Interview

«Das ewige Herumsitzen macht mich verrückt»

Einsamkeit, Kälte und mieses Essen: Gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet beschreibt der Greenpeace-Aktivist Marco Weber seinen Alltag im russischen Gefängnis. Und sagt, was er am meisten vermisst.

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Seit über einem Monat sind Sie jetzt im russischen Murmansk inhaftiert. Wie geht es Ihnen?
Manchmal fühle ich mich einsam und verzweifelt. Dann denke ich an die Unterstützung, die von draussen auf mich zukommt: ­Familie, Freunde oder Greenpeace geben mir Kraft. Sie helfen mir, die Sache gelassener zu sehen, sodass ich nicht ständig auf die Uhr schaue. Die Realität ­versuche ich auszublenden. Mir eine Haftstrafe von 10, 15 Jahren ­vorzustellen, ergibt in meiner ­Situation keinen Sinn.

Haben Sie Kontakt mit Ihrer Familie und Freunden?
Meine ersten Telefonanfragen wurden aufgrund einer Formalität zurückgewiesen. Erst nach 35 Tagen konnte ich meinen ersten Anruf machen. Doch nach 15 Minuten wurde die Verbindung unterbrochen, und ich konnte mich nicht einmal von meiner Freundin verabschieden. Alle zehn Tage stehe ich in Kontakt mit dem Konsulat.

Kälte, mangelhafte Kleidung und harte Umgangsweisen: Die Bedingungen in Murmansk sollen so schlecht sein, dass Sie nun in ein anderes Gefängnis in St. Petersburg verlegt werden. Wie nehmen Sie persönlich die Behandlung durch die Sicherheitskräfte wahr?
Zumindest benehmen sich die Soldaten mir gegenüber anständig. Bisher wurde ich weder erniedrigt, noch bekam ich irgendeine Form von Hass zu spüren. Ich frage mich aber, ob es wirklich nötig ist, dass ich mit ge­fesselten Händen auf dem Rücken zu den Gerichtsverhandlungen gebracht werde und teilweise während Stunden in der Kälte warten muss. Bei unserer Aktion im September haben die Sicherheitskräfte komplett über­reagiert: Sie schossen in unsere Richtung, zerschnitten unsere Boote und Kletterseile.

Werden Sie im Gefängnis ausreichend mit Essen versorgt?
Ich halte meinen Teller jeweils durch eine Öffnung in der Zellentür und bekomme so mein Essen gereicht. Zum Frühstück gibt es eine Art Gerstenbrei. Zum Mittag- und Abendessen erhalten wir Suppe oder irgendein Eintopfgericht. Die Konsistenz der Mahlzeiten zeichnet sich dadurch aus, dass sie alle mit dem Löffel – unserem einzigen Besteck – gegessen werden können.

Wie läuft Ihr Alltag im Gefängnis ab?
Um 6 Uhr gibt es Frühstück. Danach mache ich das Bett und wasche mir in meinem Lavabo die Haare mit kaltem Wasser. Einmal in der Woche dürfen wir eine Viertelstunde lang in einem Gemeinschaftsbad duschen, das ich bis jetzt aber immer für mich allein hatte. Manchmal erinnert mich die Situation ein wenig an die Rekrutenschule. Um 8 Uhr ist Zelleninspektion. Die Wärter kontrollieren, ob alles noch an seinem Ort ist, aber auch, ob ich nicht versucht habe, die Gitterstäbe durchzusägen. Zwischen 8 und 13 Uhr dürfen wir uns eine Stunde lang etwas bewegen, doch die Aussenzelle misst nur etwa vier auf fünf Meter und hat kein Fenster. Nach dem Mittag­essen wartet die Korrespondenz, das sind meist Gerichtsdokumente. Nach dem Abendessen findet erneut eine Zelleninspektion statt, und um 22 Uhr wird das Licht ausgeschaltet. Mit Ausnahme eines kleinen Nachtlichts, das zu schwach ist, um zu lesen, aber zu hell, um schlafen zu ­können.

Wie lenken Sie sich ab? Wie halten Sie Ihren Geist wach?
Ich wasche meine Kleider und schreibe Briefe. Es gibt eine Gefängnisbibliothek mit englischen Büchern. Dazwischen versuche ich zu meditieren – das habe ich früher nie getan, doch jetzt habe ich Zeit. Manchmal schaue ich auch einfach nur zu, wie der Schnee fällt und die Eiszapfen wachsen.

Haben Sie Ihre Aktion in der Petschora-See jemals bereut?
Um ehrlich zu sein, setze ich mich damit nur auseinander, wenn ich – wie von Ihnen jetzt ­gerade – damit konfrontiert werde. Für mich ist die um­gekehrte Frage entscheidend: Weshalb bereue ich es nicht?

Weshalb?
Ich bin überzeugt, dass der Schutz der Arktis und die Reduktion von CO2 notwendig sind, um den Lebensraum der künftigen Generationen zu bewahren. Und ich glaube, dass wir Menschen als Kollektiv dazu in der Lage sind, die nötigen Massnahmen zu treffen. Das lässt keinen Raum für Zweifel oder Bedauern.

Haben Sie persönlich dafür die richtigen Mittel gewählt?
Manche Leute mögen denken, dass unsere Aktionen nicht le­gitim sind, weil wir zu aggressiv vorgehen würden. Meiner Ansicht nach wird dieser Vorwurf durch unseren friedlichen Protest widerlegt.

Wie viel bekommen Sie von den Solidaritätsaktionen für die Arctic 30 mit, die zurzeit rund um den Erdball stattfinden?
Leider bekomme ich nichts Genaueres mit, doch ich weiss, dass einiges unternommen wird. Die Gewissheit um dieses Engagement gibt mir Kraft.

Sind Sie stolz, ein Mitglied der Arctic 30 zu sein?
Mich persönlich macht vor allem stolz, wie es mir gelingt, mit meiner Situation umzugehen – etwas Vergleichbares ist mir noch nie in meinem Leben widerfahren. Am wichtigsten ist mir aber, dass es uns gelungen ist, Millionen von Menschen zu mobilisieren, die sich nun für den Schutz der Arktis einsetzen.

Was ist das Erste, das Sie bei einer Rückkehr in die Schweiz tun würden?
Mit meinen Nächsten meine Rückkehr feiern. Einen Abend mit meiner Freundin verbringen. Einen Waldspaziergang unternehmen; mir fehlen die Bäume. Und ein Fondue wäre super! Ich freue mich auch sehr darauf, ­wieder arbeiten zu dürfen, das ewige Herumsitzen macht mich verrückt.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Erstellt: 04.11.2013, 06:26 Uhr

Piraterie oder Rowdytum? Es drohen 7 oder 15 Jahre Haft

Die Greenpeace-Aktivisten waren zunächst wegen «bandenmässiger Piraterie» angeklagt, doch wurde die Anklage ver­gangene Woche auf «Rowdytum» abgeschwächt. Statt 15 Jahren drohen den Verhafteten nun noch 7 Jahre Haft. Aus Greenpeace-Kreisen ist zu erfahren, dass die Umweltschützer bisher nicht offiziell über die Auf­hebung der Piraterie-Anklage informiert wurden. Es bestünden zwei Anklagepunkte. «Russland hat nicht gehalten, was es zunächst versprochen hatte», sagt Greenpeace-Sprecher Yves Zenger.
Gemäss Greenpeace können Personen, die in internationalen Gewässern festgenommen wurden, nur wegen Piraterie in Haft gehalten werden. Wenn die ­Umweltschützer nicht als Piraten betrachtet würden, gebe es keine Grundlage, sie festzuhalten. Greenpeace-Direktor Kumi Naidoo erklärte, die Aktivisten sollten zu ihren Familien zurück­kehren können.
In der Zwischenzeit wurde bekannt, dass die Aktivisten in ein Gefängnis in St. Petersburg verlegt werden. Die 30 Besatzungsmitglieder des Eisbrechers Arctic Sunrise hatten in Murmansk über kalte Zellen, schlechtes Essen und mangelhafte Kleidung geklagt. Gemäss Naidoo wird es für die Angehörigen und die Konsularbeamten in St. Petersburg leichter sein, die In­haftierten zu besuchen. Allerdings gebe es keine Garantie, dass die Haftbedingungen besser seien als in Murmansk. Die Ver­legung könne auch damit zu tun haben, dass in dem politisch ­brisanten Verfahren die Staats­anwaltschaft in St. Petersburg die Ermittlungen führt. (mrs)

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