. Dazu trägt auch etwas viel Redundanz bei, als ob der Autor uns Leser für etwas begriffsstutzig halten würde. Zudem fehlen eine kritische Distanz und etwas Ironie, wie sie etwa Mick Herron in «Slow Horses» , wo es um den britischen Inlandgeheimdienst MI5 geht, kürzlich so brillant zeigte. Dass die britischen Geheimdienste agieren, als ob ihr Land noch immer eine wichtige Weltmacht wäre, stösst in dem Buch auf keine Zweifel. Immerhin lässt der Autor einmal leise durchblicken, dass die Motive der Geheimdienste nicht unbedingt die hehrsten sind, wenn er den MI6-Chef sagen lässt: «Was ist richtig, was ist falsch? Mit solchen Fragen geben wir uns nicht ab. Uns geht es nur um Vorteil oder Nachteil.»

Die Wertung

Der Autor
Matthew Richardson, geboren 1990, studierte Englisch an der Durham University im Nordosten Englands, wo er Redaktor der Studentenzeitung «Palatinate» war. Danach setzte er seine Studien am Merton College in Oxford fort. Er arbeitete dann als Redenschreiber für Politiker und als freier Journalist für Publikationen wie «The Times», «Sunday Times», «Daily Telegraph» und «New Statesmen». 2015 schloss er mit dem Londoner Verlagshaus Penguin Random House einen Vertrag über drei Bücher ab. Sein erster Roman «My Name Is Nobody» («Niemand kennt deinen Namen») erschien im Frühjahr 2017.

Matthew Richardson: «Niemand kennt deinen Namen» (Original: «My Name Is Nobody», Michael Joseph, London 2017). Aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer. Rororo/Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 2019, 396 S., ca. 14 Fr.

Erstellt: 09.01.2019, 15:20 Uhr

Artikel zum Thema

«Unsichtbare» Kinder als Einbruchsprofis

Krimi der Woche: Ohne billige Sentimentalität erzählt die Argentinierin Lucía Puenzo in «Die man nicht sieht» von Kindern, die als Einbrecher benutzt werden. Mehr...

Verhängnisvoller Raubzug in Marrakesch

Krimi der Woche: «Versammlung der Toten» des spanischen Journalisten Tomás Bárbulo ist ein raffinierter Noir-Thriller mit bedrohlicher politischer Komponente. Mehr...

Ein Detective zwischen Suff und Kater

Krimi der Woche: Mit «Blutiger Januar» startet der Schotte Alan Parks eine vielversprechende, auf zwölf Bände angelegte, harte Noir-Serie. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Mamablog Wenn Kinder sich selbst im Weg stehen

Sweet Home Die neue Moderne

Wie eine Pariser Seniorin zur Dealerin wird

Krimi der Woche: In «Die Alte» von Hannelore Cayre hat eine ältere Pariserin genug vom System. Mehr...

Profi-Killer sind auch nur Menschen

Krimi der Woche: «Das Killer-Kollektiv» in Barry Eislers neuem Thriller hat Kinderschänder im Visier. Mehr...

Wie weit gehen Eltern für ihr Kind?

Krimi der Woche: Adrian McKintys lässt in «The Chain» Kinder entführen – plump und enttäuschend. Mehr...