Nachgefragt

«Für mich ist erstaunlich, dass es überhaupt Überlebende gab»

Ein erfahrener Buschauffeur äussert sich zum Busunglück im Wallis und erklärt, was die täglichen Herausforderungen beim Busfahren sind.

Trauer im Wallis: Blumen am Tunneleingang.

Trauer im Wallis: Blumen am Tunneleingang. Bild: Keystone

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Können Sie sich vorstellen, wie der Carunfall passieren konnte?
Mein erster Gedanke war, dass der Chauffeur in einem kurzen Moment der Unaufmerksamkeit den Randstein touchiert hat, das Steuer zu heftig herumriss und dann schleudernd in die Nischenwand gefahren ist. Dass der Bus kurz zuvor noch in die Tunnelwand prallte, ist offenbar erwiesen.

Unaufmerksamkeit am Steuer eines Cars mit 52 Menschen an Bord?
Man muss sich das so vorstellen, dass die Kinder kurz nach der Abfahrt aufgedreht waren, weil sie vielleicht bis zum Abend noch das Haus putzen und packen mussten und der Heimfahrt entgegenfieberten. Die Nervosität überträgt sich auf die Betreuer. Diese bitten den Chauffeur, zur Beruhigung der Kinder eine DVD in den Player zu schieben, worauf er eine heraussucht. Gerade am Anfang einer Fahrt ist das Ablenkungspotenzial für den Fahrer hoch.

Es waren zwei Chauffeure dabei. Kümmert sich nicht jener um solche Dinge, der nicht am Steuer sitzt?
Normalerweise schon, doch die Geräte sind so angeordnet, dass sie der Fahrer selber bedienen kann, und vielleicht kamen auch verschiedene Ansprüche zusammen. Die Fahrgäste wünschen jeweils nach dem Start Auskünfte über Fahrplan, Pausen und Route, wollen vielleicht die GPS-Daten auf den Bildschirmen sehen und stellen noch andere Fragen.

Als Berufschauffeur hat man doch eine gewisse Routine. Lässt man sich da wirklich von der Konzentration auf die Strasse ablenken?
Die Arbeit ist in den modern ausgerüsteten Fahrzeugen immer anspruchsvoller geworden, gerade mit der Unterhaltungselektronik. Neben DVD, GPS und Musik gibt es Cars, in denen man TV-Sendungen empfangen kann, und die Bedienungsinstrumente sind zum Teil sehr komplex. Ich habe selber auch schon angehalten, als den Kindern eine DVD nicht passte und ich eine andere heraussuchen musste. Hinzu kommt, dass die Fahrer nicht mehr wie früher quasi ihren «eigenen» Car haben, sondern innerhalb einer Firmenflotte immer wieder auf Fahrzeugen eingesetzt werden, mit denen sie nicht so vertraut sind.

Wie steht es denn um die Sicherheitsvorkehrungen in modernen Cars?
Anschnallen ist eigentlich obligatorisch, doch bei einem solchen Crash frontal in eine Wand hinein nützen die Sicherheitsgurten nicht mehr viel. Es war ja ein Dreiachser mit vielleicht 20 Tonnen Gewicht, da ist die kinetische Energie bei 100 km/h enorm. Gerade dann, wenn die rechte Hälfte des Busses abrupt von einer Mauer gestoppt wird und die linke Seite gewissermassen noch weiterfährt, zerreisst sie das ganze Fahrzeug. Für mich ist es eigentlich erstaunlich, dass es überhaupt Überlebende gab.

Hat der Stress für Carchauffeure in den letzten Jahren zugenommen?
Ja, es ist ein umkämpfter Markt. Die Chauffeure arbeiten unter Zeit- und Kostendruck. Auch topseriöse Unternehmen fordern von ihren Fahrern, dass sie die Kundschaft rundum zufriedenstellen. Das betrifft längst nicht mehr nur das Fahren allein. Ein Car ist heute auch ein Wohnzimmer, oft mit Bar, Würstlikocher, Kaffeemaschine und einem WC, das einem Erfrischungsraum gleicht. Wenn irgendwo etwas nicht so funktioniert, wie es der Kunde wünscht, fragt dieser den Fahrer um Rat. Dann braucht es schon etwas Mut zu sagen: Es tut mir leid, ich kann mich jetzt nicht um Ihr Problem kümmern, ich muss mich auf die Strasse konzentrieren.

Sind Ihnen vergleichbare Unfälle in Erinnerung geblieben?
Nein, aber die Unfallstatistiken halten fest, dass der Grund für die meisten schweren Carunfälle in einer Ablenkung der Chauffeure lag. Bei hoher Geschwindigkeit braucht es wenig, um mit einem 2,55 Meter breiten Car in einem engen Tunnel ohne Pannenstreifen anzuecken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2012, 21:16 Uhr

Andy Sottas (61) war 30 Jahre lang Carchauffeur in Luzern. (Bild: PD)

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