Interview

«Sherpas müssen ihre Gäste oft bis in den Tod begleiten»

Dass es zum Konflikt am Everest kam, ist nicht erstaunlich, sagt Everest-Kenner Walther Lücker. Denn die Sherpas leisten viel und haben trotzdem keine Autorität. Nur dass es Ueli Steck traf, findet er erstaunlich.

«Klienten setzen sich grundsätzlich über den Rat der Sherpas hinweg»: Der nepalesische Sherpa Lakhpa Gelu im Everest Base-Camp.

«Klienten setzen sich grundsätzlich über den Rat der Sherpas hinweg»: Der nepalesische Sherpa Lakhpa Gelu im Everest Base-Camp.

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Sie haben ein Buch über den «Traum und Albtraum Everest» geschrieben. Darin beschreiben Sie auch Konflikte zwischen Sherpas und Bergsteigern. Was steckt hinter diesem Vorfall?
Grundsätzlich wundert es mich nicht, dass es Streit gegeben hat. In der Enge im Höhenlager und unter dem Druck der Situation ist absehbar, dass es mal eskaliert. Die genauen Gründe kenne ich aber nicht. Mich wundert die Heftigkeit und dass es gerade jemanden wie Uli Steck und Simone Moro getroffen hat.

Warum?
Steck war voriges Jahr ohne Flaschensauerstoff auf dem Gipfel. Am Hillary Step, also in der Gipfelzone, traf er Sherpas, die Fixseile verlegten. Er hat sie gefragt, ob er an alten Seilen neben ihnen aufsteigen könne. Die Sherpas waren angetan von Herrn Steck. Sie haben sich am Gipfel dann wieder getroffen, und dort haben die Sherpas Steck gratuliert für seinen Stil, die Schnelligkeit und die Sauberkeit, mit der er den Berg bestiegen hat. Und derselbe Uli Steck wird ein Jahr später in so eine leidige Affäre verwickelt. Steck ist ein ruhiger und besonnener Mensch, deshalb ist es umso unverständlicher.

Hat sich der Vorfall in einer besonders kritischen Zone zugetragen?
Die Lhotse-Flanke, wo es zum Konflikt kam, ist schon steil. Und es gibt ja mittlerweile verschiedene Versionen des Vorfalls. Die Gruppe um Steck soll Eisbrocken gelöst haben beim Queren, das war wahrscheinlich eine gefährliche Situation. Da reagieren die Sherpas natürlich sauer. Dass man sich am Berg mal beschimpft, ist eigentlich normal. Verwunderlich ist, dass es in rohe körperliche Gewalt umgeschlagen hat, dass die Sherpas den Respekt verloren haben gegenüber zwei Spitzenbergsteigern, die jeder kennt.

Es muss viel Frustration da sein, dass es zu so einer Szene kommt. Was glauben Sie, woher das kommt?
Sherpas sind in einer sehr schwierigen Situation. Sie machen die Arbeit eines Bergführers, haben eine gute Seiltechnik, verlegen Fixseile, sind mutig und stark, kommen mit der Höhe besser zurecht. Aber am Ende einer Entscheidungskette fehlt ihnen die Autorität, einen Entschluss durchzusetzen. Wenn am Matterhorn ein Bergführer zu seinem Gast sagt, man müsse umdrehen, weil jener das nicht packe, dann tut man das. Am Everest ist genau das Gegenteil der Fall.

Inwiefern?
Die Klienten setzen sich grundsätzlich über die Meinung und den Rat der Sherpas hinweg. Selbst wenn die Bergsteiger im Gipfelbereich nicht mehr weiterkommen, am Sterben sind, lassen sie sich von Sherpas nichts sagen. Die meisten westlichen Bergsteiger investieren zwischen 50'000 und 80'000 Dollar ins Abenteuer, und ihnen bleibt nur ein Zeitfenster von fünf Tagen für den Gipfelversuch. Das bedeutet, dass sie nur einen einzigen Versuch haben. Stellen Sie sich vor, da sitzen rund tausend Leute im Basislager, die wollen alle zur gleichen Zeit hinauf. Niemand bremst sie, niemand regelt den Verkehr. Wenn dann aber ein Bergsteiger in Gefahr kommt, dann müssen die Sherpas herhalten. Sie werden zum Rettungsdienst geholt, oft müssen sie den Klienten bis in den Tod begleiten. Aber niemand hört auf ihren Rat.

Dabei bringen sich die Sherpas ja auch selbst in Gefahr.
Natürlich. Die Angst steht ihnen oft ins Gesicht geschrieben. Sie wissen genau, ihr grösster Gegner ist nicht der Achttausender, ist nicht die extreme Kälte, die Anwesenheit in der Todeszone, sind nicht die Höhenstürme. Die grösste Gefahr für das Leben der Sherpas sind ihre unvernünftigen Gäste. Das haben sie mittlerweile verstanden.

Bringen die Bergsteiger den Sherpas zu wenig Respekt entgegen?
Sicher nicht alle. Wenn man ankommt, herrscht gute Stimmung, alle verfolgen dasselbe Ziel. Aber je näher dieses Wetterfenster rückt, desto grösser wird die Spannung. Dann werden die Ersten krank, es platzen Seilschaften. Diese zunehmende Nervosität überträgt sich auf die Sherpas. Das liegt alles an dieser absurden Gesamtsituation, dass das Wetterfenster so kurz ist. Allerdings gibt es tatsächlich auch Westler, die eine grosse Arroganz zeigen. Hans Kammerlander hat mir von einer österreichischen Bergsteigerin erzählt, die im Basislager am Broad Peak die Sherpas beobachtet habe, wie die herumgesessen und sich Witze erzählt hätten. Und dann habe sie ganz laut gesagt: «Warum gehen die nicht auf den Berg, diese faulen Hunde, dafür werden die schliesslich bezahlt.»

Wie hat sich die Rolle der Sherpas über die Jahre entwickelt?
Die Rolle der Sherpas ist historisch gewachsen. Ihr Volk kam vor Jahrhunderten über die hohen Himalajapässe ins Khumbu-Gebiet, um Handel zu treiben, und siedelte sich dort an. In den Zwanzigerjahren kamen die ersten Expeditionsgruppen, die in Darjeeling ihre Sherpas rekrutiert haben. Die standen da mit den Händen an der Hosennaht an, um sich zu bewerben. Die Briten haben sofort erkannt, wie wertvoll sie sind. Als Nächstes kamen dann die Schweizer, die auch auf die Dienste der Sherpas zurückgegriffen haben, sie aber anders behandelt haben. Für die britischen Kolonialherren waren das Diener. Der Erste, der grossen Respekt zeigte, war John Hunt, welcher die Expedition der Erstbesteiger leitete, der auch Tenzing Norgay in die Gipfelgruppe steckte.

Hatte die Leistung von Tenzing Norgay Signalwirkung?
Norgay war der erste Mensch auf dem Gipfel. Er sagte immer, dass er den Berg auch für sein Volk bestiegen habe, um ihm zu einem besseren Leben zu verhelfen. Und Tatsache ist, dass die Sherpas nach wie vor die wahren Helden des Everest sind. Das lässt sich einfach belegen: Momentan wurde der Everest 6179-mal bestiegen, 2599 dieser Besteigungen gehen auf das Konto der Sherpas. Ohne die Hilfe und Unterstützung der Sherpas wären 90 Prozent der Besteigungen nicht möglich. Das sagen Messner, Steck und Gerlinde Kaltenbrunner.

Das heisst auch, dass es den Massentourismus nur wegen der Sherpas gibt?
Eindeutig, einfach weil am Berg niemand leistungsfähiger ist. Die Wende am Everest kam vor dreissig Jahren mit Dick Bass, einem US-Amerikaner, der sich als Erster auf den Everest führen liess im Sinne einer Bergführertätigkeit. In diese Rolle sind die Sherpas reingewachsen.

Wie sind die Sherpas organisiert?
Es gibt eine Bergsteigerorganisation, die aber auch von Westlern gegründet wurde. Wenn man die Sherpas beobachtet, wie sie mit den Expeditionsleitern verhandeln, sieht man, dass sie gewerkschaftlich organisiert sind. Die allermeisten Expeditionen mieten einen Gipfelsherpa, die verdienen auch am meisten. Daraus entsteht unter den Sherpas eine Konkurrenzsituation. Die weniger bekannten unter ihnen wollen mit möglichst vielen Besteigungen bekannt werden, um Geld zu verdienen. Die erfahrenen Sherpas schauen, dass sie in die gut situierten Expeditionen reinkommen, die jungen müssen sich mit weniger bekannten Veranstaltern abgeben, bis sie in eine grössere Rolle reingewachsen sind.

Sie zitieren in Ihrem Buch auch einen Sherpa, der sagt, man müsse den Berg sperren. Steht es so schlimm, dass sogar die Sherpas den Laden dichtmachen wollen und damit ihren Lebensunterhalt verlieren?
Ich zitiere einen der ganz Jungen. Es gibt auch andere, die das vorschlagen. Es gibt ja heute im Basislager auch Glücksspiel, Alkoholismus und Prostitution. Das ist vielen älteren Sherpas ein Dorn im Auge, weil dieser Berg ihnen heilig ist. Die Sherpas regen sich auf, wenn wie im vergangenen Jahr drei US-amerikanische Ex-Soldaten nackt durchs Basiscamp rennen. Oder ein Holländer hat vor ein paar Jahren versucht, den Berg in Unterhosen zu besteigen. Die Sherpas wissen, dass sie unendlich viel Geld verdienen können, aber er ist ihnen doch heilig, und viele sind dem buddhistischen Glauben tief verbunden.

Auch die Jungen?
Die Älteren versuchen eher die Werte hochzuhalten, während es wohl eher die Jüngeren sind, die endlose Kartengelage veranstalten. Aber damit ist es nicht erklärbar. In den vergangenen dreissig Jahren hat sich der Respekt der Sherpas gegenüber ihren Kunden verändert. Früher waren Fremde hoch geachtete Sahibs, mittlerweile versuchen die Sherpas, auf Augenhöhe zu kommen, was sicher auch richtig ist und von vielen westlichen Bergsteigern gewünscht wird. Man versucht, ein freundschaftliches Verhältnis zu pflegen. Aber natürlich gibt es Spannungen.

Zum Beispiel?
2001 habe ich eine ganze Saison im Basislager verbracht. Da ist Babu Shiri in eine Gletscherspalte gestürzt und gestorben. Shiri war in Nepal ein Volksheld, als er in Kathmandu durch die Strassen getragen wurde, haben fast 500'000 die Strassen gesäumt. Die 40 an der Bergung beteiligten Sherpas brachten seinen Leichnam also ins Basislager, und es gab westliche Bergsteiger, die seine Leiche fotografierten. Darauf haben gewisse Sherpas wahnsinnig aggressiv reagiert, wollten ihnen auch die Kamera aus der Hand schlagen. Aber es eskalierte nicht, es gab keine Handgreiflichkeiten. Das Ausmass dieses Vorfalls ist neu.

Erstellt: 30.04.2013, 12:54 Uhr

Infobox

Walther Lücker ist Journalist, Autor und Bergsteiger. Er begleitete Hans Kammerlander auf mehrere Expeditionen und war Co-Autor bei dessen Büchern. Gerade hat er ein neues Buch veröffentlicht, «Traum und Albtraum Everest», in dem er die Probleme mit dem Massentourismus am Fusse des Everest detailliert beschreibt.

Walther Lücker: «Der höchste Berg – Traum und Albtraum Everest». Malik-Verlag, 520 Seiten.

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