«Man muss den Fall neu aufrollen»

Laut dem italienischen Expertenteam besteht kein Zweifel: Die Wahrheit im Fall Luca Mongelli ist noch nicht ans Licht gekommen. Kriminologe Luciano Garofano hofft auf eine Wiederaufnahme der Ermittlungen.

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Herr Garofano, hat bereits ein Austausch mit den Schweizer Behörden im Fall Luca Mongelli stattgefunden?
Bisher nicht. Wir arbeiten einzig im Auftrag der Familie Mongelli und der Politikerin Alessandra Mussolini, die sich in ihrer Funktion als Präsidentin der parlamentarischen Jugendschutzkommission des Falles angenommen hat. Allerdings hoffen wir sehr, dass es zu einer Zusammenarbeit mit den hiesigen Behörden kommen wird.

Das bedeutet also, dass der Fall nicht abgeschlossen, sondern im Gegenteil neu beurteilt werden muss?
Auf jeden Fall. Dieser Fall muss neu aufgerollt werden. Die Ergebnisse der Untersuchungen unseres Teams haben ergeben, dass die Hypothese, wonach der Hund Rocky Luca die Verletzungen zugefügt hat, absolut haltlos ist. Luca wurde nicht von einem Hund, sondern von einer oder mehreren Personen angegriffen. Das kann ich mit absoluter Sicherheit sagen. Jetzt gilt es, neue Möglichkeiten zu evaluieren, neue Zeugen ausfindig zu machen und diese zu befragen. Wenn eine Ermittlung wieder aufgenommen wird, muss man im Prinzip wieder ganz von vorn beginnen und jedes einzelne Detail unter einem neuen Aspekt betrachten und einordnen. Bei einer Ermittlung darf man sich auf keinen Fall auf eine einzige Hypothese stützen, sondern muss alle Möglichkeiten in Erwägung ziehen.

Können Sie uns genauer erklären, anhand welcher Indizien Sie zum Schluss gekommen sind, dass der Hund als Täter auszuschliessen sei?
Fundamental sind mit Sicherheit die Schlüsse meines Kollegen, des Gerichtsmediziners Roberto Testi. Es besteht kein Zweifel, dass Luca nicht von Rocky angegriffen wurde. Hätte es eine Aggression durch den Hund gegeben, so hätte man auf seinem Körper ganz klar Bisswunden erkennen müssen, denn ein angreifender Hund beisst zu. Aber auf Lucas Körper hatte es keine einzige Bisswunde.

Für die Walliser Untersuchungsbehörden stand allerdings von Anfang an fest, dass als Täter nur der Hund infrage kommen könne. Kann man also davon ausgehen, dass in der Ermittlung erhebliche Fehler gemacht wurden?
Es werden immer Fehler begangen. Die zuständigen Behörden haben sicher mit grösster Sorgfalt ihre Arbeit gemacht. Es kommt sehr häufig vor, dass man während einer Ermittlung die erste These fallen lassen muss und einen komplett neuen Weg einschlägt. Uns Experten geht es in keiner Weise darum aufzuzeigen, wo allfällige Fehler begannen wurden. Wir sind als reine Ergänzung zu den bereits bestehenden Untersuchungen zu verstehen. Wir wollen einzig den Fall Luca Mongelli auflösen und Klarheit schaffen. In diesem Fall ist es vielleicht noch wichtig anzufügen, dass mein Team und ich alle unentgeltlich arbeiten.

Sie haben in der Pressekonferenz gesagt, dass man die DNA-Analysen wiederholen sollte. Warum?
Uns stehen heutzutage neuere, weitaus effizientere Mittel zur Verfügung als noch vor zehn Jahren. Heute reicht eine einzige Zelle, um die DNA ermitteln zu können. Wenn also die Proben bereits bestehen, dann macht es durchaus Sinn, diese anhand der neuesten Technik erneut zu analysieren. Es ist auf jeden Fall einen Versuch wert, denn er könnte Licht ins Dunkel bringen. Ich denke da vor allem an die Proben, die unter den Fingernägeln von Luca gefunden wurden, die Spuren an den Kleidern sind schon etwas problematischer.

Luca hat die Namen potenzieller Täter erwähnt. Könnte man anhand dieser neuen DNA-Analysen die Täter ausfindig machen?
Ja, das könnte man.

Erstellt: 08.01.2013, 15:06 Uhr

Luciano Garofano leitete rund dreissig Jahre lang Abteilungen der Spurensicherung der Carabinieri in verschiedenen Städten Italiens. Er doziert als Professor für Ermittlungstechniken an mehreren italienischen Universitäten und hat eine eigene Fernsehsendung («l'altra metà del crimine»), wo er komplizierte Kriminalfälle aufdeckt – gemeinsam mit einem vierköpfigen Team.

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