Wenn der Dopingkontrolleur an die Türe klopft

Dario Cologna wurde in dieser Olympiasaison gegen 20-mal ausserhalb von Wettkämpfen kontrolliert. Bei anderen Schweizern erschienen die Tester bisher nie.

Sonderbehandlung: Dario Cologna wurde in diesem Winter schon fast 20-mal von Dopingjägern besucht.

Sonderbehandlung: Dario Cologna wurde in diesem Winter schon fast 20-mal von Dopingjägern besucht. Bild: Keystone

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Wenn es bei Dario Cologna klingelt und ein Mann mit Ausweis vor seiner Haustür steht, weiss der Weltmeister und Olympiasieger: Es ist wieder einmal Zeit für einen Dopingtest. Gegen 20-mal sei er in dieser Saison ausserhalb von Wettkämpfen getestet worden, sagt der Bündner. Cologna kennt den Ablauf folglich bestens. Anders ist dies bei Snowboarderin Ursina Haller. Auch sie gehört der 163-köpfigen Olympiaequipe für Sotschi an. Die Spitzenfahrerin wurde kein einziges Mal von Kontrolleuren aufgesucht, egal ob von inländischen oder ausländischen.

Diese zwei Beispiele zeigen: In Bezug auf Dopingkontrollen ist das Gefälle zwischen den Schweizer Winterspitzensportlern gross. Dass Cologna gemäss den TA-Stichproben am meisten getestet wurde, erstaunt wenig. Langlaufen gilt als Risikosportart und damit besonders dopinganfällig. Die Unterschiede sind trotzdem erstaunlich. Die Skialpin-Olympiasieger Didier Défago (2 Tests ausserhalb der Wettkämpfe) und Carlo Janka (3) durften ebenso eine ungestörte Vorbereitung absolvieren wie Skispringer Simon Ammann (3), Snowboarder Iouri Podladtchikov (1), seine Teamkollegin Sina Candrian (2) oder Skicrosser Alex Fiva (2) – und der ist der Gesamtweltcupsieger der vergangenen Saison.

Das gute Gefühl des Dopingjägers

Bei den vom TA angefragten Schweizern wurden neben Cologna nur drei mindestens 10-mal ausserhalb der Wettkämpfe getestet: Alpingrösse Lara Gut (10) sowie die Langläufer Curdin Perl (10) und Laurien van der Graaff (10). Trotzdem sagt Matthias Kamber, der Leiter von Antidoping Schweiz: «Ich habe ein gutes Gefühl. Unsere Athleten werden ausreichend von uns kontrolliert. Circa 80 bis 90 Prozent aller Sotschi-Teilnehmer sind in unserem Kontrollpool. Hinweise auf potenzielle Dopingfälle besitzen wir nicht.» Dass das Gefälle zwischen den Sportarten erheblich ist, bestätigt Kamber. «Wir haben zwangsläufig grosse Unterschiede.»

Die Begründung des langjährigen Dopingbekämpfers setzt bei den Finanzen an. Weil die Mittel von Antidoping Schweiz mit rund 4,5 Millionen pro Jahr gemäss Kamber eng sind, sich allein für Sotschi aber fast 500 Athleten qualifizieren wollten, muss priorisiert werden. Zumal die nationale Antidoping-Agentur selbst in einem Jahr mit einem oder mehreren Grossanlässen wie 2014 (Winterspiele, Fussball-WM, Leichtathletik-EM) kein zusätzliches Geld erhält. Jede Sportart wird anhand verschiedener Kriterien auf ihre Dopinganfälligkeit beurteilt. Grösse der Sportart, Dopinggeschichte oder die Wirksamkeit des Dopens fliessen in die Beurteilung ein – und führen dazu, dass Langlauf und Biathlon unter besonderer Beobachtung stehen.

Spezialprojekt um Langläufer

Dass die Schweizer Dopingjäger analog zu den internationalen Testern auswählen, zeigen deren Daten: Auch der Internationale Skiverband weist in seinem Kontrollpool, gemessen an der Zahl lizenzierter Topathleten, am meisten Langläufer auf (106). Absolut führen diese Statistik die Alpinen (110) an. Am anderen Ende figurieren die Kombinierer (25) und die Skispringer (30). Snowboarder (46) und Freestyler (50) befinden sich dazwischen.

Konsequenterweise werden die Schweizer Biathleten und Langläufer dank dem Privatsponsor eines Spezialprojekts besonders eng verfolgt. Diese Daten fliessen in einen Pass ein. Er hält die Blut- und Steroidprofile der Athleten fest. Dass auch die FIS über ein ähnliches Programm verfügt und damit Doppelspurigkeiten entstehen könnten, hält Kamber für unwahrscheinlich: «Die Schnittmenge der Athleten ist dafür zu gering.» Trotzdem kann Kamber die eigens erhobenen Informationen ohne Zusammenarbeitsvertrag nicht mit den Experten des Internationalen Skiverbandes teilen. Er hält das Programm, mit dem diese die Athletendaten festhalten und speichern, aus Datenschutzgründen für zu wenig sicher.

190 Kontrollen im Eishockey

Die logische Strategie, das meiste Geld und die grösste Kraft in die Risikosportarten zu investieren, führt zu einer doppelten Ungleichbehandlung: Wer sich in einer geringer kontrollierten Disziplin ungestörter vorbereiten kann, hat zudem bei allfälligem Betrügen grössere Chancen, unentdeckt zu bleiben. «Dem ist so», sagt Matthias Kamber.

Zumal die Testzahlen, die Antidoping Schweiz ausweist, mitunter bescheiden sind. Die neusten Daten stammen von 2012. Im Schweizer Eishockey wurden bei Spielen und ausserhalb insgesamt 190 Kontrollen gemacht. Bei den Alpinen waren es 30, den Nordischen 87, dafür bei den Bobfahrern 175. Zum Vergleich: Die Radfahrer kamen auf 296, die Leichtathleten auf 194 und die Fussballer auf 85.

Dario Cologna weiss um diese Gegensätze. Er weiss auch, dass ihm nur schon wegen seines Sports mehr Misstrauen entgegengebracht wird – gerade von den Dopingjägern. Doch er ist keiner, der wegen dieser Sonderbehandlung mit dem System hadert. Sie nützt schliesslich dem properen Image des wohl meistkontrollierten Schweizer Wintersportathleten.

Erstellt: 31.01.2014, 13:45 Uhr

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