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Rossi und Marquez outOhne Superstars wirds endlich wieder würzig

Der eine ist verletzt, der andere hat Corona – und kaum einen stört ihre Abwesenheit. Warum dem MotoGP eine Pause der beiden prominentesten Fahrer guttut.

Ohren zu und durch: Valentino Rossi ist mit 41 Jahren immer noch der Superstar der Szene. Aber er altert – und wechselt jetzt in die zweite Liga der Teams.
Ohren zu und durch: Valentino Rossi ist mit 41 Jahren immer noch der Superstar der Szene. Aber er altert – und wechselt jetzt in die zweite Liga der Teams.
Foto: Mirco Lazzari (Getty Images)

Eine Garage und zwei Motorräder. Zwei einsame Nummern 46 – viel mehr war nicht zu sehen. Und diente den wenigen Fotografen und TV-Crews, die derzeit Zugang haben zur Boxengasse, als beliebtes Sujet. Dieses Stillleben war alles, was zu sehen war von jenem Mann, der ansonsten omnipräsent ist an Rennwochenenden. Für den sich – in normalen Jahren – Medien und Fans die Ellbogen in die Hüften rammen.

Aber Valentino Rossi ist nicht da. Er ist an Corona erkrankt und sitzt seit bald zehn Tagen daheim in Tavullia, diesem kleinen Städtchen in der italienischen Provinz mit Blick auf die Adria. Nach dem GP von Aragonien am vergangenen Wochenende verpasst er ab Freitag auch die Repechage auf demselben Circuit, diesmal ist es der GP von Teruel. Und weil nicht nur Rossi fehlt, sondern seit einem Armbruch mit Marc Marquez auch der klar beste Fahrer der letzten Jahre, muss die Szene derzeit ohne ihre Superstars auskommen.

Es ist ein einziges Vergnügen. Vier Rennen vor Schluss sind die vier besten Fahrer im WM-Klassement nur um 15 Punkte getrennt. So spannend wie in diesem Jahr war die MotoGP seit Jahren nicht.

Rossi: Abstieg in die 2. Liga

Stillleben eines Superstars: Die Yamaha-Box von Valentino Rossi beim GP von Aragonien.
Stillleben eines Superstars: Die Yamaha-Box von Valentino Rossi beim GP von Aragonien.
Foto: Mirco Lazzari (Getty Images)

Natürlich hätte für Rossi auch ohne Zwangspause viel zusammenpassen müssen, um wieder einmal ernsthaft um die WM kämpfen zu können. Der Dottore mag neunfacher Weltmeister sein – seit seinem letzten Titel sind allerdings elf Jahre vergangen. Vor seiner Quarantäne war er dreimal in Folge ausgeschieden und wirkt nicht erst in dieser Saison manchmal wie eine blasse Kopie seiner besten Jahre.

Das ist auch Yamaha aufgefallen. Noch vor Beginn dieser Saison kündigte sein langjähriger Rennstall an, Rossi für das darauffolgende Jahr zu ersetzen. Den Sitz erben wird Fabio Quartararo, 21-jähriger Franzose, und der Entscheid ist bis jetzt ein Volltreffer: Quartararo kämpft um den WM-Titel und könnte mit etwas Rennglück als Titelverteidiger zum Yamaha-Werksteam wechseln.

Und Rossi? Früh zeichnete sich zwar ab, dass er bei Petronas SRT unterkommen und so den Platz mit Quartararo tauschen wird. Der 41-Jährige bleibt bei den Malaysiern auch Yamaha treu, das Petronas SRT als Vertragspartner ausstattet. Aber: Für Oberalphatier Rossi ist das ein Abstieg in die Zweitklassigkeit der Teams. Nach Jahrzehnten in der Oberschicht, bei Honda, Yamaha, Ducati.

Marquez: Von der Schwerkraft bezwungen

Achtfacher Weltmeister – doch in diesem Jahr ein Opfer der Schwerkraft: Superstar Marc Marquez.
Achtfacher Weltmeister – doch in diesem Jahr ein Opfer der Schwerkraft: Superstar Marc Marquez.
Foto: Fazry Ismail (Keystone)

Wollen die erfolgsverwöhnten Fans von Marc Marquez ihren Liebling auch in dieser Saison ganz oben sehen – müssen sie die Tabelle drehn. Dieses Bonmot aus der Welt des Fussballs gilt, weil sich der Spanier bei einem fürchterlichen Sturz im ersten Rennen der Saison den Arm brach und seither als Schlusslicht der WM-Rangliste geführt wird. Ob er in dieser Saison noch zurückkehrt, wird immer fraglicher. Vielmehr hat der Katalane mit einem überstürzten Comeback-Versuch im Sommer seine restliche Saison wohl torpediert.

Es ist ein Rückschlag für Marquez, der nie in den vergangenen Jahren eine Resultatkrise zu haben schien – und selbst von der Schwerkraft unbezwingbar. Wie das Fachmagazin «Speedweek» nachzählte, stürzte Marquez bislang in seiner Karriere durchschnittlich 30-mal pro Saison, nur eben kaum je im Rennen. Und falls doch, kam er selbst dann heil davon, wenn er mit 338 Sachen verunfallte. Wie 2013 in Mugello.

Dass er nun in dieser Corona-Saison zum Zuschauen verdammt ist, mag das Renntier aus Cervera ärgern. Er dürfte es verschmerzen, auch aus familiären Gründen: Sein jüngerer Bruder Alex fuhr zuletzt zweimal aufs Podest.

Familienbande: Marc und Alex Marquez gewannen 2019 in ihren Klassen den WM-Titel – dieses Jahr gehen sie leer aus.
Familienbande: Marc und Alex Marquez gewannen 2019 in ihren Klassen den WM-Titel – dieses Jahr gehen sie leer aus.
Foto: Imago

Junge Garde: Es droht das Absurde

Doch klar ist: 2020 wird der Weltmeister der MotoGP-Klasse erstmals seit 2015 nicht Marquez heissen (damals triumphierte Jorge Lorenz). Sehr wahrscheinlich stattdessen: Joan Mir, Fabio Quartararo, Maverick Viñales oder Andrea Dovizioso. Der Spanier Mir führt die Wertung seit seinem Sieg in Aragonien an, doch die Konkurrenz lauert auf jeden Fehler – und bietet grosse Unterhaltung. Für jeden aus diesem Quartett wäre der Titel eine MotoGP-Premiere. Quartararo wurde noch nicht einmal in einer tieferen Kategorie je Weltmeister.

Vor der Premiere: Der Spanier Joan Mir hat mit seinem Sieg am vergangenen Wochenende in Aragonien die WM-Führung übernommen.
Vor der Premiere: Der Spanier Joan Mir hat mit seinem Sieg am vergangenen Wochenende in Aragonien die WM-Führung übernommen.
Foto: Pablo Morano (Keystone)

Und so könnte es zur absurden Situation kommen, dass mit Dovizioso der grösste Verlierer dieses WM-Jahres Weltmeister wird. Denn noch hat der Italiener, immerhin fünffacher WM-Zweiter, kein Team für 2021: Er hatte sich entschieden, einem Gehaltsverzicht, den der Ducati-Rennstall von ihm verlangt hatte, nicht zuzustimmen. Jetzt gerät Dovizioso zunehmend unter Zeitdruck: Es sind kaum noch Sitze frei.

2 Kommentare
    ralfkannenberg

    Im Wettkampf sollen die Besten gegeneinander antreten und nicht die Interessantesten.