Reprise: Höhenfeuer

Verbotene Nähe

Fredi M. Murers Drama über Geschwisterliebe hat die Gewalt einer griechischen Tragödie.

Belli (Johanna Lier) liebt ihren Bruder (Thomas Nock) sehr.

Belli (Johanna Lier) liebt ihren Bruder (Thomas Nock) sehr. Bild: zvg

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Bereits drei Jahre alt war der Sohn, als endlich festgestellt wurde, dass er taub war. Für einen Namen hat es dennoch nicht gereicht: Er heisst auch jetzt, da er in der Pubertät ist, einfach nur «de Bueb». Seine ältere Schwester Belli haben die Eltern, Bergbauern in einem Urner Tal, aus der Schule genommen, obschon sie gern Lehrerin geworden wäre. Sie könne ja den Bueb unterrichten, meinen sie.

Der ist kein stiller Dulder: Reden die anderen in seiner Gegenwart zu viel, wird er melancholisch. Und manchmal lässt er seinen Frust an den Tieren des Hofs aus, scheucht mit einem kaputten Schirm die Kühe über die Weiden. Dann braust der Vater jeweils auf, nennt den Sohn einen «verdammte Sidian». Ja, seine Sippe wird nicht ohne Grund «d Jähzornigers» genannt. Und katastrophal wird die Sache, als sich herausstellt, dass die Beziehung zwischen Belli und dem Bueb über normale Geschwisterliebe hinausgeht.

Johanna Lier und Thomas Nock, die umwerfend guten Darsteller der Geschwister, waren beides Laien, die der gebürtige Urner Fredi M. Murer für seinen Film entdeckte. Ihre Leistungen und die Kameraarbeit von Pio Corradi, dessen Bilder bei aller Poesie in der Realität verwurzelt sind, machen «Höhenfeuer» (1985) heute noch zu einem gewaltigen Erlebnis. Davor, 1975, hatte Murer den Dokumentarfilm «Wir Bergler in den Bergen sind eigentlich nicht schuld, dass wir da sind» gedreht. Er wusste genau, wie Urner Bergbauern funktionieren, und dank dieser Präzision im Detail ist «Höhenfeuer» nicht nur sein bester Spielfilm geblieben, sondern der stärkste Deutschschweizer Spielfilm überhaupt.

Erstellt: 16.01.2013, 14:30 Uhr

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