Analyse

Die Mär von der Sportnation

Nie gewannen Schweizer Wintersportler mehr Gold als in Sotschi. Die Momentaufnahme ist aber ein Trugbild.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist Zeit für nationalen Stolz. Die Frauen und Männer, welche die Schweizer Farben an den Olympischen Spielen in Sotschi trugen, leisteten exzellente Botschafterdienste: Unser Land rangiert mit Platz 7 mitten unter den Branchenbesten. Dabei weisen Russland, Kanada, die USA und Deutschland deutlich mehr Einwohner auf. Nur die kleinen Norwegen und Holland vermochten ebenso in die Phalanx der Riesen einzubrechen.

Von Aarwangen bis Zürich läuft darum so mancher Schweizer nun mit breiter Brust herum und freut sich daran, was für eine tolle Wintersportnation wir doch sind. Bloss unterliegen diese Sportpatrioten einem fundamentalen Irrtum: Die Schweiz mag traditionell viele Hobbyskifahrer oder -lang­läufer aufweisen und weltweit als Schneesportdestination gelten. In Bezug auf ihre Spitzenathleten aber ist sie keine Sportnation.

Man würde mit diesen ansonsten anders umgehen. Ein Beispiel: In Deutschland sind allein über die Armee 800 Athleten angestellt. In der Schweiz sind es 18, im Verhältnis also rund viermal weniger. Helvetische Politiker sonnen sich zwar gern im Erfolg von Goldmedaillengewinnern wie Dario Cologna oder Dominique Gisin und schicken auch umgehend Gratulationsbotschaften. Im Alltag aber bleibt diese Freude ziemlich wirkungslos.

Eine Konsequenz hat eine Studie der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen im vergangenen Jahr dargelegt: Viele Schweizer Spitzenathleten leben am Existenzminimum. 40 Prozent unserer Winterspitzensportler verdienen pro Jahr weniger als 14'000 Franken. Der Median liegt bei 25'000 Franken. Geld zu sparen und allenfalls in eine private Vorsorge zu investieren, ist vielen Schweizer Topsportlern unmöglich.

Curdin Perl war gestern über 50 Kilometer der Langläufer als Zwölfter der beste Schweizer. Auf den nächsten Weltcup aber wird er verzichten. Er braucht Geld und absolviert darum den Engadin-Skimarathon, den grössten Schweizer Volkslauf. Die Siegerprämie beträgt 10'000 Franken.

Mehr Geld würde helfen

Ein anderes Beispiel: Iouri Podladtchikov, der mit seinem Gold im Halfpipe-Snowboarden wesentlich zum aktuellen Erfolg beitrug, investierte seit 2012 500'000 Franken. Da sind die 40'000 Franken, welche er als Prämie vom Schweizer Dachsportverband für den Titel erhielt, bloss ein Zustupf.

Spitzenathleten sind in unserem Land also primär gelitten. Eine Sportnation würde ihre Besten in ganz anderen finanziellen Dimensionen unterstützen. Wie bescheiden der Stellenwert ist, verdeutlicht ein weiterer Betrag: Ein Vollzeittrainer verdient im Schnitt 63'000 Franken im Jahr. Da ist wenig erstaunlich, dass oft Gastarbeiter an der Spitze der Teams stehen. Sowohl die Alpinen wie die Langläufer, die vier der sechs Goldmedaillen in Sotschi generierten, werden von Ausländern geführt.

Dass sich die Schweiz zumindest an Winterspielen weiterhin unter den Besten halten kann, hängt primär damit zusammen, dass die Zahl konkurrierender Länder stagniert. 1988 teilten sich 30 Prozent der teilnehmenden Nationen die Medaillen. An dieser Verteilung hat sich auch in Sotschi nichts verändert. Anders ist die Situation im Sommersport. Dort hat sich der Kampf um olympische Podestplätze intensiviert. Als Folge wurde die Schweiz im Medaillenranking nach hinten durchgereicht.

Will sich die Schweiz im olympischen Wintersport auch in Zukunft behaupten, muss sie den hiesigen Spitzensport aufwerten. Geld hilft dabei, ist aber nur einer der Faktoren. Der Beruf «Profiathlet» muss als genauso wertvoll angesehen werden wie andere, traditionellere Berufe. Dann würden auch die Schattenseiten wie tiefe Einkommen rascher zu einem öffentlichen Thema. Der Schweizer Wintersport hätte diese Entwicklung verdient, wie die Bilanz von Sotschi zeigt.

Erstellt: 24.02.2014, 07:29 Uhr

Umfrage

Spitzensportler leben in der Schweiz häufig am Existenzminimum. Sollten sie vom Bund einen Existenz sichernden Mindestlohn bekommen?

Ja

 
42.0%

Nein

 
58.0%

2363 Stimmen


Cristian Brüngger

Cristian Brüngger (Bild: Nicola Pitaro)

Bildstrecke

Oeschgers Winkel – Bilder aus Sotschi

Oeschgers Winkel – Bilder aus Sotschi Der TA-Fotograf Reto Oeschger ist zum wiederholten Mal an Olympischen Spielen. Er blickt aus allen Perspektiven auf Sotschi – und die Schweizer Athleten.

Artikel zum Thema

Spektakuläre Abschlussfeier in Sotschi

Die russischen Gastgeber boten zum Ende der Olympischen Spiele eine wunderschöne Show. Die Schweizer Fahne trug die Alpin-Snowboarderin Patrizia Kummer. Mehr...

Pech für Cologna: Skibruch kurz vor dem Ziel

Ski nordisch Unglaubliches Pech für Dario Cologna bei seinem letzten Auftritt in Sotschi über 50 km. 2 Kilometer vor dem Ziel und in guter Ausgangslage bricht sein linker Ski. Alle Medaillen gehen nach Russland. Mehr...

Patrizia Kummer hält die Schweizer Fahne hoch

Zürich Die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi sind beendet. An der Schlussfeier trug Snowboard-Olympiasiegerin Patrizia Kummer wie vorgesehen die Schweizer Fahne. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Mamablog Vaterschaftsurlaub – der Krimi geht weiter

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Unterwegs per Kanu: Ein überfluteter Park in Hereford, England, lädt zum Wassersport ein. (17. Februar 2020)
(Bild: Christopher Furlong/Getty Images) Mehr...