Interview

«Ich muss weinen, wenn ich die Bilder in den Medien sehe»

Beim Busunglück im Wallis starben am Dienstag 28 Menschen, 24 Personen wurden verletzt. Was löst ein Unglück von solchem Ausmass bei den Rettern aus? Tagesanzeiger.ch/Newsnet sprach mit einem der Sanitäter.

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Schüler zweier belgischer Schulen waren auf dem Rückweg aus den Skiferien im Val d'Anniviers, als ihr Bus am Dienstag in einem Tunnel bei Siders VS nach rechts von der Fahrbahn abkam, gegen einen Bordstein fuhr und frontal gegen die Betonmauer einer Nothaltebucht prallte. 28 Insassen starben, darunter 22 Kinder. Beim Unfall waren auch 24 Kinder verletzt worden.

Zu den ersten Rettern vor Ort gehörte der Sanitäter David Crapanzano. Gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet erzählt er, wie die Retter vor Ort psychologisch betreut wurden und wie man als Rettungssanitäter mit einem Unfall diesen Ausmasses umgeht.

Herr Crapanzano, seit dem Unfall sind fünf Tage vergangen. Was empfinden Sie, wenn Sie zurückdenken?
David Crapanzano: Mittlerweile hat sich das ganze etwas gesetzt. Meine Sichtweise der Dinge hat sich in den letzten Tagen dementsprechend verändert. Unmittelbar nach dem Einsatz hatte ich mich sehr schlecht gefühlt. Ich hatte all die Toten in meinem Kopf und auch den Gedanken, dass ich vielleicht mehr Menschen hätte retten können. Dieses Denken ist noch nicht ganz weg, aber im Grossen und Ganzen steht für mich jetzt im Vordergrund, dass wir immerhin 24 Menschen das Leben retten konnten. Das gibt doch eine gewisse Zufriedenheit. Sehr positiv war besonders, dass ich nach Absprache mit der Psychologin und mit dem verantwortlichen Personal zwei der geretteten Kinder im Spital besuchen durfte. Dadurch wurde mir gewissermassen einer der positiven Ausgänge des Unglücks vor Augen geführt.

War dieser Besuch im Spital ein bewusster Schritt auf der Suche nach etwas Positivem?
Ja, ich hatte das Bedürfnis, diese Kinder zu besuchen. Die Psychologin, die mich betreute, meinte ebenfalls, dass dies eine gute Idee sei, um nach all den negativen Bildern, etwas Positives und Zuversichtliches in den Vordergrund zu rücken.

Sie erwähnen die Psychologin. Sie waren von Anfang an am Unfallort, haben sehr schlimme Sachen miterlebt. Wurden Sie und die anderen Retter auch von Beginn an betreut?
Ja. Wir hatten also bereits am Unfallort einen Betreuer, einen Psychologen, der uns zur Seite stand. Der war also mit uns im Tunnel und beobachtete uns von Aussen. Irgendwann kam dann der stellvertretende Rettungsdienstleiter zu mir in den Bus und meinte, er komme um mich abzulösen, ich solle doch aus dem Bus rausgehen. Zuerst fühlte es sich an, als ob er mir meine Aufgabe entreissen wollte. Dann verstand ich aber, dass er mich einfach schützen wollte. Das war etwas, was ich bei meinen Kollegen von der Feuerwehr und der Polizei vorher auch hatte tun wollen: Ich habe sie immer wieder gefragt, ob sie sich nicht ablösen lassen wollten. Man will einfach so wenig Kollegen wie nötig mit diesen schlimmen Bildern konfrontieren. Draussen hat mich dann der Psychologe in Empfang genommen. Er nahm mich etwas zur Seite und liess mich ab da einfach darüber sprechen, was ich im Bus gerade erlebt hatte. Später, als wir um sechs Uhr Morgens auf dem Stützpunkt beim Spital Sieders eintrafen, waren ebenfalls zwei Psychologen vor Ort. Da habe ich dann auch nochmals eine halbe Stunde mit denen über das ganze sprechen können.

Wird man in der Ausbildung auf solch belastende Situationen vorbereitet?
Ja, man lernt bereits in der Ausbildung das Verhalten und die Ablaufschemen bei Grossereignissen und Unfällen, in welche viele Personen verwickelt sind. Man lernt die richtigen Abläufe aus einer technischen Sicht. Aus der psychologischen Sicht erklären einem bereits Psychologen, auf was man in solchen Extremsituationen achten soll. Wir lernen mittlerweile, wie wichtig es ist, dass wir während und nach dem Einsatz unsere Hilfe bei Betreuern holen. Früher dominierte die Sichtweise, dass man als Rettungssanitäter gewisse Situationen einfach ertragen können muss. Nun wird einem mit auf den Weg gegeben, dass die psychologische Unterstützung für Retter enorm wichtig ist. Es geht darum, dass man möglichst schnell wieder einsatzbereit ist.

Sie haben erwähnt, dass Sie auch innerhalb der Rettungsteams einander zur Seite standen.
Wir mussten vor allem im Innern des Busses sehr eng zusammenarbeiten, Rettungssanitäter, Feuerwehrleute und die Polizei. Ich habe tatsächlich die eine Polizistin irgendwann einmal in den Arm genommen. Ich wollte uns Mut machen und uns beiden wieder neue Kraft gegeben. Unmittelbar nach Beendigung des Einsatzes trafen wir uns alle noch in einem Elektroraum des Tunnels um uns zu erholen und zu verpflegen. Da haben wir uns auch gegenseitig in die Arme genommen, ermutigt und getröstet. Es ist wahnsinnig, wie in solchen Situationen innert kürzester Zeit sehr enge Verbindungen entstehen. Zwei Tage später, am 15. März, hatten wir dann auch noch eine Nachbesprechung im Feuerwehrlokal von Sierre, zusammen mit den Feuerwehren von Sion und Sierre. Danach sassen wir auch noch einmal im kleineren Rahmen zusammen und haben uns zum Erlebten ausgetauscht.

Haben Sie sich in den vergangenen Tagen beschäftigt, um eine Ablenkung zu haben?
Ich war zwei Tage nach dem Unglück noch einmal im Spital, um zwei der geretteten Kinder zu besuchen. Später habe ich ihnen dann noch ein Plüschtier mit einer Karte überbringen lassen. Das war für mich gewissermassen der Abschluss des Ganzen. Zwei Tage nach dem Unfall hätte ich eigentlich arbeiten müssen. Doch mein Rettungsdienstleiter hat alle Sanitäter, die im Einsatz gewesen waren, ablösen lassen. Dafür bin ich ihm extrem dankbar. Die Entlastung, welche die Pause mit sich brachte, tat extrem gut. Als ich zum ersten Mal wieder bei mir Zuhause war, konnte ich zunächst nicht schlafen und fand auch keine Ruhe. Deshalb ging ich einfach spazieren. Danach habe ich angefangen, im Haushalt Sachen zu erledigen. Ich habe beispielsweise ein Regal an der Wand befestigt. Das war gut, um die Gedanken etwas auf bestimmte Bahnen zu lenken. Zurzeit habe ich noch Freitage, die ich eh schon eingegeben hatte. Ich gebe nun vier Tage lang Skischule in Arosa. Das lenkt mich ab und zeigt mir gesunde und lebendige Kinder in einem fröhlichen Umfeld.

Was war ihr Beweggrund, öffentlich darüber zu sprechen?
Ich wollte einerseits jenen Eltern und Hinterbliebenen mein Beileid aussprechen, deren Kinder und Angehörige ich nicht mehr helfen konnte. Das hätte ich gerne persönlich getan, was aber leider nicht mehr möglich war. Ich hatte nach dem Unfall nur mit einigen Eltern zu tun, deren Kinder im Spital waren. Ihnen und ihren Kindern habe ich viel Mut und Kraft für die Verarbeitung des Erlebten und eine vollständige Genesung gewünscht. Andererseits wollte ich mich auch gegenüber meinen Kollegen von der Sanität, der Feuerwehr und der Polizei bedanken. Mein Dank geht aber auch an die Psychologen, die Bestatter und den Abschleppdienst. Ich war zu Beginn der Rettungsarbeiten sehr lange alleine mit drei Polizisten im Bus. Ohne die Hilfe der Polizei und der Feuerwehr waren mir aber im Wrack die Hände stark gebunden. Man muss bedenken, dass die Feuerwehrleute vor Ort grösstenteils aus freiwilligen Feuerwehren stammten. Die haben aber absolut professionell und super gearbeitet. Dafür wollte ich mich einfach von Herzen bedanken.

Werden Sie weiter als Rettungssanitäter arbeiten?
Ja sicher. Eigentlich möchte ich so schnell wie möglich wieder in den Alltag eintauchen. Ich habe das meinem Chef auch mitgeteilt und der nimmt meinen Wunsch ernst. Zunächst werde ich aber ein weiteres Gespräch mit einer Psychologin haben. Diese wird dann ein Gutachten ausstellen, dass entscheidet, wann ich die Arbeit wieder aufnehmen kann. Schliesslich geht es darum, dass ich wieder voll einsatzfähig und bereit für die Herausforderungen werde. Obwohl ich hoffe, einen solchen Einsatz nie wieder erleben zu müssen, fühle ich mich selbst nach dieser Herausforderung bestärkt für weitere Einsätze. Ich merke selber, dass ich noch traurig werde und zum Teil weinen muss, wenn ich Bilder und Details vom Vorfall in den Medien sehe. Die schlimmen Erinnerungen kommen dadurch wieder an die Oberfläche und plagen mich. Ich bin froh, dass ich gut und noch ohne Alpträume schlafen kann. Unfälle, in die Kinder verwickelt sind, gehören bei Rettern zu den gefürchtetsten. Kein Rettungssanitäter wünscht sich, an so einen Unfall gerufen zu werden.

Erstellt: 18.03.2012, 14:13 Uhr

Für Air Glaciers tätig: Dipl. Rettungssanitäter David Crapanzano. (Bild: zvg)

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