Ein Land trauert um seine Kinder

Belgien steht unter Schock. Zwei Schulen aus dem flämischen Landesteil sind vom Unglück betroffen.

Die belgische Schulklasse führte einen Blog. Das Bild stammt von dieser Website.

Die belgische Schulklasse führte einen Blog. Das Bild stammt von dieser Website.

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Es gibt keine schwierigere Reise. Die Eltern treffen nacheinander ein. Fast alle haben eine Tasche oder einen kleinen Koffer dabei. Die Polizei hat das Trottoir mit einem Plastikband abgesperrt, um den Angehörigen den Weg zur Schule frei zu halten, an den Fernsehteams vorbei. Einige kommen mit verweinten Augen, andere Paare stützen einander. Jede Familie für sich allein. Es ist nicht der Tag der grossen Erklärungen. Das werden später auch die Politiker und Würdenträger des Landes sagen.

Eigentlich hätte sich an diesem Mittwochmorgen auf dem Hof der Primarschule Sint Lambertus im flämischen Heverlee ein Wiedersehen abspielen sollen. Die Rückkehr war auf dem Blog angekündigt, den die Kinder und die Betreuer während des zehntägigen Skilagers im Val d’Anniviers geführt hatten. «Es ist sehr toll hier. Die Sonne scheint den ganzen Tag. Bis Mittwoch», postete einer der Schüler. Jetzt ist der Blog mit den fröhlichen Bildern im Schnee gesperrt, und die Angehörigen sammeln sich für die ungewisse Reise in die Schweiz.

Eltern werden abgeschirmt

Treffpunkt ist hinter den hohen Mauern und dem blauen Gittertor. Die Kameras fangen jeden ein, der durch die Strasse mit den einfachen Backsteinhäusern zur Schule kommt. «Bitte stürzen Sie sich nicht auf die Eltern», mahnt einer der Polizisten am Tor, das sich immer nur einen Spaltbreit öffnet. Sint Lambertus ist eine ganz gewöhnliche katholische Volksschule in der Agglomeration der Universitätsstadt Leuven. Doch gestern stehen dort ab dem frühen Morgen Kamerateams aus aller Welt. Erste Passanten legen schweigend Blumen hin.

Schulpfarrer Dirk De Gendt kennt die Kinder alle vom Konfirmationsunterricht, wie er vor der Polizeiabsperrung sagt. Die Kirche liegt am Platz gleich neben der Schule, jetzt von Übertragungswagen belagert. Die 6. Klasse mit 24 Kindern aus der Sint-Lambertus-Schule sei eine der beiden Klassen im Unfallbus gewesen, weiss der Geistliche. Die zehntägige Reise in den Schnee hat Tradition in Belgien. Es ist eine Art Belohnung für die zwölfjährigen Schüler, bevor sie in die Oberstufe wechseln. Für die Kinder aus Heverlee und ihre Angehörigen ist sie zum Albtraum geworden.

Quälende Ungewissheit

Während der Pause spielen im Hof die Kinder der tieferen Klassen, ein roter Ball verfängt sich im Netz über der Mauer. «Wir haben den Kindern erklärt, was geschehen ist, und dann mit dem Unterricht begonnen», sagt Schulpfarrer De Gendt. Abzuwarten wäre noch unerträglicher gewesen. Einige der Kinder in der Schule haben Geschwister im Skilager. Schnell klar ist nur, dass ein Lehrer und eine Begleiterin der Schule in Heverlee unter den Todesopfern sind. Quälend ist die Ungewissheit für die Eltern. 16 der Kinder sollen mit Verletzungen davongekommen sein, das Schicksal von 8 weiteren 12-Jährigen ist vorerst ungewiss.

Später kommt auch Belgiens Erzbischof Léonard hinzu, um Trost zu spenden. Auch er spricht von der schrecklichen Last für die Eltern, die bis zur Abfahrt in die Schweiz nicht wissen, ob ihre Kinder das Drama überlebt haben. Gegen 11 Uhr steht der weisse Bus der flämischen Verkehrsbetriebe De Ljin bereit, um die Angehörigen zum nahen Militärflughafen Melsbroek zu bringen. Der Bus wird von Polizisten auf Motorrädern mit Blaulicht eskortiert.

Regierung stellt Airbus

Fast zeitgleich setzt sich im kleinen Ort Lommel nahe der niederländischen Grenze ein anderer Bus mit Angehörigen in Bewegung. 22 der Kinder im Unfallcar stammen aus der dortigen Grundschule. Im Lommel ist der Schock noch grösser, denn bis zur Abreise gibt es Lebenszeichen nur von 5 Überlebenden. Die Klasse aus dem Grenzort sass offenbar im vorderen Teil des Unglücksbusses.

Am Militärflughafen von Melsbroek wartet ein Airbus 319, von der belgischen Regierung bereitgestellt. König Albert II. und Gemahlin Paola haben sich eingefunden, um den Angehörigen ihr Mitgefühl zu bekunden. In Belgien flattern bereits viele Flaggen auf halbmast. Die Medien beschäftigt vor allem die offene Fragen, wie der Unfall geschehen konnte. Es heisst, die Busfirma Top Tours habe einen ausgezeichneten Ruf und sei auf Reisen in Skigebiete spezialisiert. In den Schulen beider Landesteile sind für heute 11 Uhr Schweigeminuten angekündigt. Auf der Website der Schule von Heverlee kann man kondolieren: www.sintlambertusschool.be.

Schwerer Bewährungstest

«Das ist ein sehr trauriger Tag für ganz Belgien», sagt Belgiens Premierminister Elio Di Rupo, bevor er mit den Angehörigen Richtung Schweiz aufbricht. Vor der Schule von Heverlee baut sich fast zeitgleich Leuvens Bürgermeister Louis Tobback vor den Mikrofonen auf und sorgt für den einzigen Misston an diesem Tag, an dem Belgien um seine Kinder trauert. Der Flame kritisiert lautstark die Krisenkommunikation des frankofonen Aussenministers, der gerade auf Dienstreise in Vietnam weilt.

Das Land steht vor schweren Tagen und Elio Di Rupo mit seiner im flämischen Landesteil ungeliebten Bundesregierung vor seiner vielleicht grössten Bewährungsprobe. Trauerarbeit im geteilten Belgien ist ein besonderer Balanceakt. Der frankofone Sozialist tut sich besonders schwer mit der Sprache der Mehrheit im Land. In den nächsten Tagen wird er viele tröstende Worte auf Flämisch finden müssen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2012, 06:46 Uhr

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