«Zweifellos gingen beim Einsatz einige Dinge schief»

Eine Hanf-Razzia im März 2016 ging tödlich aus: Eine Rentnerin nahm sich nach stundenlangen Verhandlungen das Leben. Die Luzerner Polizeispitze steht vor Gericht.

Umstrittener Einsatz: Kripochef Daniel Bussmann verlässt das Gerichtsgebäude nach einer Verhandlung in Luzern.

Umstrittener Einsatz: Kripochef Daniel Bussmann verlässt das Gerichtsgebäude nach einer Verhandlung in Luzern. Bild: Keystone

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Auch wenn das Bezirksgericht die Luzerner Polizeispitze vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen hat: Der Sohn der Frau, die sich während des Polizeieinsatzes das Leben nahm, ist noch immer von der Schuld der Angeklagten überzeugt, wie sein Anwalt Oskar Gysler am Ende seines eineinhalbstündigen Plädoyers vor den Kantonsrichtern ausführte: «Der Zugriff war klar unverhältnismässig.»

Es war der Sohn der Rentnerin, der gegen das erstinstanzliche Urteil Berufung eingelegt hatte. Er, der sich zum Zeitpunkt des Polizeieinsatzes in Untersuchungshaft befand, war es auch gewesen, der Anzeige gegen die Polizeispitze wegen Amtsmissbrauchs und fahrlässiger Tötung einreicht hatte.

Ein Auszug aus dem Funkprotokoll zeige auf, dass für Kripochef Daniel Bussmann schon am Morgen klar war, dass der Zugriff vor dem Mittag erfolgen soll, sagte Gysler. Es sei gefunkt worden, die Intervention erfolge, egal ob die Frau schlafe oder sich verbarrikadiere. Der Kläger will bewiesen haben, ob Bussmann diesen Befehl funkte und - wenn nicht - wer sonst. Der Kripochef selber betonte an der Verhandlung, dass er nicht an diesem Funkverkehr beteiligt war.

«Suizid als direkte Reaktion»

Gysler bezeichnete die Vorbereitungen für die Intervention nicht als Eventualplanung, sondern als eine «klare Einsatzplanung». Er sagte, es hätten mehrere, nicht aussichtslose Handlungsalternativen« bestanden.

Weiter habe die Frau wiederholt zum Ausdruck gebracht, dass sie sich im Fall eines Zugriffs umbringen werde. »Der Suizid erfolgte als direkte Reaktion auf den Zugriff«, sagte der Anwalt des Sohnes.

Laut Gysler hätte man auch auf die geforderte Bedenkzeit eingehen müssen. Denn: »Die Frau wollte ihr Leben weiterführen, falls ihr Sohn freigelassen würde«, sagte Gysler. Es habe keine Hinweise gegeben, dass sie sich sowieso das Leben nehmen wollte.

Staatsanwalt: «Einige Dinge gingen schief»

Der ausserordentliche Staatsanwalt, der Aargauer Christoph Rüedi, betonte die Komplexität des Falls. Das Urteil der Vorinstanz scheine ihm vertretbar, er zog dieses denn auch nicht weiter. Dennoch betonte er: «Es bestehen gewichtige Argumente, die zu einem Schuldspruch führen könnten.»

Allen sei klar gewesen, dass die Frau psychisch krank war. Das Ausmass der Erkrankung sei nicht entscheidend. «Sie war in einer Stresssituation und verkannte die Realität und konnte nicht frei entscheiden, ob sie weiterleben oder Suizid begehen wolle», sagte Rüedi.

Auch er sprach die alternativen Verhandlungsmöglichkeiten an. Es sei nicht von der Hand zu weisen, dass sämtliche Verhandlungsmöglichkeiten sowohl Chancen als auch Risiken mit sich brachten. Und er stellte nochmals die Frage, ob man nicht doch hätte weiterverhandeln oder den Sohn konsultieren sollen. «Zweifellos gingen beim Einsatz einige Dinge schief», sagte Rüedi.

Kripochef: «Verhandlungen waren äussert schwierig»

Die Luzerner Polizeispitze hat ihr Vorgehen bei der tödlich ausgegangenen Hanf-Razzia vom März 2016 in Malters am Donnerstagmorgen vor dem Kantonsgericht verteidigt. Mit der Intervention zuzuwarten sei keine Option gewesen, versicherte Kripochef Daniel Bussmann.

Bussmann wurde als erster Beschuldigter befragt. Er schilderte nochmals ausführlich, wie er den Einsatz mit den 19-stündigen Verhandlungen erlebt hatte. Als er am zweiten Tag um 6 Uhr in der Früh in Malters die Einsatzleitung übernommen habe, gab es einen Übergaberapport. «Das Fazit war: Die Verhandlungen in der Nacht waren äussert schwierig», sagte Bussmann.

Die Frau wurde als sehr gefährlich und unberechenbar eingeschätzt. Sie blockte alles ab, war dominant und gab den Ton an. Sie sagte laut Bussmann gar, sie werde unter keinen Umständen in die Psychiatrie gehen. Für Bussmann war es nun an der Zeit, einen Plan B auszuarbeiten.

«Waren in Endlosschlaufe»

Gegen 10 Uhr sei der Entscheid gefallen, dass die Verhandlungen mit der Frau gescheitert seien und dass ein Zugriff geplant werden soll. Der aufgebotene Psychologe schätzte die Frau laut Bussmann zwar als «brandgefährlich und unberechenbar» ein. Trotzdem sprach sich dieser gegen eine Intervention aus. Er riet, mit einem Zugriff zu warten.

Gerichtsvorsitzender Peter Arnold bohrte an dieser Stelle mehrmals nach. Er wollte unter anderem wissen, weshalb er den Rat des Polizeipsychologen nicht befolgt habe. «Warten? Worauf?», fragte Bussmann zurück.

«Ich konnte nicht mehr zuwarten. Wir befanden uns in einer Endlosschlaufe, die Verhandlungen mit der Frau waren gescheitert und ich trug die Verantwortung für den Einsatz», sagte Bussmann. Und schliesslich sei die Gefährlichkeit der Frau bei allen Involvierten unbestritten gewesen.

Je länger er mit der Intervention zugewartet hätte, je grösser wäre das Risiko gewesen, dass sich die Frau irgendwo eingeschlossen und so eine Intervention mit dem geplanten Diensthund noch schwieriger gemacht hätte.

Abbruch stand zur Diskussion

Ein vollständiger Abbruch des Einsatzes sei auch diskutiert worden, sagte Bussmann auf die Frage eines Richters – aber nicht in Frage gekommen. Es sei geschossen worden, das Gefahrenpotenzial sei gross gewesen.

Als zweiter wurde der Luzerner Polizeikommandant Adi Achermann befragt. Als er am Morgen zwischen 8 und 9 Uhr vor Ort eintraf, habe er erkannt, dass ein systematischer Prozess am Laufen sei, versicherte er.

So beschloss er, sich um die Medien zu kümmern und die Gemeinde zu informieren. Es habe keine Argumente gegen eine Intervention gegeben, sagte Achermann und betonte, auch der Psychologe hätte sich nicht grundsätzlich gegen eine Intervention ausgesprochen. «Nur gegen den Zeitpunkt.»


So lief der Einsatz ab:

Eine 65-jährige Frau verwehrte den Beamten am 8. März 2016 um circa 16 Uhr in einem Mehrfamilienhaus im Weiler Lochmühle den Zutritt zur Wohnung. Sie drohte, mit einem Revolver auf die Beamten zu schiessen. Dabei feuerte die Frau mehrere Schüsse in der Wohnung und aus dem Fenster ab.

Die Polizei rückte mit einem Grossaufgebot aus. Sie evakuierte aus Sicherheitsgründen die übrigen Wohnungen sowie benachbarte Gebäude auf dem Weiler. Zeitweise war auch die Kantonsstrasse zwischen Malters und Schachen für den Verkehr gesperrt.

Spezialisten der Polizei verhandelten während 17 Stunden – auch während der Nacht – ergebnislos mit der Frau. Sie habe sich in einem psychischen Ausnahmezustand befunden, sagte der Polizeikommandant damals. Sie habe keine Einsicht gezeigt und mit Suizid gedroht.

Im Verlauf des Mittwochmorgens entschieden Polizei und Staatsanwaltschaft, die Wohnung am Mittag durch die Zentralschweizer Polizeisondereinheit Luchs stürmen zu lassen. Die Frau sei eine grosse Gefährdung für die Nachbarschaft und die Polizisten gewesen.

Als die Beamten im Treppenhaus waren, erschoss die Frau laut Polizeiangaben im Badezimmer erst ihre Katze und richtete sich schliesslich selber. Polizisten feuerten gemäss offiziellen Angaben keine Schüsse ab. (hvw/sda)

Erstellt: 23.08.2018, 11:37 Uhr

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