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Der Trotz nach der unnötigen Niederlage

Die Lage des Schweizer Olympia-Fussballteams ist prekär. Goalie Diego Benaglio sieht als Grund dafür aber nicht mangelnde Qualität, sondern Pech in den entscheidenden Situationen.

Da war noch alles in Ordnung: Die Schweizer singen die Nationalhymne.
Da war noch alles in Ordnung: Die Schweizer singen die Nationalhymne.
Keystone
Verbissen: Admir Mehmedi (l.) im Zweikampf mit Changsoo Kim.
Verbissen: Admir Mehmedi (l.) im Zweikampf mit Changsoo Kim.
Keystone
Entscheidung: Chuyoung Park (l.) und Bokyung Kim feiern das Tor zum 2:1.
Entscheidung: Chuyoung Park (l.) und Bokyung Kim feiern das Tor zum 2:1.
Keystone
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Die einen Schweizer fluchten, ein paar speziell Frustrierte schwiegen nur noch, einige der Verlierer rangen bitter enttäuscht um Erklärungen. Die Dimension der Niederlage im zweiten Olympia-Vorrundenspiel gegen Südkorea hatten sie schon Sekunden nach dem letzten Pfiff erfasst. Nun weitet sich der ohnehin schon schwierige Weg in den Viertelfinal zur Mathematikaufgabe aus: Nur ein Erfolg mit mindestens zwei Treffern Differenz kann in Cardiff im Spiel der letzten Chance gegen Mexiko den olympischen Traum verlängern.

«Wir sind noch unterwegs. Noch ist alles möglich», betätigte sich Pierluigi Tami bei erster Gelegenheit vor den Medien als Motivator. Aber auch dem Tessiner ist klar, dass es jetzt sehr schwierig wird. Es wäre unter Umständen einfacher gewesen, den robusten, aber nicht unwiderstehlichen Südkoreanern ein Remis abzuringen. Chancen für eine bessere Ausgangslage erspielten sich die Schweizer genügend.

Unvorteilhafte Szenen

Aber ausser Emeghara schlugen sie alle Offerten aus, Drmic und der glücklos rackernde Mehmedi scheiterten der Reihe nach. Die fehlende Effizienz griff Tami als ersten Grund für das negative Resultat auf: «Südkorea war entschlossener vor dem Tor. Wir haben die Chancen nicht verwertet. Das Team hat aber Charakter demonstriert. Wir hätten auch das Remis verdient.»

Tami selber thematisierte vor allem eine Szene in der Schlussphase. Admir Mehmedi verschaffte sich Raum und Zeit, setzte den Ball in der 87. Minute aber meterweit über die Latte. Eine solche Möglichkeit lasse sich Mehmedi normalerweise nicht entgehen, ärgerte sich Tami. Für ihn waren deshalb nicht die unvorteilhaften Szenen von Innenverteidiger Fabian Schär ausschlaggebend, sondern eben der fatale Fehlschuss des Kiewer Stürmers.

Mehrere Konter-Optionen

Intern wird der Trainer aber wohl auch die unmittelbare Phase nach dem 1:1 von Emeghara (60.) aufarbeiten müssen. Auch wenn er seiner Equipe eine «taktisch gute Leistung» attestierte und davon sprach, eine andere Schweiz gesehen zu haben, wäre etwas mehr Gelassenheit im einen oder anderen Fall wohl erfolgsversprechender gewesen. Die Schweizer gestanden den temporär angeschlagenen Südkoreanern praktisch postwendend das zweite Erfolgserlebnis zu.

Schär, der das 0:1 von Park Chu-Young mit einem Stellungsfehler verschuldete, und auch Captain Diego Benaglio beklagten vor dem 1:2 unisono das fehlende Glück - der Ball wurde tatsächlich wieder abgefälscht, bevor Kim Bok-Yung zum wunderbaren Schuss ansetzte. «Ein solches Tor schiesst er wohl nicht oft in seiner Karriere», meinte Benaglio. Aber eben: Die Schweizer waren daran nicht unbeteiligt. Sie wähnten sich nach dem 1:1 im Vorteil und versperrten den Raum für ein paar Augenblicke eben nicht mehr so erfolgreich wie zuvor.

Ein zweites Comeback gewährten die Südkoreaner dem Herausforderer nach dem 2:1 Kims (64.) trotz einiger Wackler in der letzten Viertelstunde nicht mehr. Ihnen boten sich gar mehrere Konter-Optionen. Ein Schuss touchierte die Latte, jener von Koo prallte von der Latte zurück.

Unterhaltsamer Schlagabtausch

Mehr Volumen hatten sich die Schweizer gewünscht, um im südkoreanischen Verdrängungskampf im Mittelfeld bestehen zu können. Auch deshalb rückte Pajtim Kasami in die Startformation vor. Gleich bei seiner ersten Aktion nach 23 Sekunden legte der Fulham-Professional dar, was er unter «mehr Volumen» (Zitat von Direktor Peter Knäbel) versteht: Bei einem Kopfballduell rammte er seinem Gegenspieler den Ellbogen mehr oder weniger unbeabsichtigt ins Gesicht.

Der erste Akzent brachte ihm zwar eine Verwarnung ein, war aber auch als Kampfansage der Schweizer zu interpretieren. Sie kapitulierten vor der Dynamik der höher eingeschätzten Koreaner nicht, stattdessen verwickelten sie die vergleichsweise erfahrene Equipe in einen harten und für die über 30'000 Zuschauer jederzeit unterhaltenden Schlagabtausch. Nur brachte der hartnäckige Stil den Schweizern am Ende nichts ein – weder die Sympathien der englischen Zuschauer noch das so sehr angestrebte Unentschieden.

Weniger Zuspruch als Blatter

Fifa-Präsident Sepp Blatter fand im Stadion mehr Zuspruch als seine Landsleute. Er, der die Selektions-Prinzipien des SFV vor ein paar Tagen mit einer flapsigen Bemerkung kommentiert hatte, interessierte sich für den zweiten Auftritt der Schweizer dann aber doch. Nicht in der gleichen Reihe zwar, aber im gleichen Sektor der Tribüne wie sein Amtskollege Peter Gilliéron verfolgte Blatter die Partie gegen Südkorea und trug sogar zur Pausenunterhaltung einiger asiatischer Gäste bei.

Sie bestürmten den Präsidenten des Fussball-Weltverbandes regelrecht. Der Walliser posierte minutenlang fürs Privatalbum. Eine ähnliche Zuneigung wird ihm in englischen Stadien üblicherweise nicht zuteil - der Boulevard der Insulaner verspottete ihn nach der WM in Südafrika als «Sepp Blunder». Eine gleiche Polemik droht der Schweizer U23-Auswahl auf der Insel selbstredend nicht, sondern der baldige Abschied von Olympia.

Noch wehren sich die Schweizer gegen ein allzu düsteres Szenario. Mathematisch sei noch alles machbar, versicherten sie tapfer. «Nichts ist verloren», stellte Benaglio fest. Aber zur Rechnung gehören auch die Mexikaner, die vier Punkte und das Potenzial zur nochmaligen Steigerung besitzen. «Wir auch», entgegnete der Nationalkeeper. Er hat den Spirit von Tami am meisten verinnerlicht.

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