Kunstschmuggel: Millionenbusse für Dolder-Besitzer Schwarzenbach

Urs E. Schwarzenbach habe 123 Werke illegal ins Land gebracht – der Milliardär wehrt sich gegen die Vorwürfe vor Gericht.

Eines der Bilder, das Schwarzenbach geschmuggelt haben soll: Giovanni Segantini «Le due Madri» (Wert: 1,44 Mio. Fr.), hinterzogene Mehwertsteuer: Fr. 115 200.-

Eines der Bilder, das Schwarzenbach geschmuggelt haben soll: Giovanni Segantini «Le due Madri» (Wert: 1,44 Mio. Fr.), hinterzogene Mehwertsteuer: Fr. 115 200.-

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Es ist der grösste je bekannt gewordene Fall von Kunstschmuggel in der Schweiz: Die Oberzolldirektion in Bern hat gegen den Schweizer Milliardär und Devisenhändler Urs E. Schwarzenbach eine Rekordbusse von vier Millionen Franken verfügt. Über 120 Kunstwerke habe der 68-Jährige illegal eingeführt, so die Behörde, und dabei zehn Millionen Franken Mehrwertsteuern hinterzogen. Schwarzenbach hat gegen den Entscheid Beschwerde eingelegt.

Es geht in diesem Fall um Kunstschätze im Wert von mehr als 130 Millionen Franken. Laut Strafverfügung der eidgenössischen Zollverwaltung vom 6. Oktober umging Schwarzenbach Mehrwertsteuern, indem er Kunstwerke ganz offiziell ins Ausland exportierte und sie dann heimlich wieder in die Schweiz zurückbrachte. Zum Beispiel das Meisterwerk «Le due madri» von Giovanni Segantini. Gekauft hat es Schwarzenbach beim Auktionshaus Christie’s im März 2011. Der Preis: 1,4 Millionen Franken. Im Privatjet soll er das Bild einen Monat später nach England geflogen haben, in der Schweiz fielen so keine Steuern an.

Doch laut Schwarzenbachs eigener Kunstdatenbank hing das Gemälde später im «Engadiner Stübli» seiner Villa Meridiana in St. Moritz. Der Milliardär habe das Bild heimlich ins Land geschmuggelt und so 100 000 Franken Mehrwertsteuern hinterzogen, urteilt die Oberzolldirektion.

Liu Ye, «Beijing Madonna» (Wert: Fr. 508 531.-) Gelangte laut Zoll illegal an die Goldküste. Hinterzogene Mehrwertsteuer: 68 648.35 Fr.

Minutiös listet der Zoll 123 Fälle dieser Art auf. Ein riesiger Kunstschatz sei so unverzollt in die Schweiz gelangt, darunter Werke von Picasso, Matisse, Modigliani und Schmuckstücke des russischen Goldschmieds Carl Fabergé.

Auf den Computern fand der Zoll das zentrale Beweisstück

Schwarzenbach ist ein Mann, der seinen Reichtum nicht versteckt. Er besitzt Schlösser, Luxushotels, ein ganzes Dorf in England sowie Ländereien in Australien. Sein Privatjet ist eins der teuersten Modelle auf dem Markt. Ein Teil von Schwarzenbachs Kunstsammlung ziert die Hallen seines Zürcher ­Luxushotels Dolder Grand. Sein Vermögen wird auf rund eineinhalb Milliarden Franken geschätzt.

Auslöser für die jetzt gefällte Strafverfügung war ein Vorfall vom 20. September 2012. An diesem Tag landete Schwarzenbach mit seinem Privatjet am Flughafen Kloten ZH und passierte am Zoll den grünen Ausgang. Nichts zu deklarieren, hiess das. Doch die Zöllner stoppten ihn. Sie fanden ein Bild im Wert von mehr als 300 000 Franken und eine wertvolle Dose in Form eines Elefanten.

Schwarzenbach war schon in den Jahren zuvor in Zollstreitigkeiten verwickelt. Er hatte Schmuck nicht vorschriftsgemäss angemeldet. Jetzt hatten die Zöllner genug. Statt die Sache als Einzelfall abzuwickeln, lancierten sie umfassende Ermittlungen. Im April 2013 durchsuchten Ermittler fast zeitgleich das Hotel Dolder Grand am Zürichberg, die Villa Falkenstein in der Zürcher Innenstadt, Schwarzenbachs Privathaus in Küsnacht ZH und Häuser in St. Moritz. Auf den Festplatten der Computer in der Villa Falkenstein fanden die Zollfahnder das zentrale Beweisstück – Schwarzenbachs Kunstdatenbank Faust. In ihr wurde minutiös festgehalten, wann welches Kunstwerk wohin verschoben ­wurde. Die Fahnder kopierten die Computerdaten und schleppten Kisten voller Dokumente aus dem Haus.

Ernst Ludwig Kirchner «Spaziergang im Walde» (Wert: Fr. 227 461.-). Gelangte laut Zoll illegal nach St. Moritz. Hinterzogene Mehrwertsteuer: Fr. 18 196.90

Erst dank «Faust» stellte der Zoll fest, dass scheinbar Dutzende Kunstwerke, die mit gültigen Papieren ins Ausland exportiert worden waren, in Wahrheit in den ­Luxusresidenzen des Milliardärs in der Schweiz hingen – offenbar ins Land geschmuggelt unter Umgehung der Mehrwertsteuern.

Darunter auch das Gemälde «Suprematistische Komposition mit Fläche in Projektion» von Kasimir Malewitsch. Laut Strafverfügung kaufte Schwarzenbach es für 16 Millionen Dollar. Am 4. November 2009 habe er es im Privatjet ins Ausland gebracht. Gemäss der Datenbank sei das Gemälde aber nur fünf Tage später wieder in der Villa Falkenstein in Zürich aufgetaucht. Tatsächlich fanden die Ermittler es anlässlich der Hausdurchsuchung genau dort vor.

Das Gleiche geschah laut Zoll mit einer Bronzeskulptur namens «Autoportrait sur pichet» von ­Miquel Barceló. Schwarzenbach habe das Werk für 100 000 Franken im März 2012 gekauft. Papiere einer Transportfirma belegten, dass die Skulptur im Juni Schwarzenbachs Piloten für die Ausfuhr übergeben wurde – Ziel Istanbul. Doch auch sie landete auf geheimen Wegen wieder in der Schweiz. Die Ermittler fanden sie bei der Hausdurchsuchung im Hotel Dolder Grand.

Wären diese Kunstwerke jeweils legal wieder eingeführt worden, hätte Urs E. Schwarzenbach sie beim Zoll anmelden und Mehrwertsteuer bezahlen müssen. Das sei in all diesen Fällen nicht passiert, so der Zoll.

Doch die Vorwürfe reichen weiter. Laut Verfügung liess der Dolder-Besitzer in 27 Fällen Kunstwerke zwar verzollen, doch habe er Rechnungen mit viel zu tiefen Preisen präsentiert – oft nur ein Zehntel des tatsächlichen Kaufpreises.

So habe er am 16. Juni 2012 für die Einfuhr des Gemäldes «Alpine Landscape» von Gottardo Segantini eine Rechnung mit Kaufpreis von 10 000 Franken vorgelegt. Ermittlungen ergaben, dass Schwarzenbach das Bild einen Monat zuvor für 105 000 Euro erworben hatte – also zum zehnfachen Preis. Der Milliardär habe mit solchen Rechnungen Mehrwertsteuern von mehr als 250 000 Franken umgangen. Liest man die Strafverfügung, entsteht der Eindruck, dass der Milliardär die Vorwürfe des Zolls als Kavaliersdelikte sah. Selbst nachdem seine Häuser durchsucht wurden, passierte er mit teuren Handtaschen oder Kunstschätzen den Zoll, ohne sie zu deklarieren. Er gab an, es gehe ihm nur um «die Umgehung einer endlosen Bürokratie», so wörtlich in der Verfügung. Er handle aus Bequemlichkeit, und wolle wegen 100 000 Franken «kein Büro aufmachen».

200 Millionen Franken von Schwarzenbach sind blockiert

Andererseits nahm er scheinbar einen erheblichen Aufwand auf sich, um Kunstwerke ins Ausland zu verschieben und sie hinterher ohne Verzollung wieder in die Schweiz zu schaffen. Dazu liess er Frachtpapiere, Ausfuhrpapiere oder Transitpapiere ausfüllen. Der Transport in die Schweiz musste organisiert werden.

Kasimir Malewitsch «Suprematistische Komposition mit Ebene in Projektion» (Wert: Fr. 16,47 Mio). Hinterzogene Steuern laut Zoll: Fr. 1 251 628.80

Ferner nutzte der Milliardär für den Kauf der Kunst undurchsichtige Firmen. Zum Beispiel eine Galerie mit Sitz in Liberia und eine Stiftung aus Vaduz. Schwarzenbachs Angestellte in der Villa Falkenstein mussten jeweils den Briefkopf der liberianischen Galerie benutzen, obwohl sie die Geschäfte von Zürich aus tätigten.

Das könnte das Interesse der Zürcher Steuerbehörde geweckt haben, die Ende Januar 2016 von Schwarzenbach 200 Millionen Franken blockieren liess. Offenbar will der Fiskus prüfen, ob der Devisenhändler in der Villa eine nicht deklarierte Geschäftstätigkeit hat.

Nun geht der Streit mit dem Zoll in eine weitere Runde. Zwar hat Schwarzenbach die Nachzahlung der zehn Millionen Franken Mehrwertsteuer offenbar akzeptiert. Doch gegen die jetzt erlassene Verfügung und die Strafe von vier Millionen Franken wehrt er sich. Auf Anfrage sagen seine Londoner Anwälte, ihr Klient weise viele der Vorwürfe in der Strafverfügung zurück und verlange eine gerichtliche Beurteilung vor dem Zürcher Bezirksgericht. Er erwarte, dort von aller Schuld freigesprochen zu werden. Schwarzenbachs Anwälte betonen zudem, es treffe nicht zu, dass ihr Klient absichtlich Zeit und Mühe investiert habe, um Mehrwertsteuern zu umgehen.

Dem Zoll hatte Schwarzenbach vorher durch seine Anwälte mitteilen lassen, es könne auch gut sein, dass nicht er selbst für das verantwortlich sei, was ihm vorgeworfen werde. Doch laut Strafverfügung betonten seine Angestellten stets, sie hätten strikt auf Anweisungen ihres Chefs gehandelt.

Mitarbeit: Oliver Zihlmann

Erstellt: 22.10.2016, 23:32 Uhr

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