«Ganz extrem gesagt, ist Wasser immer gefährlich»

Tödliche Unfälle beim Baden: Worauf Sie achten müssen und warum es diesen Sommer mehr Opfer geben könnte als letztes Jahr, sagt Philipp Binaghi von der SLRG.

Schön, aber auch gefährlich: Im Walensee ertranken gestern ein Mann und sein achtjähriger Sohn.

Schön, aber auch gefährlich: Im Walensee ertranken gestern ein Mann und sein achtjähriger Sohn. Bild: Keystone

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Philipp Binaghi, gestern ereignete sich wieder ein tödlicher Badeunfall, bei dem ein Kind und sein Vater im Walensee ertranken. Was ist das Besondere am Walensee?
Das Besondere ist gleichzeitig ganz banal: Ein Bach mündet in einen See. Dadurch entsteht eine Strömung. Die Seemündung verändert sich ständig. Der Bach, die Seez, kann sehr schnell anschwellen und Teile des Strandes überschwemmen. Zudem ist der Uferbereich relativ klein, dann geht es steil runter. Das zusammengenommen lässt aufhorchen. Die meisten Einheimischen, die ich kenne, gehen dort nicht schwimmen.

Gibt es andere Gewässer in der Deutschschweiz, die als besonders gefährlich gelten?
Ganz extrem gesagt, ist Wasser immer gefährlich. In diesem Zusammenhang ist ein gesundes und waches Risikobewusstsein viel zentraler als die Gefährlichkeit eines Gewässers. Wir neigen dazu, unser Leben in Routinen zu organisieren. Wir sagen uns: «Hier ist Baden erlaubt, also ist es nicht gefährlich.» Diese Automatismen können beim Baden zu einem Problem werden.

Warum?
Weil am Wasser eine Vielzahl an Umweltfaktoren dazukommt, die das Eigenrisiko negativ beeinflussen, wie die Strömung in einem Fluss, die Temperatur oder Trübung des Wassers. Wenn man aber risikobewusst ist und sich fragt: «Ist es gut, was ich hier tue?», dann kann man diesen Eigenrisiko-Anteil reduzieren, um am Wasser Spass zu haben und gesund wieder nach Hause zu kommen. Und das ist ja auch das Ziel.

Welche Tipps geben Sie?
Wir haben sechs Baderegeln bei der SLRG. (Siehe Box, Anmerkung der Redaktion).

Werden diese Regeln befolgt?
Wenn ich die Ertrinkungsstatistik Ende Jahr anschaue, kann ich den grössten Teil der tödlichen Unfälle damit erklären, dass eine der Regeln nicht eingehalten wurde. Wenn Unfälle mit Kindern passieren, wurde meistens die Aufsichtspflicht verletzt. Kinder am Wasser zu beaufsichtigen, ist ein Hardcore-Job. Da darf man nicht 30 Sekunden irgendwo anders hinschauen. Kinder reagieren anders als Erwachsene, ihr Organismus reagiert anders, sie können schneller ertrinken. Und ganz kleine Kinder können lautlos ertrinken, weil sie nicht strampeln, wenn sie untergehen.

Jedoch verunfallen wesentlich mehr Männer als Kinder.
Von allen Ertrinkungsopfern sind 80 Prozent männlich. Und unter diesen Männern sind wiederum über 30 Prozent unter 25 Jahre alt.

Worauf führen Sie das zurück?
Laut unseren Erfahrungen, die für die Schweiz nicht statistisch belegbar sind, ist ein Faktor: Alkohol und Drogen. Der andere Faktor ist: höheres Risiko. Jüngere Männer neigen dazu, Mutproben zu machen. Gruppenzwang. Das Ausloten der eigenen Grenzen. Das Risikobewusstsein ist weniger präsent.

2014 gab es mit 27 Ertrunkenen vergleichsweise wenige Todesopfer. War der schlechte Sommer der Grund?
Ja, ganz sicher. Der letzte Sommer war für Badifans und Sünneler denkbar schlecht. Darum hatte es weniger Menschen im Wasser. Deswegen passierten weniger Unfälle. Alles andere wäre erstaunlich gewesen.

Im Umkehrschluss heisst das: Es wird dieses Jahr wieder mehr Todesopfer geben, weil wir jetzt schon eine sehr heisse Phase des Sommers erleben.
Dieser Schluss liegt nahe. Wenn wir uns die Statistik des Jahrhundertsommers 2003 anschauen, dann sehen wir 89 Tote. Das waren wesentlich mehr als die durchschnittlichen 50. (spu)

Erstellt: 06.07.2015, 15:42 Uhr

Philipp Binaghi ist Kommunikationsleiter bei der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft (SLRG).

Die sechs Baderegeln der SLRG

1. Kinder nur begleitet ans Wasser lassen, und kleine Kinder in Griffnähe beaufsichtigen, denn sie brauchen den Schutz und die Aufmerksamkeit der Erwachsenen.


2. Nie alkoholisiert oder unter Drogen ins Wasser gehen, weil das zur Desorientierung führen kann. Nie mit vollem oder ganz leerem Magen schwimmen.


3. Nie überhitzt ins Wasser springen. Der Körper braucht Anpassungszeit. Es geht um den Unterschied zwischen Luft- und Wassertemperatur, um keinen Kälteschock zu erleiden.


4. Nicht in trübe oder unbekannte Gewässer springen. Unbekanntes kann Gefahren bergen. Zum Beispiel ist ein See trüb und ein Fels liegt nah unter der Wasseroberfläche. Oder nach einem Gewitter treibt Holz in einem Fluss, man springt ins Wasser, landet auf einem Baumstamm und verletzt sich.


5. Luftmatratzen und Schwimmhilfen gehören nicht ins tiefe Wasser, weil sie keine Sicherheit bieten. Wir empfehlen, eine Schwimmweste zu tragen, wenn man im Fluss schwimmt.


6. Lange Strecken nie alleine schwimmen. Denn auch der besttrainierte Körper kann eine Schwäche erleiden.

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