Analyse

Ein Champion nach Alis Vorstellung

Dario Cologna zeigt mit seinem Olympiasieg, was Ausnahmeathleten definiert: unbedingter Siegeswille. Mit diesem Glanzauftritt hilft er auch dem Schweizer Team.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es gibt unzählige Bestseller, die uns erklären, wie man in zehn Wochen zur Traumfigur kommt. Oder wie man in dieser Zeit Marathonreife erlangt und sein inneres Gleichgewicht findet. Dario Cologna kann nach seinem fulminanten Sturmlauf, den er gestern im Skiathlon über 30 km mit Gold beendete, eine Version hinzufügen: Wie man innert rund zehn Wochen vom Fussgelenkoperierten zum Olympiasieger wird.

Sein Triumph, dank eines unwiderstehlichen Schlussaufstiegs, ist einer der modernen Medizin und Physiotherapie. Schliesslich begann der Bündner bereits wenige Tage nach seiner Operation von Mitte November wieder zu trainieren und sich damit sukzessive an die bevorstehenden Belastungen heranzutasten. Sein Triumph ist auch einer des Teams. Ohne die unermüdlichen Helfer an seiner Seite wäre ihm der Coup schwerlich gelungen.

Der besondere Wettlauf

Ohne die Mentalität eines Champions aber hätte er diese triumphale Rückkehr in diesem besonderen Wettlauf gegen die Zeit, seinen Körper und die Selbstzweifel niemals vollbracht. Boxlegende Muhammad Ali sagte einst: «Champions werden nicht in Trainingshallen gemacht. Champions werden durch etwas gemacht, das sie in sich tragen: ein Verlangen, einen Traum, eine Vision. Sie brauchen aussergewöhnliche Ausdauer, sie müssen ein wenig schneller sein, sie brauchen die Fähigkeiten und den Willen. Aber der Siegeswille muss stärker sein als die Fähigkeiten.»

Colognas Siegeswille war an diesem Sonntag stärker als derjenige seiner Gegner. Dabei hatte er gar noch am Morgen des Starts leise an sich und seinen Medaillenambitionen gezweifelt. Schliesslich war er erst vor einer Woche in den Weltcup zurückgekehrt. Er hatte mit seinem 2. Rang zwar alle überrascht, aber niemals die Sicherheit seiner erfolgreichsten Weltcupwochen der Vorsaisons aufgewiesen.

Wie Cologna seinem Tiefschlag begegnete, offenbart eine wesentliche Facette seiner Winnermentalität. Nach der Diagnose interessierte ihn einzig die Rückkehr. Weder haderte er mit seinem Unglück, noch erstickte er in Selbstmitleid. Der Rückblick interessierte ihn schlicht nicht. Er konnte seine Energie besser nutzen.

Dass er schon in jungen Jahren gelernt hatte, genau auf seine Körpersignale zu achten und sie richtig zu interpretieren, half ihm entscheidend in diesem physischen Ausnahmezustand, den er so nicht kannte. Schliesslich war ihm stets bewusst, dass es keinen Rückschlag ertrug, wollte er seinen Gegnern in Sotschi mindestens ebenbürtig sein.

Geholfen hat ihm in dieser prekären Phase auch das Wissen eines reibungslosen Formaufbaus in den Monaten davor. Insofern kam sein Lapsus zum bestmöglichen dummen Zeitpunkt. Die Basis hatte er da bereits gelegt. Nun daraus zu schliessen, ein normalerer, reibungsloserer Vorlauf auf Sotschi hätte folglich keineswegs erfolgreicher enden können, ist zynisch. Kein Sportler verletzt sich extra.

Entspannung bei Schweizern

Das gilt auch für Sina Candrian. Die Bündner Snowboarderin verpasste wegen eines Bandscheibenvorfalls viele Trainingstage und kämpfte sich bei der Slopestyle-Premiere doch auf Rang 4 vor. Bloss 0,25 Punkte fehlten ihr zu Bronze.

Beide Beispiele zeigen, dass im Sport nicht nur gewinnt, wer am meisten Trainingsstunden sammelt. Es siegen eher jene, die ihre Fähigkeiten am besten zu entwickeln wissen. Was folglich einem Cologna oder einer Candrian guttut, muss noch lange nicht zu einem anderen Athleten passen.

Mit seinem Sieg sorgte der 27-Jährige an diesem ersten Olympiawochenende von Sotschi auch für die erhoffte Entspannung. Schliesslich kann eine Delegation mit jedem Tag, an dem sie die anvisierten (Gold-)Medaillen verpasst, stärker unter Druck geraten. Dank Cologna ist darum zu verschmerzen, dass die aus Schweizer Sicht angepeilten weiteren Top-3-Platzierungen ausblieben.

Man muss realistisch bleiben: Natürlich hatte sich der vierfache Olympiasieger Simon Ammann mehr als nur einen 17. Platz erhofft. Wer aber seine letzten Monate beobachtete, die er oft mit viel Geknorze hinter sich gebracht hatte, konnte selbst bei einem Athleten seiner Gewichtsklasse nicht einfach von einer weiteren Medaille ausgehen. Dafür benötigt selbst der Ausnahmespringer eine etwas stabilere Form. Gleichzeitig war aber gestern zu sehen, dass ihm nicht allzu viel zu einem zumindest guten Ergebnis fehlte. Den Toggenburger darum vor dem Springen auf der Grossschanze (Samstag) abzuschreiben, wäre leichtfertig.

Ähnlich war die Ausgangslage bei den Schweizer Abfahrern. Noch letzte Saison bereiteten sie Sorgen, weil selbst die Schnellsten regelmässig hinterherfuhren. Dieser 6. Rang ihres Besten, Carlo Janka, sollte darum aus dieser Langzeitperspektive bewertet werden. Die kollektive Enttäuschung des Teams ist gleichwohl verständlich: Kein Sportler von Weltklasseformat tritt an Olympia an, um mit einem Rang hinter den Medaillen zufrieden zu sein – es sei denn, er habe wie Biathletin Elisa Gasparin in einem Weltcuprennen noch nie die Top 15 erreicht. Und dann bei der Olympiapremiere gleich die grosse Schwester und Mitfavoritin Selina (13.) geschlagen und als Achte ein Diplom ergattert.

Es war ein guter Einstand der Schweizer, mit einem Cologna an der Spitze, der bereits morgen im Sprint seinen nächsten Einsatz hat. Das Mitfiebern geht weiter.

Erstellt: 10.02.2014, 09:42 Uhr

Holte einen Olympiasieg für die Schweiz: Dario Cologna. (Bild: Keystone Laurent Gillieron)

Einlauf und Jubelschrei: Dario Colognas Gefühlsausbruch im Ziel. (Bild: Keystone )

Artikel zum Thema

Dopingsünder gesteht vor laufender Kamera

LIVEBLOG Ein Blick in Mikaela Shiffrins Fotoalbum, Neureuther hat einen Weltstar als Maskottchen, die Emotionen der Verlierer – der Liveblog unseres Olympia-Teams. Mehr...

«Es ist fast unglaublich»

Video Dario Cologna erlebt nach seinem zweiten Olympiagold eine emotionale Achterbahnfahrt – im Schweizer Haus versucht der Langlaufstar seinen Triumph in Worte zu fassen. Mehr...

«Das ist mein grösster Erfolg»

Dario Cologna zeigte nach seinem Gold im Skiathlon für einmal seine Emotionen. Doch der Bündner Langläufer fasste sich schnell wieder. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Logenplätze: Die Bewohner der nepalesischen Ortschaft Bode verfolgen den Nil-Barahi-Maskentanz von ihren Fenstern aus. Während des jährlichen Fests verkleiden sich Tänzer als Gottheiten und ziehen durch die Strassen. (20. August 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...