Der Ausbruch des Bösen aus der Normalität

Manchmal wohnt das Böse keine 500 Meter von uns entfernt und lebt ein Leben fast wie wir.

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Manche Dinge wiederholen sich wie die Jahreszeiten: Geschieht eine grausame Tat wie die im aargauischen Rupperswil, verbreitet sich fast so schnell wie die Nachricht selbst die Verblüffung darüber, dass ein Mensch, der normal, angepasst und unauffällig gelebt hat wie Thomas N., etwas derart Schreckliches und Unfassbares begehen konnte. Auch wenn diese erste emotionale Reaktion verständlich und nachvollziehbar ist, bleibt sie letztlich irrational: Erstens war eine grosse Zahl der Kapitalverbrechen der letzten Zeit genauso gelagert (Fritzl und Kampusch, der Fall Höxter), zweitens – und wichtiger – ist das Böse, das sich in diesen Morden und Massenmorden blutige Bahn bricht, ein Teil der Normalität und Normativität. Vor dieser Einsicht verschliessen wir – auch aus Selbstschutz – die Augen.

Kleine Dosen

Wir müssen uns mit dem unangenehmen Gedanken anfreunden, das Böse nicht als etwas zu betrachten, das irgendwo da draussen lauert und ab und zu – wie ein Wolf – in das Gehege der braven Schafe einbricht. Vielmehr weilt es unter uns und kann jederzeit (auch aus uns selbst) ausbrechen. Es bricht aus, nicht ein! Dabei muss es sich nicht gleich in einem brutalen Massaker äussern, dies kann auch in kleinen, subtilen Dosen geschehen.

Die Projektion des Schlechten nach aussen ist eine beliebte Strategie zur Beruhigung unserer latenten Aggressivität: Durch die Abspaltung und Aussperrung des Bösen schaffen wir eine imaginäre Ruhezone, in der sich das moralisch Gute etablieren und entwickeln soll. Obwohl wir regelmässig das Gegenteil vorgeführt bekommen, halten wir strikt an der Trennung von gesunder Normalität und kranker Abnormalität fest. Auch wenn ein solches Denken in klaren, übersichtlichen Kategorien den Alltag (und den Umgang mit anderen) erleichtert, so täuscht es doch über die wahre Natur des Menschen hinweg: Das Böse in seiner physischen und psychischen Ausformung ist ein fester Bestandteil unserer Normalität – und Humanität.

Woran erkennen wir das? Etwa daran, dass wir tagtäglich damit beschäftigt sind, böses Verhalten zu domestizieren und in zivile Bahnen zu lenken. Oder daran, dass wir mit voyeuristischer Lust an extrem brutalen Schreckenstaten in der Literatur oder im Film teilnehmen und somit etwas sub­limieren, was uns offenbar bewegt (nicht zufällig heisst ein Klassiker «Es geschah am helllichten Tag»). Oder auch daran, dass wir kleine Bosheiten innerhalb bestimmter Grenzen der Bürgerlichkeit zulassen, ja geradezu kultivieren (wenn etwa Trainer ihre Jungs massiv massregeln, Lehrer ihre Schüler einschüchtern oder Studenten freiwillig gewalttätige Taufrituale über sich ergehen lassen).

Das Normale ist kein Hort des Guten

Die Normalität, auf die wir so grosse Stücke halten, ist nicht automatisch ein Hort des Guten. Auch dem oder den Bösen bietet sie Unterschlupf, ja mehr noch: Unter ihrem Dach finden Mörder Schutz vor der Aufdeckung und den perfekten Nährboden, auf dem ihre Taten in aller Stille bis zur Monstrosität heranreifen können. Es ist also nicht erstaunlich, dass sich Thomas N. normal verhalten hat, sondern äusserst konsequent. Dies ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Normalität und das Böse eine unheilige Allianz verbindet.

«Wir spalten das Böse ab und schaffen eine imaginäre Ruhezone.»

Diese Erklärung soll nichts und niemanden entschuldigen. Sie will bloss zeigen, dass das entsetzte Zurückweichen der Allgemeinheit vor der unvermittelt eingetretenen Schreckenstat eine psychohygienische Funktion hat: Wer zurückweicht, weist all das zurück, was er sieht – und übersieht dabei, dass hinter seinem Rücken das Böse bereits wieder in Stellung geht. Dreht man sich um, tut es das Böse auch. Es macht das, was normale Menschen auch tun, wenn sie sich verstecken.

Die «Bestie», als welche Einzeltäter regelmässig beschrieben und damit aus der Gemeinschaft der Menschen exkommuniziert werden, ist – auch nach der Verhaftung von Thomas N. – weiterhin auf freiem Fuss: unterwegs in unserer ganz normalen Wirklichkeit. Dass Rupperswil sich jederzeit und überall abspielen kann, ist das Beunruhigende an diesem Fall – und an allen anderen Fällen auch. Manchmal wohnt das Böse nicht einmal 500 Meter von uns entfernt und führt fast das gleiche Leben wie wir.

Der Trailer zum Filmklassiker «Es geschah am hellichten Tag»

Erstellt: 17.05.2016, 23:18 Uhr

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