Der Tuareg, der mit Hendrix verglichen wird

Der begabte Gitarrist Mdou Moctar, ein Autodidakt aus Niger, bekommt vom Westen den Todeskuss.

«Hendrix der Sahara»: Der nigrische Musiker Mdou Moctar. Foto: Rafael Ojea

«Hendrix der Sahara»: Der nigrische Musiker Mdou Moctar. Foto: Rafael Ojea

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Der neue Prince, der neue King, die neue Queen, der neue Godfather, die neue Tochter, der neue Cousin von – hier reihen Sie Ihr liebstes Genre ein – Funk, Rock ’n’ Roll, Pop, Soul, Rhythm ’n’ Blues, Nasenflöten-Ethnogroove. Die Popkultur, dieses so konservative Genre, feiert neue Talente am liebsten als Rebranding der alten, wozu gehört, dass jeder Junge mit diesen Alten verglichen wird. «Retroactive» nannte das der englische Musikjournalist Simon Reynolds in seiner brillanten Polemik über die Vitalisierung der Gegenwart durch die Rezyklierung der Vergangenheit.

Wie viele Bands wurden karriere­mässig vernichtet, als man sie zu den Erben der Beatles deklarierte? Wie mancher Jazztrompeter muss zuerst Miles Davis wegblasen, um als Solist zu überleben? Wie lange geht es, bis ein Pfadifest mit Woodstock verglichen wird?

Jetzt hat es einen jungen nigrischen Sänger, Songschreiber und Gitarristen getroffen: Mdou Moctar, der als Berber in einem Wüstendorf aufwuchs. Und der sein erstes Instrument selber schnitzte und darüber Velobremskabel als Saiten aufspannte.

Das verzerrte Heulen seiner Stratocaster

«Ich stamme aus einer religiösen Familie, in der die Musik nicht willkommen war», zitiert ihn der «Guardian». Dieselbe Zeitung, die nun wirklich etwas von Musik versteht, bezeichnet Moctar als «Hendrix der Sahara». Der Vergleich müsste dem Musiker schmeicheln, zumal Moctar Gitarristen wie Hendrix, Prince oder Van Halen als Vorbild nennt. Nur hört man dies seiner Musik noch wenig an.

Was Moctar mit Hendrix gemein hat, ist das: Beide sind schwarz, Autodidakten und Linkshänder. Und sonst? Hendrix hat den Blues brutalisiert, indem er ihn zuerst von Grund auf lernte, spielte und dann auseinanderriss. Sein Spiel war lyrisch in seiner melodischen Vielfalt, klang aber übersteuert und aggressiv in der Dynamik, er kombinierte das verzerrte Heulen seiner Stratocaster mit dem Feedback des Verstärkers. Moctar streichelt die Saiten eher, sein Spiel klingt spitz, nicht schwer, wach statt betäubend.

«Musik funktioniert nicht inzestuös, sondern bastardisch.»

Ausserdem haben die beiden eine inkompatible Spieltechnik: Hendrix attackierte seine Gitarren mit dem Plektrum, obwohl er ganze Läufe auch mit der rechten Griffhand spielen konnte. Er verschmierte seine Soli und liess die Töne ineinanderlaufen. Sein junger Kollege schlägt die Saiten mit den Fingern an wie so viele afrikanische Musiker, auch verwendet er mit Vorliebe einen klaren, warmen Ton und hat den Verzerrer bislang seltener eingesetzt, wenn auch vermehrt auf «Ilana», seinem neuen Album.

Was sonst noch auffällt in der Berichterstattung über den spielenden Tuareg: Wie bei so vielen jungen Musikern aus einem afrikanischen Land verweist die angelsächsische Presse auf ihre westlichen Einflüsse. Dabei besagt der Vergleich nur das Offensichtliche: Musik funktioniert nicht inzestuös, sondern bastardisch, sie tanzt auf allen Hochzeiten, hat viele Liebhaber. Darum sind Mestizen oft die schöneren Menschen, darum bringen multikulturelle Städte mehr zustande, darum soll ein Tuareg Hendrix toll finden dürfen, ohne mit ihm verglichen zu werden. Das beste Mittel gegen Indifferenz ist Differenz.

Erstellt: 24.03.2019, 21:43 Uhr

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