Vom liebeskranken Trinker zum Überflieger

Iwan Uchow, der 2008 an der Athletissima in Lausanne betrunken zum Hochsprung antrat, ist auf dem Leichtathletik-Olymp angekommen – mit einer kuriosen Geschichte im Gepäck.

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Bis zu seinem gestrigen Olympiasieg war Iwan Uchow vor allem eines: der Hochspringer, der am 2. September 2008 in Lausanne sturzbetrunken an der Athletissima antrat und für einen unfreiwilligen Quoten-Hit auf Youtube sorgte. Die Bilder, wie er sich zuerst kaum aus der Hose seines Trainingsanzugs befreien konnte und danach geradeaus in die Schaumstoffmatte torkelte, verfolgten ihn rund um den Erdball. Dabei war der Grund für Uchows Trinkgelage vor dem Wettkampf durchaus keine Disziplinlosigkeit, sondern Liebeskummer. Seine Freundin hatte am Morgen per Telefon mit ihm Schluss gemacht.

Ganz ohne Zwischenfall verlief auch Uchows goldener Olympiawettkampf nicht. Vor seinem Sprung über 2,33 Meter – er überquerte schliesslich 2,38 Meter – war auf einmal das Trikot verschwunden. Uchow suchte, aber fand nicht und streifte sich schliesslich ein blaues Trainingsshirt über. In das wenig aerodynamische Textil gekleidet, lief er an und schaffte die vorgegebene Höhe. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der Russe gerissen und wegen eines Fehlversuchs auf dem Weg zum Topergebnis den Triumph verpasst hätte. Im weiteren Verlauf des Wettbewerbs sprang er übrigens im geliehenen Trikot seines Teamkollegen Andrej Silnow.

Ein Kontrapunkt zum grassierenden Technikwahn

Ebenso eigenwillig wie Uchows Charakter sind seine Schuhe. Er weigert sich standhaft, mit Spikes an den Fersen anzutreten, obwohl alle seine Konkurrenten dies tun. Ein Kontrapunkt zum grassierenden Technikwahn der Sportartikelhersteller, die sich schon damit abfinden müssen, dass Usain Bolt sein 100-Meter-Gold von Peking mit offenen Schnürsenkeln gewann. Aussergewöhnliches Talent setzt sich eben immer durch, selbst unter widrigen Umständen.

Auch der Karriereverlauf Iwan Uchows muss der Wissenschaft wie Spott erscheinen: Dem Hochsprung wandte sich der frischgebackene Olympiasieger erst mit 17 zu – zuvor hatte er sich als Basketballer und nach einem Streit mit seinem Trainer als Diskuswerfer versucht. Zu seiner sportlichen Bestimmung kam er nur, weil er während des Trainings ein paar Hochspringer fragte, ob er auch einmal einen Versuch machen dürfe. «Sie sagten ja, und ich sprang höher als sie alle», schilderte Uchow das Aha-Erlebnis gegenüber der BBC.

Anders als ein gewöhnlicher Olympiasieger wollte Uchow nach seinem goldenen Abend nicht die ganze Welt umarmen. Er ärgerte sich über allzu eifrige Fotografen. «Ich denke, ich hätte einen olympischen Rekord aufstellen können, wenn man mich nicht gestoppt hätte», sagte der Leichtathlet. «Aber als ich sah, dass die Fotografen anfingen, auf die Bahn zu rennen, beschloss ich, dass es keinen Sinn hat.» Auch die Siegerehrung der Stabhochspringerinnen mit seiner Landsfrau Jelena Isinbajewa habe ihn in seiner Konzentration gestört.

Erstellt: 08.08.2012, 13:18 Uhr

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