Wunderkind

In den USA explodiert der elektronische Mainstream. Der gefeierte Jungstar Nicolas Jaar hält mit seinem lyrischen Elektro dagegen.

Der Elektroniker, der die Schattenseiten mag: Nicolas Jaar.

Der Elektroniker, der die Schattenseiten mag: Nicolas Jaar.

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Kann man den Erfolg dieses Künstlers messen? Sicher, und sogar in Zürcher Dimensionen. Im Mai vor zwei Jahren spielte Nicolas Jaar erstmals in Zürich, im Cabaret. Ein Jahr später waren die Tickets für die beiden Liveshows im Exil schon im Vorverkauf weg. Diesen Samstag spielt Jaar nun im ausverkauften Volkshaus: Dort kriegt er das Format, das sich einem 22-Jährigen andient, der es so jung schon so weit gebracht hat.

Nicolas Jaar entstammt einer chilenisch-amerikanischen Künstlerfamilie und geriet, angetan von den radikalen Tracks des ebenfalls chilenisch-stämmigen Ricardo Villalobos, als junger Teenager in den Sog von Techno. Fünf Jahre später sorgte Jaar in New York für Aufsehen. Sein Track «Time for Us» klang, als ob ein bedröhnter Leonard Cohen auf einem wattierten Housefloor singen würde. Valium für gehetzte Clubber-Seelen.2010 erschien Jaars Album «Space Is Only Noise»: Erik-Satie-inspiriertes Piano, Spoken-Word-Einsprengsel, traurige Beats. Es dauerte nicht lange, bis das Bild von Jaar als wuschelköpfiges Elektro-Wunderkind durch die Feuilletons wanderte. Nur wunderte man sich, wie bedingungslos dieser gravitätisch vor sich hin brummende Sound rezipiert wurde. Die wehklagenden Vocals, der akademische Gestus: Quoll hier nicht einfach eine Überdosis an Hipster-Weltschmerz und Jacques-Derrida-Lektüre aus den Synthies?

Heute wird die Beliebtheit beklatscht, die dieser anspruchsvolle Clubsound erfährt, gerade bei einer jungen Generation. Fürwahr ein Kontrapunkt zum Elektro-Boom, der einen Dubstep-Rocker wie Skrillex Grammys absahnen lässt. Und Jaars Experimentierfreudigkeit bringt auch Originelles hervor. Etwa einen Edit des Michael-Jackson-Hits «Billie Jean», bei dem er das entscheidende Element rausschnitt: die charakteristische Bassline. Überhaupt würde Jaar die Bassdrum manchmal am liebsten auch bei seinen Liveshows ganz weglassen. Macht er überhaupt noch Clubmusik? Es spielt keine Rolle. Er will mit seiner Musik ja nur Menschen berühren.

Eintritt 48 Franken, Support: Acid Pauli, Kalabrese (Zueritipp)

Erstellt: 12.09.2012, 14:29 Uhr

Nicolas Jaar - Mi Mujer (Original-Mix)

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