Rupperswil schwankt zwischen Erleichterung und Schock

Jetzt beginnt in Rupperswil die Trauerarbeit. Aber: Was richtet ein beispielloses Verbrechen in einer 5000-Seelen-Gemeinde an?

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Im Dorf im Aargauer Mittelland, das für seine Zuckermühle bekannt ist, leben die Menschen derzeit nur mit Mühe ihren Alltag. Die meisten Einwohner wollen nicht auf den Vorfall angesprochen werden. Anders René Schwarz. Er betreibt seit 26 Jahren eine Confiserie im Dorfkern von Rupperswil.

Er sagt: «Die Stimmung hat sich schlagartig verändert.» Die Bewohner seien erleichtert, dass der Täter gefasst wurde: «Jetzt kann die richtige Trauerarbeit beginnen.» Und klar habe er die Opfer gekannt. Die Familie Schauer habe bei ihm eingekauft. Hat der Bäcker auch Thomas N. gekannt? Er sei jeweils frühmorgens durchs Dorf spaziert, erzählt Schwarz. Mit Mütze und Kopfhörern. Doch persönlich gekannt habe er ihn nicht: «Er lebte sehr zurückgezogen, hat nie am Dorfleben teilgenommen.» Was ihn beschäftigt: «Heutzutage ist es auch in unserem Dorf möglich, anonym zu leben.» Man kenne die Leute nicht mehr. Das habe dieser Fall gezeigt: «Auch hier konnte er so lange unerkannt bleiben.»

«Es macht einen ohnmächtig»

Das kaum aussprechbare Ereignis habe «sein» Dorf geschockt: «Vor allem, als wir die Details der Tat erfahren haben.» Dass Thomas N. etwas so Schreckliches planen konnte, sei unvorstellbar: «Es macht einen ohnmächtig.» Ohnmächtig, weil man gegen solche Bosheit schlicht nichts machen kann, sagt Schwarz. «Wenn einer so etwas Böses will, dann ist es nur noch Schicksal, ob es dich trifft oder nicht.»

Der forensische Psychiater Frank Urbaniok hat viele Straftaten untersucht. «So eine Tat führt zu einer Traumatisierung einer Region», sagt er. Dass die Leute nicht merken, dass der Täter einer aus ihrer Bevölkerung war, «zerstört das Vertrauen in die Gemeinschaft». Gerade in diesem Fall sei es «ganz wichtig, die Verhältnisse geradezurücken» und den Ausnahmecharakter der Geschehnisse zu betonen. An diesem Samstagnachmittag treffen sich die Leute in der Confiserie. Sie lesen in «20 Minuten» und im «Blick» die neusten Nachrichten über den geständigen Täter.

Schwere Taten traumatisieren ganze Gruppen

Für viele ist diese Wahrheit, dass die «Bestie aus Rupperswil» aus ihrem Dörfchen kommt, zu viel des Guten: «Sie spüren Wut», berichtet René Schwarz. Immerhin sei erfreulich, dass dank der Festnahme von Thomas N. weitere Taten verhindert werden konnten – gegenüber den Behörden herrscht grosse Dankbarkeit: «Die Polizei hat eine super Arbeit geleistet, das war sicher nicht einfach», sagt auch Confiseur Schwarz.

Für Urbaniok ist es jetzt ganz wichtig, sich zu überlegen, «wie eine Region eine solche Tat verarbeitet, damit es nicht zu einer Grundatmosphäre wird». Schwere Taten würden immer eine ganze Gruppe von Menschen traumatisieren und Auswirkungen auf das Lebensgefühl der Anwohner haben. «Auf dieses Gefühl setzen etwa terroristische Gruppierungen. Da stehen auch die Medien in der Pflicht.»

Der Artikel ist am 15.05.2016 in der SonntagsZeitung erschienen.

Erstellt: 15.05.2016, 18:29 Uhr

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