Porträt

Der kaputte Killer

Chris Kyle hat im Irak so viele Feinde erschossen wie kein anderer Scharfschütze des US-Militärs zuvor. 160 sind es offiziell. In seinen Memoiren gibt er sich ungerührt – und doch hat ihn der Krieg versehrt.

Die Iraker nannten ihn den «Teufel von Ramadi»: Scharfschütze Chris Kyle.

Die Iraker nannten ihn den «Teufel von Ramadi»: Scharfschütze Chris Kyle. Bild: Facebook

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In der irakischen Stadt Ramadi wimmelt es 2004 von Aufständischen. Chris Kyle, Scharfschütze der US-Elitetruppe Navy Seals, verschanzt sich in einem Hochhaus, richtet sein Gewehr, wartet. Das Gelände vor ihm ist unübersichtlich, der Euphrat gesprenkelt mit baum- und schilfbestandenen Inselchen. Kyle späht durch sein Zielfernrohr.

Am gegenüberliegenden Ufer macht er 16 Bewaffnete in Körperpanzern aus. Tunesische Jihad-Kämpfer, die über den Fluss setzen wollen, um Amerikaner zu töten. Sie haben vier aufblasbare Schwimmbälle dabei. Kyle wartet, bis die Tunesier mitten im Fluss sind. Dann feuert er auf den einen Ball, der platzt. Die Tunesier paddeln verzweifelt, kämpfen um die verbleibenden drei Bälle. Kyle feuert. Noch zwei Bälle. Kyle feuert. Noch ein Ball. Kyle feuert. Er und seine Mitsoldaten weiden sich an der Panik im Wasser. Dann erschiessen sie die Tunesier, die noch nicht ertrunken sind.

Töten als Genuss

«Shaitan Ramadi», Teufel von Ramadi, hiess Kyle bei den Aufständischen im Irak. Amerika hingegen feierte ihn als den Scharfschützen in der US-Militärgeschichte mit den meisten offiziell bestätigten Tötungen. 160 sind es; dazu kommen gut 100 unbeglaubigte. Und all das will Kyle genossen haben: Seine Memoiren, jetzt auf Deutsch greifbar, sind durchtränkt von Sadismus.

Ebenfalls in Ramadi sichtet Kyle zwei junge Männer auf einem Moped. Der hintere nimmt etwas aus dem Rucksack. Eine Bombenfalle. Kyle schreit seinen Leuten zu: «Hey, schaut mal ...!» Er lässt die Männer noch etwas weiterfahren. Dann schiesst er. Die Kugel tötet gleich beide Bombenleger. Kyle frohlockt: «Da hat der Steuerzahler für seinen Dollar einen anständigen Knall gekriegt.»

Der perfekte Soldat

Selbstzweifel? Kyle genügt als Rechtfertigung, dass Präsident George W. Bush ihn und seine Mitsoldaten in den Konflikt entsandt hat. Die Iraker sind für ihn «Wilde», der Irak «Indianerland». Die Motive des Feindes, die Geschichte des Feindeslandes kümmern ihn nicht.

Der erste Mensch, den er per Distanzschuss tötet, ist eine Frau. Im März 2003 hilft er den Aufmarsch der Marines in der Stadt Nasiriya sichern. Durchs Fadenkreuz seiner .300 Win Mag sieht er eine Frau, die etwas Gelbes zückt. Eine chinesische Granate. Er zögert. Sein Vorgesetzter befiehlt ihm zu feuern. Er gehorcht. «Es war meine Pflicht, zu schiessen. Und ich bereue es nicht. Die Frau war schon tot. Ich sorgte nur dafür, dass sie keine Marines mit sich nahm.»

Vordergründig ist Kyle der perfekte Soldat: hocheffizient, allzeit bereit. Und frei von Gewissensbissen – so schildert er sich und betont gar die Lust am Töten: «Ich lüge nicht und übertreibe nicht, wenn ich sage, dass es Spass machte.»

Mit sieben das erste Gewehr

In Texas ist er aufgewachsen, der Vater Manager bei einer Telefonfirma, die Mutter Sonntagsschullehrerin. Klein Kyle darf mit auf die Jagd, man schiesst Hirsche, Truthähne, Wachteln. Mit sieben bekommt er sein eigenes Gewehr. Später lernt er, wie man Bullen reitet. In der Collegezeit springt er an Rodeos auf wilde Hengste und versucht, oben zu bleiben. Einmal wird er abgeworfen, bricht sich mehrere Knochen, wird operiert. Dicke Schrauben schauen zum Handgelenk hinaus. Bei einem Date bricht er die freiliegenden Enden ab; sie jucken. Diese Grobheit verstört das Mädchen, das ihn begleitet, so sehr, dass es das Date vorzeitig beendet.

Von den Härten der Grundausbildung bei den Seals erzählt Kyle mit Stolz: Die Ausbilder prügeln die Rekruten. Bei den sogenannten Erschöpfungsschwimmen schwimmt man, bis man untergeht. Anlässlich einer Übung fällt Kyle ein schweres Schlauchboot auf den Fuss. Ein Knochen ist gebrochen. Kyle ignoriert das. Bei Team-Manövern nachts in der Meeresbrandung wird ihm und den anderen nur kurz warm, wenn ein Mitsoldat sie bepinkelt.

Gefahr im Ehebett

Schliesslich bekommt Kyle den Dreizack, das Seal-Abzeichen. 2001 lernt er in einer Bar in San Diego Taya kennen, seine spätere Frau. Jetzt werden die Memoiren richtig interessant. In den Redefluss Kyles eingeflochten sind nämlich die Bemerkungen und Erinnerungen Tayas. Sie zeigen den Männermann von aussen.

«Ich hatte die beste Zeit meines Lebens als Seal», prahlt Kyle. Taya erzählt, wie er sich auf Heimaturlaub anfühlt. Nachts im Bett stellt er eine Gefahr dar. Geht sie auf die Toilette und will sich hernach wieder hinlegen, muss sie zuerst seinen Namen rufen, auf dass er sie nicht aus einem Reflex heraus schlägt. Einmal erwacht sie, weil er im Schlaf ihren Arm schmerzhaft umklammert. Er könnte ihn mit Leichtigkeit brechen. Sie ruft leise seinen Namen, tut es bei steigender Lautstärke immer wieder, bis er langsam aufwacht. Nun lässt er los.

Kyle hat in der Zusatzausbildung zum Scharfschützen gelernt, wie man stalkt, will heissen: sich mit seinem Gewehr am Boden robbend zu jenem Punkt bewegt, von dem man schiessen will. Das kann Stunden dauern und auch einmal durch eine Heuwiese mit Klapperschlangen führen. Nervenstärke ist die Voraussetzung für Soldaten dieser Gattung. Doch das Heulen seines kleinen Sohnes hält Kyle nicht aus. Taya sagt: «Du kannst mit dem Krieg umgehen, aber nicht mit ein paar Tagen Babygeschrei?»

20'000 Dollar Kopfgeld

Kyle lässt sich am Vorderarm tätowieren mit einem Kreuzmotiv, wie es in den Kreuzzügen verwendet wurde: «Jeder sollte wissen, dass ich Christ war. Ich liess es in Rot ausführen. Rot wie Blut.»

Als seine irakischen Feinde ein Kopfgeld von 20'000 Dollar auf ihn aussetzen, ist das Kreuz im Steckbrief erwähnt. Spitzel im Militärlager müssen das Detail der Gegenseite verraten haben. Taya sieht in der Tätowierung einen Beleg dafür, wie ihr Mann sich verändert. Er wird ihr durch den Krieg fremder. Dies umso mehr, als er kaum etwas erzählt und sich verschliesst.

Im Irak sind andere US-Scharfschützen längst eifersüchtig auf Kyle. Er findet immer neue Tricks, um zu Abschüssen zu kommen. In Ramadi lockt er die Aufständischen aus der Deckung, indem er aus Tüchern einen Kopf bastelt, mit Schutzbrille und Helm. Ein Dutzend Kämpfer kommen heraus, als sie den Kopf sehen, und greifen an. «Wir schlachteten sie einfach ab.»

Lästige Gefechtsregeln

Wenn Kyle im Irak etwas ärgert, dann die, wie er sagt, «Feigheit» der Militärführung, die sich in den ROE äussere, den «Rules of Engagement». Diese Regeln bestimmen, wann er schiessen darf. Ein Mensch mit Gewehr: Das reicht nicht. Der Mensch muss sich auf die Amerikaner zubewegen: Dann reicht es. Jede Tötung muss schriftlich dokumentiert sein und von einem Zeugen bestätigt werden, damit sie offiziell zählt. Und sie wird auf ihre Rechtmässigkeit im Nachhinein juristisch geprüft.

Das rechte Auge schaut durchs Zielfernrohr, das linke scannt die Umgebung. Stunde um Stunde. Einmal langweilt sich Kyle. Er ruft seine Frau an, als eine Granate ganz nah in der Hauswand einschlägt. Er lässt das Telefon fallen, erschiesst zwei Angreifer, will wenig später weiterreden. Die Batterie ist zu Ende. Erst zwei, drei Tage später meldet er sich zu Hause. Taya weint. Der Anruf endete nicht, als das Telefon zu Boden fiel, die Batterie reichte noch, dass sie Schüsse hörte, Schreie, Detonationen. Sie wusste nicht, ob ihr Mann lebt.

Tod eines Teenagers

Zu Hause im Frieden macht sich der Stress des Krieges bemerkbar. Kyle kommt selber darauf zu sprechen: Auf der Strasse sieht er ein Stück Abfall, will mit dem Wagen ausscheren. Im Irak könnte das eine Sprengfalle sein. Überhaupt regt ihn der Autoverkehr in den USA auf. Er rast, als sei er im Irak, aggressiv auf jedes Auto zu, das ihn nervt.

Einmal soll er im Garten die Buschrosen trimmen. Er nimmt nicht die Heckenschere, sondern hebt den Rasenmäher auf Brusthöhe und fräst die Reihe so ab. Er wirkt, als sei er masslos wütend.

In Ramadi sammeln sich die Rebellen in einem Spital. Kyle tötet einen Jungen von 15, 16, der eine Waffe hat. Die Mutter wehklagt und schreit, zerreisst ihre Kleider. Kyle hat kein Mitleid: «Wenn du deine Kinder liebst, dachte ich, solltest du sie vom Krieg fernhalten.»

Ein Kämpfer mit Seelenrissen

Als Kyle 2009 die Seals verlässt, ist er der Rekordscharfschütze aller Zeiten des US-Militärs. Er sagt: «Ich hatte das Glück, direkt im Geschehen positioniert zu sein.» Dass er abtritt, hat zum einen damit zu tun, dass sein Eheleben kriselt. Seine Frau sagt: «Ich hatte so oft ohne ihn auskommen müssen, dass ich die Haltung entwickelte: Ich brauche ihn nicht oder sollte ihn nicht brauchen.» Sie hat gemerkt, dass für einen Seal zuallererst die Seals kommen: «Nach und nach realisierte ich, dass ich nicht das Wichtigste in seinem Leben war.»

Zum anderen ist Kyle angeschlagen. Er hat dauernd Knieschmerzen, seit eine einstürzende Mauer ihn verschüttete. Durch den Schiesslärm ist er halb taub und leidet unter Ohrensausen. Der Hals, die Rippen, die Fingerknöchel, die Finger: alles schon einmal gebrochen oder angeknackst. Und vor allem hat er extremen Bluthochdruck. Dieser sei, sagen die Ärzte, eine Reaktion darauf, dass ein Scharfschütze sich über Stunden konzentrieren muss, während er durchs Zielfernrohr äugt. Kyle ist kein gesunder Mann. Der Krieg hat auch ihn versehrt.

Heute lebt er immer noch mit seiner Familie. Er betreibt mit Partnern eine Sicherheitsfirma. Zwischenzeitlich trank er zu viel, will das aber mittlerweile im Griff haben. Mehrere Male wurde er in Bar-Schlägereien verwickelt und festgenommen. Seinen Seelenrissen zum Trotz hält er am Credo eines Seal-Freundes fest: «Auch wenn deine Mama das Gegenteil gesagt hat – Gewalt löst Probleme.» Nur konsequent, dass Chris Kyle seinem Sohn, seit dieser zwei Jahre alt ist, Schiessunterricht erteilt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2012, 08:11 Uhr

Bildstrecke

American Sniper

American Sniper Chris Kyle kommentiert in seinen Memoiren ungerührt die Bilder seines Lebens.

Amerikas tödlichster Scharfschütze

Chris Kyle im Interview

Chris Kyle, «Sniper: 160 tödliche Treffer», Riva, ISBN 978-3868832457, 400 Seiten, ca. 30 Franken.

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