London 2012

Das Schöne an einem Tiefpunkt

Der 1. August wurde für das Schweizer Olympiateam zum schwarzen Mittwoch. Aber noch gibt es zahlreiche Medaillentipps – so sicher wie die bisherigen...

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Es war 1 Uhr 21 am frühen Morgen des 1. August, als eine Vorwarnung in die Mailboxen der Schweizer Olympiajournalisten flatterte. Betreff wichtige Infos. «Da die Möglichkeit besteht, dass die Schweizer Delegation morgen die erste Medaille gewinnt», meldete der Medienchef von Swiss Olympic, «möchte ich Sie kurz über das Vorgehen bei einem Medaillengewinn informieren.» Allfällige Medaillenfeiern im Swiss House, so wurden wir informiert, würden nicht vor 22 Uhr beginnen.

Die lange Pannenparade

Wenn im Swiss House gestern gefeiert wurde (oder werden musste), lag das am Datum und nicht an den Medaillen. Der Tag, der sich für das Schweizer Olympiateam als «Super-Mittwoch» angekündigt hatte, wurde zum «Black Wednesday», an dem die eine schlechte Nachricht die andere jagte. Pleiten, Pech und Pannen. Die Fechter Heinzer und Kauter im Achtelfinal gescheitert. Olympia für Judokämpferin Julia Robert nach fünf Minuten vorbei. Pistolen-Europameisterin Heidi Diethelm Gerber zehn Punkte unter ihrer Bestmarke. Kanute Mike Kurt im Halbfinal mit gebrochenem Paddel gescheitert. Die Segler Marazzi/De Maria nur 15. Angeschlagener Titelverteidiger Cancellara ohne Medaille im Zeitfahren. Schweizer Fussballer reisen sieglos nach Hause. Titelverteidiger Federer/Wawrinka scheitern an ungesetzten Israelis. Bei so viel Unheil ging eine gute Nachricht beinahe unter, und die war erst noch vom Vortag: die Qualifikation des Leichtgewicht-Vierers für den heutigen Final der besten sechs auf dem Lake Dorney.

Solche Tage, an denen alles schiefläuft, was schieflaufen kann, kann es geben. Das Problem des schwarzen Mittwochs, von dem alle so viel erhofft hatten, lag anderswo: Der 1. August reihte sich nahtlos an die vier letzten Tage im Juli, mit denen die Olympischen Spiele von London begannen und an denen vergeblich nach einem Schweizer Exploit gefahndet wurde.

Einen gab es. Im Strassenrennen vom Samstag, dem ersten grossen Rendezvous des Schweizer Sports mit dem Rest der Welt, zeigten Michael Schär, Gregory, Rast, Martin Elmiger und Michael Albasini eine perfekte Leistung. Mit ihrer Vorarbeit servierten sie Fabian Cancellara die angestrebte Medaille auf dem «Goldtablett» (Zitat Cancellara), doch dann kam diese Rechtskurve, Cancellara schaute sich kurz um, bremste und stürzte. Eine lädierte Schulter war die direkte Folge. Aus einem möglichen Start nach Mass für das Schweizer Olympiateam wurde ein Fehlstart.

Die grosse Wurmfrage

Spätestens seit gestern stellt sich die Frage: War dieser so schlimm, dass er die ganze Delegation in den Abgrund riss? Sind Niederlagen ansteckend? Wurde der Druck wegen der Erfolglosigkeit immer unerträglicher? Gibt es den Wurm, der sich in einem Team einnistet, tatsächlich - so wie wir das im letzten Winter beim Ski-WM-Debakel von Garmisch vermuten mussten? Und wenn: Wie fand dieser Wurm den Weg über den Kanal auf die britische Insel?

Oder ist jede Niederlage, jedes Ausscheiden, jedes Debakel ein Einzelfall? Mit vielen völlig unterschiedlichen Erklärungen, die erst als zusammengesetztes Puzzle ein so klares Bild ergeben? Wer als Fussballtrainer so schlecht in eine Saison startet, wie dies das Schweizer Team in London getan hat, wäre längst entlassen. Bei Olympia gibt es keine solche Diskussionen. In Peking gab es acht Medaillen. Danach wurde die Situation analysiert, nach Fehlern gesucht, Verbesserungen angeordnet.

Das Schöne an einem Tiefpunkt ist, dass es danach meist nur noch aufwärtsgehen kann. Noch darf gehofft werden, noch gibt es Medaillentipps, die so sicher sind wie die von Cancellara. Bereits heute könnte der Leichtgewicht-Vierer, der sich mit der zweitbesten Zeit für den Final qualifizierte, die Wende herbeirudern. Federer ist eine Bank, zumindest für Silber. Nicola Spirig ist die beste Triathletin der Welt und als stärkste Läuferin kaum zu besiegen. Und am Schlusstag wird mit Nino Schurter der Weltcupsieger dieser Saison am Start des Mountainbike- Rennens stehen. Wir haben die Springreiter, die sowohl im Einzel als auch mit der Mannschaft eine Medaillenchance haben. Dafür braucht es allerdings einen dieser Exploits, auf den wir seit bald einer Woche warten.

Die heikle 5-Prozent-Quote

Es gibt wenige Schweizer Sportler, die mit einer normalen, durchschnittlichen Leistung eine Medaille gewinnen können. Sie heissen Federer, Cancellara, Spirig und Schurter. Alle andern müssen über sich hinauswachsen, sich im entscheidenden Moment steigern und ihre beste Leistung abrufen, wie es im Sportmanagement-Jargon heisst. Nicht jeder schafft das, auch in andern Nationen gelingt dies nur einer Minderheit. Sonst hätten die Deutschen und Briten nicht so lange auf ihre erste Goldmedaille warten müssen.

Es wird sich kaum feststellen lassen, wie viele Olympiateilnehmer sich am Tag X in Bestform präsentieren und sich übertreffen können. Aber unter 5 Pro- zent, wie bis jetzt im Schweizer Olympiateam, darf die Quote nicht liegen. Sonst muss man alles hinterfragen.

Erstellt: 02.08.2012, 07:39 Uhr

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