«Uns fehlt es an Fussball-Kultur»

U-23-Naticoach Pierluigi Tami vermisst in der Schweiz die Leidenschaft für den Fussball – mit Erfolgen bei Olympia kann sein Team wie vor einem Jahr wieder Euphorie schüren.

Olympisches Training: Pierluigi Tami will mit seinen Spielern zumindest die Gruppenphase überstehen.

Olympisches Training: Pierluigi Tami will mit seinen Spielern zumindest die Gruppenphase überstehen. Bild: Keystone

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Pierluigi Tami, welche Sportarten haben Sie am liebsten?
Fussball, natürlich. Wenn es aber die Zeit erlaubt, spiele ich sehr gerne Tennis und fahre Rad.

Und setzen Sie sich dafür auch stundenlang vor den Fernseher?
Klar, ich schaue mir sehr gerne Sport an. Tennis, Rad, Leichtathletik – das sind Sportarten, die mich faszinieren. Kämpft dazu noch ein Schweizer um die Medaillen, ist es noch interessanter. Roger Federer sollte für alle Schweizer ein Vorbild sein.

Wie wichtig ist an den Olympischen Spielen das Fussballturnier?
In der Schweiz könnte man fast meinen, es sei nicht wichtig. Aber das ist es. Wenn wir unseren Fussball weiter verbessern wollen, ist es entscheidend, dass wir an solchen Turnieren dabei sind. Der Schweizer Fussball hat in den letzten 20 Jahren grosse Fortschritte gemacht. Aber man spürt, dass es uns noch an Fussballkultur fehlt. In anderen Ländern ist diese Leidenschaft viel deutlicher zu spüren: Spanien, Brasilien, Uruguay, Mexiko. Dort gibt es keine Diskussionen. In Spanien hatte Trainer Luis Milla das Problem, sich entscheiden zu müssen, wen er zu Hause lässt.

Unterschätzen hier viele die Bedeutung des Olympiaturniers?
Dass die Schweiz an diesem Turnier teilnimmt, ist nicht selbstverständlich. Sie sehen ja: Nur drei europäische Mannschaften haben sich qualifiziert. (Das britische Team war als Gastgeber gesetzt.) Den Spielern habe ich klargemacht: Als Schweizer Fussballer kann man im besten Fall einmal im Leben an Olympia teilnehmen. Wenn überhaupt.

Frustriert es Sie, dass sich einzelne Clubs öffentlich über Ihr Aufgebot beschwerten?
Was heisst Frust . . . Zur Entwicklung einer Fussballkultur brauchen wir Turniere, Weltmeisterschaften, Europameisterschaften und ja, auch diese Olympischen Spiele. Und wir brauchen nicht nur Teilnahmen, wir brauchen Resultate und Erfolge. Näher will ich auf die Problematik aber nicht mehr eingehen. Ich bin froh, sind wir jetzt in Newcastle und stehen kurz vor unserem ersten Spiel gegen Gabun.

Das olympische Motto heisst: «Dabei sein ist alles.» Gilt das auch für die Fussballer?
Ich habe über diesen Satz nachgedacht, er stammt von Pierre de Coubertin. Weshalb hat er das gesagt: Einst duften nur Amateure an Olympischen Spielen teilnehmen, und zu dieser Zeit hatte dieser Satz sicher seine Berechtigung. In der heutigen Zeit ist er überholt. Die Viertelfinals sind unser erstes Ziel. Das wird schwierig genug – aber es ist machbar. Von den vier Teams in unserer Gruppe erreichen zwei die Viertelfinals. Und wichtig ist für mich auch, in welchem Stil wir auftreten werden.

Was ist denn der Stil der Schweizer Mannschaft?
Wir haben an der EM in Dänemark bewiesen, dass es schwierig ist, gegen uns Tore zu erzielen. Wir haben im Final gegen Spanien zwei Tore erhalten, aber insgesamt waren wir sehr solid in defensiver Hinsicht und wir überzeugten durch eine gute Organisation. Wir erarbeiteten uns gegen alle Gegner Torchancen. Nun treffen wir auf Mannschaften aus anderen Kulturen, aus Afrika, Asien und Südamerika. Die wenigsten unserer Spieler haben schon gegen solche Gegner gespielt. Wie schwierig das ist, hat man beim A-Team an der WM in Südafrika gesehen. Ich will aber von der Mannschaft sehen, dass sie auch gegen diese Gegner die Spielkontrolle erarbeitet.

Dann . . .
. . . dann ist sehr vieles möglich.

Von den Spielern ist zu hören, sie würden gerne ins Olympische Dorf in London einziehen. Dafür muss die Schweiz die Gruppe gewinnen, da der Viertelfinal im Wembley ausgetragen würde – ansonsten können Sie frühestens wieder für den Final nach London kommen.
Das ist richtig, und damit ist die Frage nach unserem Ziel beantwortet. Wir wollen nach London. Es wird immer über die Spiele in London gesprochen, aber in unserem Programm kommt London gar nicht vor. Wir sprechen von Newcastle, Coventry und Cardiff, den Städten, in denen wir unsere Gruppenspiele austragen. Das ist ein bisschen schade. Aber sollten wir den Viertelfinal als Gruppenerste erreichen, könnten wir ins Olympische Dorf einziehen – das wäre eine wirklich grossartige Sache.

Drei Spiele innert sieben Tagen, zwei zusätzliche Reisetage, keine Fünf-Stern-Hotels mit allem Schnickschnack, sondern Hotels, in dem weitere drei Teams einquartiert sind – oder eben das olympische Dorf. Wie werden Ihre Spieler darauf reagieren?
Wir haben überhaupt keine Erfahrung, wie ein solches Turnier in organisatorischer Hinsicht abläuft. Wir kennen erst einmal den Spielplan. Drei Spiele innert sieben Tagen, darauf müssen wir uns einstellen; auch darauf, dass es lange Fahrten und vielleicht lange Wartezeiten im Bus gibt, denn der wird von der Organisation gestellt. Auch die Trainingszeiten werden nicht von uns festgelegt, sondern von der Turnierleitung. Die Hotels sind gut, aber die Spieler logieren in Doppelzimmern. Für viele Sportler an Olympischen Spielen ist das vollkommen normal, einige Fussballer aber werden sich umstellen müssen.

Kennen die Spieler überhaupt andere Sportler des Schweizer Olympia-Teams?
Es ist gut und wichtig, dass die Fussballer auch über die anderen Schweizer Olympia-Sportler und ihre Sportarten informiert sind. Wir haben Gian Gilli (den Chef de Mission) ins Trainingslager nach Magglingen eingeladen, der uns einen Überblick über das Schweizer Olympia-Team vermittelt hat. Wir sind Teil dieses Teams, das aus 102 Sportlerinnen und Sportlern besteht. Und ich wünsche mir sehr, dass meine Spieler an diesen Olympischen Spielen mehr mitbekommen werden als nur das Fussballturnier.

Erstellt: 24.07.2012, 12:29 Uhr

Zum Auftakt gegen Gabun

Seit Juli 2009 ist Pierluigi Tami Trainer des U-21-Nationalteams, und der 50-Jährige aus Minusio TI führte dieses 2011 erstmals seit sieben Jahren wieder an eine U-21-EM. Ohne ein Gegentor zu erhalten, erreichte die Schweiz in Dänemark den Final, wo sie Spanien 0:2 unterlag. Nur die besten drei Teams des Turniers qualifizierten sich für Olympia 2012, neben den Finalisten kam Weissrussland hinzu – während Grossbritannien (das es ansonsten im Fussball nicht gibt) als Gastgeber gesetzt war. Das Olympische Fussballturnier geht schon vor der Eröffnungsfeier am Freitag los: Morgen bestreiten die Frauen ihren ersten Spieltag, am Donnerstag die Männer. Die Schweiz trifft zum Auftakt um 18.15 Uhr MEZ in Newcastle auf U-23-Afrikameister Gabun. (wie)

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