Entsetzen über Mord an Putin-Kritiker

Der Oppositionspolitiker Boris Nemzow ist in Moskau mit vier Schüssen getötet worden. Präsident Putin nennt den Mord «eine Provokation», westliche Politiker sind schockiert.

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Harter Schlag für die russische Opposition: Boris Nemzow, der prominente Gegner von Kremlchef Putin, ist am Freitagabend in Moskau in der Nähe des Kremls erschossen worden. Die Bluttat ereignete sich vor einer Demonstration von Putin-Gegnern an diesem Sonntag.

Nemzow sei von vier Schüssen getroffen worden, teilte eine Sprecherin des Innenministeriums mit. Der Regierungsgegner soll in Begleitung einer Bekannten aus der Ukraine über eine Brücke nahe des Kreml gelaufen sein, als ihm ein Unbekannter offenbar in den Rücken schoss.

(Video: Youtube/Borg TV)

«Laut vorläufigen Informationen hat ein noch nicht identifizierter Täter aus einem Wagen heraus mindestens sieben bis acht Mal auf Nemzow geschossen, als dieser über die Grosse Steinerne Brücke lief», erklärte die Staatsanwaltschaft am Samstagmorgen. Es seien «erfahrene» Ermittler auf das Verbrechen angesetzt worden.

Putin spricht von Auftragsmord

Präsident Wladimir Putin wurde umgehend über die Bluttat im Herzen Moskaus informiert, wie sein Sprecher Dmitri Peskow mitteilte. Mit der Untersuchung der Tat habe Putin die ranghöchsten Beamten der Ermittlungsbehörden betraut.

Der Präsident habe angemerkt, dass Nemzows Tötung die Handschrift eines Auftragsmords trage, sagte sein Sprecher Dmitri Peskow. Putin habe den Angehörigen Nemzows sein Beileid ausgedrückt. Es handle sich um eine «grosse Provokation», sagte Putin laut dem Sprecher weiter. Nemzows Tod sei ein unwiederbringlicher Verlust. Der Politiker habe «die Geschichte, das politische und öffentliche Leben Russlands geprägt». Ministerpräsident Dmitri Medwedew würdigte Nemzow als «Mensch mit Prinzipien», der «offen und beständig» für seine Sicht eingetreten sei.

Die Opposition will an diesem Sonntag ihre erste grosse Demonstration dieses Jahres gegen Putins Politik organisieren. Die Agentur Interfax berichtete unter Berufung auf Ermittler, der Mord an Nemzow könnte eine gezielte Provokation sein vor der Aktion der Regierungskritiker.

Obama verurteilt Mord an Nemzow

US-Präsident Barack Obama hat die «brutale Ermordung» von Boris Nemzow scharf verurteilt. Obama würdigte Nemzows «tapferen Einsatz» gegen die Korruption in Russland.

In einer am Freitagabend in Washington vom Weissen Haus verbreiteten Erklärung wird die russische Führung zu einer «schnellen, unvoreingenommenen und transparenten» Aufklärung des Verbrechens aufgefordert. Moskau müsse sicherstellen, «dass jene, die für diese bösartige Tat verantwortlich sind, zur Rechenschaft gezogen werden».

Obama sprach der Familie Nemzows sein Beileid aus, ebenso wie dem russischen Volk, das «einen der engagiertesten und eloquentesten Verteidiger seiner Rechte» verloren habe.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko zeigte sich schockiert über die Tötung Nemzows. «Sie haben Boris umgebracht. Es ist kaum zu glauben. Ich habe keine Zweifel, dass die Täter bestraft werden. Früher oder später», schrieb der prowestliche Staatschef in der Nacht zum Samstag bei Twitter. Nemzow war ein glühender Unterstützer des prowestlichen Kurses in der Ukraine.

Auch die offizielle Schweiz hat auf die Tat reagiert. Das Aussendepartement in Bern habe «mit Bestürzung vom Mord an Boris Nemzow» Kenntnis genommen, heisst es in einer Mitteilung. Es verurteile «die brutale Ermordung eines unermüdlichen Verteidigers der Demokratie und Kämpfers gegen die Korruption» und spreche den Angehörigen seine aufrichtige Anteilnahme aus. Und weiter: «Das EDA fordert die russischen Behörden auf, alles zu unternehmen, dass das Verbrechen aufgeklärt wird und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden.»

Bei der EU und im Europarat hat die Ermordung von Boris Nemzow Bestürzung ausgelöst. Die EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini zeigte sich schockiert über den Auftragsmord. «Mit Empörung und tiefer Trauer habe ich von der brutalen Ermordung von Boris Nemzow erfahren», sagte Mogherini laut einer in Brüssel veröffentlichten Stellungnahme. Die EU-Aussenbeauftragte nannte Nemzow einen «starken Anwalt für eine moderne, blühende und demokratische russische Föderation».

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich «bestürzt» über den Mord geäussert. Zugleich würdigte Merkel den Mut des 55-jährigen früheren Vize-Regierungschefs, «der seine Kritik an der Regierungspolitik immer wieder auch öffentlich geäussert hat». Frankreichs Präsident François Hollande sprach von einem «abscheulichen Mord» an einem «mutigen und unermüdlichen Verteidiger der Demokratie».

Der frühere sowjetische Präsident Michael Gorbatschow vermutet Provokateure hinter der Tat. «Es ist ein Versuch, in dieser Situation Komplikationen zu stiften, möglicherweise sogar, die Lage im Land zu destabilisieren», wurde Gorbatschow von der Agentur Interfax zitiert.

Scharfe Kritik an Regierung

Die Lage in Russland ist im Zuge der Ukraine-Krise angespannt. Nemzow hatte den Krieg im Nachbarland scharf kritisiert – als russische Aggression. In einem eindringlichen Appell hatte er den mutmasslichen Einsatz russischer Soldaten in der Ostukraine – ohne Erkennungszeichen an den Uniformen – als «illegal» kritisiert. Der Oppositionspolitiker beschimpfte Putin als «Lügner».

«Ich kann es nicht glauben. Was ist aus Russland geworden? Die Aggression wächst», sagte der frühere Regierungschef Michail Kasjanow im kremlkritischen Radiosender Echo Moskwy. Kasjanow sprach von einer «Tragödie».

Viele Wegbegleiter von Nemzow sprachen mit zitternder Stimme von einem grossen Verlust für liberal denkende Menschen im grössten Land der Erde. Der Oppositionspolitiker Wladimir Ryschkow warnte vor einem «wachsenden Hass auf Andersdenkende» in der Gesellschaft. «Ich bin schockiert», sagte er. Kein Oppositioneller könne sich heute sicher fühlen in dem Land.

Auch Journalisten seien in Gefahr. In Russland kommt es immer wieder zu Anschlägen auf Kritiker der Kremlpolitik. (spu/chk/sda)

Erstellt: 27.02.2015, 23:06 Uhr

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