Kino gegen Tradition

Die kurdische Crew will einen Film über Saddam Husseins Genozid an ihrem Volk drehen.

Auch wenn er nur ein verkleideter Schauspieler ist: Dieser Saddam ist den kurdischen Statisten nicht geheuer.

Auch wenn er nur ein verkleideter Schauspieler ist: Dieser Saddam ist den kurdischen Statisten nicht geheuer.

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Es sind Bilder des Schreckens, und sie ähneln jenen, die man so oft im Fernsehen sieht: Verzweifelte Mütter auf der Suche nach ihren Kindern verlieren sich in einer Staubwolke, junge Männer liegen blutverschmiert auf dem Boden, Soldaten schiessen auf sie oder lassen schwere Steine auf ihre Köpfe fallen. Aber plötzlich schreit eine Stimme aus dem Off «Cut!», die Mütter beginnen zu lachen, die toten Männer stehen wie sanftmütige Zombies auf und zünden sich eine Zigarette an. Unvermittelt bricht die Alltäglichkeit in die Katastrophe ein – und auf einmal sieht das Grauen anders aus: unwiderstehlich komisch.

Regisseur Shawkat Amin Korki («Kick Off») erzählt die Geschichte kurdischer Filmemacher, die Saddam Husseins Genozid an ihrem Volk, den er Ende der 80er-Jahre befahl, auf die Leinwand bringen möchten. Allerdings erweist sich ein solches Unterfangen auch im befreiten Irak als abenteuerlich: Das Equipment muss illegal auf dem Rücken eines Maultiers geschmuggelt werden; die Statisten werden wegen bröckelnder Finanzen in einem Flüchtlingslager rekrutiert; der Gesang eines Muezzins unterbricht den Dreh so mancher Szenen.

Zum grössten Problem wird aber die Suche nach der weiblichen Protagonistin, da ihr Auftritt auf dem Bildschirm in der von traditionellen Denkmustern geprägten kurdischen Gesellschaft als Sünde gilt. Als sich schliesslich die schöne Sinur (die ­Debütantin Shima Molaei) für die Rolle meldet, stellen sich ihr Onkel und ihr hyper-viriler Cousin der Filmcrew in den Weg. Der Versuch, die beiden mit köstlichen ­Baklavas zu bestechen, scheitert kläglich: Moschee und Familie sind ihnen wichtiger als Süssigkeiten und Kino.

Ob der Film wohl jemals fertig wird? Wie in einem bösen Traum geht hier alles schief, was schiefgehen kann – und noch einiges mehr. Entmutigen lässt sich die Crew trotzdem nicht. «Memories on Stone» ist somit nicht nur ein Versuch, die Wunde der Vergangenheit zu heilen (eine tragische Geschichte, die sich gerade heute zu wiederholen droht), sondern auch ein kluges und immer wieder überraschendes Bekenntnis zur einer aussergewöhnlichen Berufung: dem Filmemachen. (Zueritipp)

Erstellt: 19.11.2014, 13:44 Uhr

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