Portrait

Der Chinesenfänger von Hameln

20 Jahre nach dem letzten europäischen Olympiasieger kämpft das deutsche Tischtennis-Wunderkind Dimitrij Ovtcharov auf dem Weg zu Gold gegen eine asiatischen Übermacht.

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Einen Chinesen hat er schon ausgeschaltet: Dimitrij Ovtcharov triumphierte im Achtelfinal gleich mit 4:0 gegen Weixing Chen – dieser spielt allerdings seit zwölf Jahren für Österreich. Den letzten echten Europäer, Michael Maze aus Dänemark, schaltete Ovtcharov am Dienstag nach einem dramatischen Viertelfinal im entscheidenden siebten Satz mit 11:9 aus. «Das ist einer der glücklichsten Momente in meinem Leben. Der Anfang war gut. Zwischendurch habe ich die Kontrolle verloren. Jetzt freue ich mich auf einen Ruhetag. Das ist sehr gut», sagte Ovtcharov völlig erschöpft.

Über eine Stunde lang lieferten Ovtcharov und Maze in der ExCel-Arena in London reichlich Stoff für einen wahren Tischtennis-Krimi. Immer wieder schrie sich der 23-jährige Deutsche seine Freude aus dem Leib, während er gegen den sieben Jahre älteren Dänen mit 2:0 in Führung ging. Ovtcharov war so laut, dass die dänische Tennisspielerin Caroline Wozniacki via Twitter schimpfte: «Dieser Deutsche geht mit mit seinen Schreien wirklich auf die Nerven.»

Dann aber musste der gebürtige Ukrainer noch einmal zittern, er gestand seinem Kontrahenten drei Sätze in Folge zu. Am Ende sicherte er sich die Halbfinalteilnahme mit 4:3 und trifft nun auf den chinesischen Weltmeister Zhang Jike, der Jiang Tianyi aus Hongkong bezwingen konnte.

Chinesische Invasion in Hameln

Dimitrij Ovtcharov hat nach dem frühen Ausscheiden seines Teamkollegen Timo Boll nun die einmalige Chance, als erster Europäer seit Schwedens Ballzauberer Jan-Ove Waldner 1992 in Barcelona wieder Gold zu holen. Ovtscharov, der 2008 in Peking mit dem deutschen Team im Final an China scheiterte, kann dabei auf die Erfahrung von Jörg Rosskopf zurückgreifen. Der Bundestrainer gewann 1996 die Bronzemedaille, Gold und Silber gingen an China. Aber nicht nur Rosskopf, auch Ovtcharovs Vater hatte in den Siebziger- und Achzigerjahren als russischer Landesmeister mit den Chinesen schon seine liebe Mühe.

Nach dem Ende seiner Karriere und dem Zusammenfall der Sowjetunion zog es die Ovtcharovs nach Deutschland, sesshaft wurde die Tischtennis-Familie schliesslich in Hameln. Jener Stadt, die dank der Sage «Der Rattenfänger von Hameln» pro Jahr über zwei Millionen Touristen anzieht und vor allem für Asiaten ein beliebtes Reiseziel ist. Vor vier Jahren erlebte die beschauliche Stadt gar eine chinesische Invasion, weil das Jahr 2008 im Tierkreiszeichen der Ratte stand. Bis die Chinesen jedoch wieder so zahlreich einfallen, muss sich das Tourismusbüro von Hameln bis 2020 gedulden. Ausser Dimitrij Ovatcharov zieht am Donnerstag gegen den chinesischen Weltmeister in den Olympiafinal ein. Dann können sich die vielen Stadtführer im Rattenfänger-Kostüm bald Chinesenfänger nennen.

Erstellt: 01.08.2012, 13:32 Uhr

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