Einschätzung

Das Restrisiko sitzt am Steuer

Nach dem tragischen Carunfall im Wallis werden technische Massnahmen diskutiert. Der unwägbarste Faktor in Verkehrssystemen ist und bleibt aber der Mensch.

Nach der Tragödie: Ein Polizeioffizier bewacht den Unfallort.

Nach der Tragödie: Ein Polizeioffizier bewacht den Unfallort. Bild: Christian Hartmann/Reuters

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Es ist ein Automatismus unserer technikgläubigen Gesellschaft: Auf jeden schrecklichen Unfall folgt unweigerlich und unverzüglich der Ruf nach schärferen Gesetzen und mehr vorbeugenden Massnahmen, um die Sicherheit der Transportmittel zu erhöhen. Einen Tag nach dem Carunglück im Wallis wurde gestern bereits die Frage diskutiert, ob der Unfall hätte vermieden werden können, wenn die Stirnwand der Pannenbucht nicht quer zur Fahrbahn gestanden hätte. Würden Nischenwände im Tunnel abgeschrägt in Fahrtrichtung verlaufen, könnte wenigstens ein frontaler Aufprall vermieden werden, so das Argument.

Auch bei den Fahrzeugen werden jeweils Verbesserungen diskutiert. Die «Financial Times Deutschland» nahm das Unglück des belgischen Cars gestern zum Anlass, an mögliche Neuerungen wie Airbags für jeden einzelnen Passagiersitz zu erinnern. Ein Fachmann forderte die Carunternehmer auf, elektronische Programme zur Fahrzeugstabilität sowie Notbrems- und Spurhaltesysteme zur Unfallverhütung schon einzubauen, bevor sie in Deutschland ab Ende 2013 schrittweise zur Pflichtausrüstung von Reisebussen gehören.

Frage der Verhältnismässigkeit

Es würde zwar jeder Vernunft widersprechen, freiwillig auf technische Neuerungen zu verzichten. Doch diese sind manchmal auch umstritten, weil sie Unfallfolgen je nach Situation sogar verschlimmern können – und eben keine absolute Sicherheit bieten. Selbst deren Entwicklung bis nahe an die Perfektion ist eine Frage der Verhältnismässigkeit. Sicherheitsexperten weisen nach Flugzeugabstürzen gerne darauf hin, dass Massnahmen im Bereich des winzigen Restes, der bis zur 100-prozentigen Sicherheit noch fehlt, so viel kosten würden wie jene zur Steigerung von 60 auf 99 Prozent. Zudem ist fast jeder Unfall das Ende einer Verkettung von Umständen, beeinflusst von Variablen wie Wetter und Stress. Dagegen nützen schärfere Gesetze, Kontrollen, Normen und verfeinerte Technik nichts.

Der unbeständigste Faktor im System Verkehr ist nach wie vor der Mensch. Von ihm wird verlangt, dass er seine Arbeit trotz allfälligen Launen, leichtem Schnupfen oder einer bedrückenden Ehekrise stets unbeeindruckt, seriös und zuverlässig verrichtet. Umgekehrt reicht die Transportbranche ihren zunehmenden Zeit- und Kostendruck oft ungehemmt an Piloten, Lokführer sowie Lastwagen- und Carchauffeure weiter, obwohl diese bisweilen für Hunderte von Passagieren verantwortlich sind. Die Stresslast ist in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Zur Prävention verheerender Unfälle würden entlastende Arbeitsbedingungen und stete Bewusstseinsförderung und Schulung im Bereich der Sicherheit mehr bringen als weitere technische Massnahmen.

Busbegleiter sinnvoll

Carchauffeure sind besonders gefordert, denn neben der anspruchsvollen Arbeit am Steuer sind sie auch noch als Betreuer einer anspruchsvollen Kundschaft angestellt. Wenn ein Koch gleichzeitig als Kellner bedient, führt das kaum zu einem Unfall. Doch wenn ein Carchauffeur noch andere Aufgaben als das Fahren wahrnimmt, wird es gefährlich. Gestern kursierten bereits Gerüchte um Zeugenaussagen, wonach der Chauffeur im Wallis kurz vor dem Unfall damit beschäftigt gewesen sei, auf Wunsch eines Fahrgasts eine DVD oder CD einzulegen (siehe TA von gestern). Sollte sich ein solcher Moment der Unaufmerksamkeit als Unfallursache erweisen, wäre eine andere Forderung als der Ruf nach technischer Verbesserung von Bussen gerechtfertigt – nämlich ein abgeschirmter oder doch ungestörter Arbeitsplatz für jeden Chauffeur sowie obligatorische Busbegleiter.

Es ist undenkbar, dass Flugpassagiere ihre Piloten etwa mit der Reklamation belästigen, die Toilettenspülung funktioniere nicht. Carchauffeure hingegen schlagen sich oft Hunderte von Kilometern auch noch mit solchen Fragen herum.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.03.2012, 23:06 Uhr

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