Dem unbeliebtesten Schweizer Dialekt auf der Spur

Ein Sprachwissenschaftler erklärt den Thurgauerinnen und Thurgauern, weshalb ihr Dialekt so schlecht ankommt. Es liegt nicht am Dialekt selber.

Thurgauer haben es mit ihrem Dialekt nicht immer einfach: Besucher am Kantonaltag des Kantons Thurgau an der Expo 02.

Thurgauer haben es mit ihrem Dialekt nicht immer einfach: Besucher am Kantonaltag des Kantons Thurgau an der Expo 02. Bild: Sandro Comparso/Keystone

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Je näher der Beginn des Vortrags rückt, desto stärker schwillt das Geraune an: Kehlige R rollen durch den Saal, eingeleitet durch näselnde Vokale. Spitze E stechen arhythmisch heraus, und ab und zu klingt wie ein Triangel ein helles A an. Es ist ein Ostschweizer Geraune mit Frauenfelder Ausprägung. Der Thurgauer selber hört es gern. Der Dialekt sei angenehm in seinem Klang, klar und nicht so spitz wie jener der St. Galler, charakterisiert ihn ein Besucher.

In der übrigen Schweiz aber, so stellte Moderatorin Susanne Oberholzer trocken fest, sei der Thurgauer Dialekt weniger beliebt. Zugezogene Zürcher befürchten gar, dass sich ihre Kinder einmal näselnd und mit kehligen Lauten verständigen, statt den Dialekt ihrer Eltern anzunehmen. Vertreter des Netzwerks Thurgau Wissenschaft wollten genau wissen, weshalb ihr Dialekt so schlecht ankommt und in Ranglisten stets den letzten Platz einnimmt. Zu diesem Zweck haben sie Martin Hannes Graf, Redaktor beim Schweizerischen Idiotikon, in die Kantonsbibliothek eingeladen. Auch wenn er laut Oberholzer «keinen lupenreinen Thurgauer Dialekt» spricht, ist er einer der Ihren; Graf ist bereits als 7-Jähriger mit seiner Familie zugezogen.

Typisch für die Thurgauer Mundart, so erklärt Graf, sei das R, das die Einheimischen ganz hinten am Halszäpfchen artikulierten – weiter hinten noch als die Basler, die es auf dem Zungenrücken tun würden. Es ist allerdings erst um 1900 in der Ostschweiz aufgetaucht. Woher es kam, ist nicht bekannt. Vielleicht aus Deutschland, vielleicht wurde es auch aus Prestigegründen der Oberschicht entlehnt. Zuerst begannen die Jungen, das R nach hinten zu verlegen. Professoren glaubten deshalb, es sei lediglich eine Modeerscheinung. Heute ist das Zäpfchen-R aber noch immer da.

Leicht verschnupfte Note

Weil der Thurgauer das R so weit hinten im Mundraum ausspricht, muss er sein Gaumensegel vorbereitend etwas senken und den Atem durch die Nase entweichen lassen. Dadurch bekommen seine Vokale unweigerlich eine nasale, leicht verschnupfte Note – laut dem Sprachwissenschafter sehr untypisch für das Schweizerdeutsche.

Gehänselt werden Thurgauerinnen und Thurgauer gar, weil sie das E geschlossen aussprechen, wie Martin Hannes Graf sagt. Sie sagen «Hex» statt «Häx» wie die Zürcher und können, selbst wenn sie es wollten, deren überoffenes Ä gar nicht artikulieren. In manchen Gebieten im St.-Gallischen sind wie noch vor 100 Jahren beide Formen sowie das E von «Vetter» in Gebrauch. «SVP-Präsident Toni Brunner hat ein sehr interessantes Lautsystem», kommentiert der Sprachwissenschaftler.

«Dialekt-Underdogs» im Osten

Die Thurgauer scheinen sich damit abgefunden zu haben, dass ihre Mundart ausserhalb des eigenen Kantons nur auf wenig Gegenliebe stösst. Die bekannte Radio- und Fernsehmoderatorin Mona Vetsch sagte einst, die Thurgauer seien «die Dialekt-Underdogs» der Schweiz. Und auch in der Kantonsbibliothek zuckt man nur die Schultern. «Es ist mir egal, wenn unser Dialekt anderen nicht gefällt», sagte ein Besucher vor dem Vortrag. Der Mann kann sich allerdings nicht vorstellen, dass es am Dialekt selber liegt. Nicht-Thurgauer könnten ihn ohnehin kaum vom St. Galler Idiom unterscheiden. Das zeige sich spätestens, wenn sie ihn zu imitieren versuchten. Es schüttelt ihn, wenn er daran denkt: «Furchtbar!» Seiner Meinung nach liegt es vielmehr am Image der Thurgauer. Sie gälten als bünzlig und kleinkariert. Dieses Bild werde auf den Dialekt übertragen.

Es gibt auch durchaus Auswärtige, die an der Thurgauer Mundart Gefallen finden, etwa der Oltner Schriftsteller Alex Capus. Er schrieb in einer Kurzgeschichte von der «hellen, zarten Färbung» des Dialekts, der den Frauen so gut stehe und den Männern eine feminine Note verleihe.

Auch Sprachforscher Graf glaubt nicht, dass der Dialekt selber der Grund für die Geringschätzung ist: weder das helle A, das auch das Italienische kennt, noch das Zäpfchen-R und die nasalen Laute, die ähnlich im Französischen vorkommen. «Niemand behauptet, dass diese beiden Sprachen hässlich seien.» Es liege wohl stärker daran, was mit einem Dialekt in Verbindung gebracht werde. Als sich einmal ein Bekannter von ihm beklagte, dass ein früherer Radprofi aus dem Thurgau einen fürchterlichen Dialekt spreche, fragte er, was genau ihm nicht gefalle. «Ach weisst du, der mit seinen Frauengeschichten immer», bekam er zur Antwort.

Appenzeller singt berndeutsch

Umgekehrt profitieren jene Dialekte, die mit Schönem und Angenehmem in Verbindung gebracht werden. Beim Bündner Dialekt sind es Ferien und Berge, beim Berner Dialekt dessen reiche Mundartmusik und -literatur. Martin Hannes Graf kennt gar einen Appenzeller, der auf Berndeutsch singt – weil es sich am besten eignen soll.

Lange war die Thurgauer Mundart auch kaum am Schweizer Radio oder im Fernsehen zu hören. Nun aber sind die Thurgauer Mona Vetsch und Reto Scherrer wie auch die Schriftstellerin Tanja Kummer und die Slam-Poetin Lara Stoll zu hören. So kann sich das nicht thurgauische Ohr langsam an das Idiom aus dem Osten gewöhnen – und es vielleicht mit neuen, sympathischeren Bildern verbinden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2014, 11:44 Uhr

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