Hintergrund

«Alle freuen sich auf Roger Federer»

Die Familie Federer baut in der Lenzerheide eine Luxusvilla. Die Dorfbewohner sind stolz – doch passt der Multimillionär Federer wirklich ins Bündner Feriendorf?

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Lang ist es her, seit die Geschlechter von Belmont, Rhäzüns und Vaz das Bündnerland beherrschten. Doch nun kehrt der Adel nach Graubünden zurück: «König» Roger Federer baut in der Lenzerheide eine Villa, um abseits des Tenniscourts die frische Bergluft mit der Familie zu geniessen. Das Grundstück für sein Ferienhaus hat Federer bereits 2008 erworben. Nachdem sein Baugesuch im letzten Herbst gutgeheissen wurde, liess er die bestehende Villa Crap Curver abreissen. 2011 begann der Bau der neuen Ferienresidenz.

Luftaufnahmen zeigen: Hier entsteht nicht bloss ein Ferienhäuschen, sondern quasi ein Privatresort. Auf dem über 8000 Quadratmeter grossen Grundstück stehen die beiden Rohbauten Bellavista A und Bellavista B. In Haus A werden Roger und Mirka Federer wohnen, bei Haus B führt Federers Vater die Bauherrschaft. Wie die «Südostschweiz» schreibt, dürfte der Tennisstar für das Grundstück rund zehn Millionen Franken bezahlt haben. Die neue Villa selbst soll laut «Blick» etwa sechs Millionen Franken kosten – inklusive begehbarem Kleiderschrank, Heimkino, Hamam und einer Garage für bis zu neun Autos.

Explodierende Grundstückpreise

Der schwerreiche Tennisstar in der Familiendestination Lenzerheide-Valbella: Geht dies gut? Lokalpolitiker Andrea Bianchi sagt, die Stimmung sei ausgezeichnet. Das Dorf sei stolz darauf, bald einen Nationalhelden als Hausbesitzer zu begrüssen. Das Medienaufsehen um den Zuzug hält er für übertrieben, denn schliesslich sei es bloss ein Wohnungsbau – halt etwas grösser und prunkvoller, als es in der Tourismusdestination Lenzerheide-Valbella sonst der Fall sei.

Doch der SP-Mann hält auch den Mahnfinger hoch: In den Gemeinden um die Lenzerheide seien die Grundstückpreise in den letzten zwanzig Jahren explodiert. Viele Einheimische könnten sich das Wohnen im Dorf nicht mehr leisten und müssten wegen der zahlreichen Zweitwohnungen wegziehen.

Federers Zuzug könnte eine Sogwirkung auslösen, meint Bianchi – und so noch mehr Superreiche in die Lenzerheide locken. Dadurch würden die ohnehin hohen Grundpreise noch weiter steigen. «Unter 1000 Franken pro Quadratmeter ist in der Lenzerheide nichts mehr zu haben», so Bianchi. Bereits um ein Vielfaches höher seien die Preise an den Toplagen: eine Auswirkung des Baubooms in den letzten Jahrzehnten.

Diskretion gegenüber Prominenten

Familienvater Federer verdrängt also indirekt einheimische Familien aus der Region. Ein Problem? Nicht für Tourismusdirektor Manfred Fiegl. «Alle freuen sich auf Roger Federer», sagt er. Federers Standortwahl werde als Kompliment an die Ferienregion wahrgenommen; Einsprachen gegen das Bauvorhaben habe es nicht gegeben. Fiegl hebt das gute Verhältnis zwischen Einheimischen und Feriengästen hervor – zu denen bereits heute auch einige bekannte Persönlichkeiten gehören würden.

Namen will er jedoch keine nennen: «Prominente werden in der Lenzerheide diskret behandelt». Die weitere Recherche zum Thema fördert wenig zutage. Man wisse im Dorf, welche Prominenten hier ein Ferienhaus hätten, sagt Maurin Malär, Vorsteher der örtlichen Jungmannschaft. Gegenüber den Medien schweigt er dazu aber lieber.

Das «andere» St. Moritz

Bei Unterländern gilt die «Lenz» als schnell erreichbares und günstiges Skigebiet. Legendär sind die Vergünstigungen, welche Gäste mit dem SBB-Halbtaxabo bei der Selbstbedienung in Bergrestaurants erhalten.

Bei der offiziellen Vermarktung setzt Lenzerheide-Valbella weniger auf Jetset, sondern auf Familien und ambitionierte Hobbysportler. «Lenzerheide ist im Langlaufbereich gut aufgestellt», sagt Jon Andrea Schocher von der Abteilung für Tourismus der Fachhochschule in Chur. Auch in die Infrastruktur für Mountainbiker sei investiert worden, das im März stattfindende Ski-Weltcupfinal trage weiter zum sportlichen Image bei.

Schöne Erinnerungen

Der internationale Skizirkus ist auch in der Engadiner Nobeldestination St. Moritz jährlich zu Gast. Hier sind die Hotels protziger, die Schmuck- und Modeläden exklusiver als in der Lenzerheide. Eine Tageskarte auf dem Hausberg Corviglia kostet in St. Moritz 73 Franken. Etwas darunter liegt die Lenzerheide, wo ein Tag Skifahren 65 Franken kostet.

Für Roger Federer werden Unterschiede wie diese aber kaum bedeutsam sein, wenn er seinen Zwillingstöchtern Myla Rose und Charlene Riva dereinst die ersten Schwünge im Schnee beibringt. Wie in der Presse zu lesen war, hat Federer schöne Erinnerungen an Valbella: Als kleiner Bub verbrachte er dort jeweils seine Skiferien.

Das «andere» St. Moritz

Die Lenzerheide: Vielleicht gibt es keinen anderen Winterferienort, in den der stets bescheiden auftretende Sportler und Familienmensch Federer besser hineinpassen würde. Ist das Ferienchalet einmal einzugsbereit, wird der Tennisstar in Valbella unbehelligt seine Ferien geniessen, im Dorfladen seine Einkäufe erledigen und die verschneiten Hänge hinabschwingen können.

Und die Lenzerheide wird trotz anziehender Immobilienpreise und weiterer Millionärszuzüge kein zweites St. Moritz. Dies kann der Touristenort in den Bündner Bergen auch gar nicht – denn er ist bereits jetzt zum heimlichen «Sankt Roger» geworden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.12.2011, 15:26 Uhr

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