Die Rolle ihres Lebens

Brigitte Macron wird für ihren guten Geschmack gefeiert. Die grosse Begeisterung für die Première Dame hat nicht nur stilistische Gründe.

Auf präsidialen Empfängen wirkt sie stets, als könne sie sich nichts Schöneres vorstellen: Brigitte Macron mit ihrem Ehemann Emmanuel. Foto: Alex Wong (Getty)

Auf präsidialen Empfängen wirkt sie stets, als könne sie sich nichts Schöneres vorstellen: Brigitte Macron mit ihrem Ehemann Emmanuel. Foto: Alex Wong (Getty)

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Normalerweise werden Menschen zu Instagram-­Influencern, weil sie ihr Leben diszipliniert durchfotografieren und gleichzeitig den Anschein erwecken, ihr Alltag gleiche einer sonnigen Limonadenwerbung. Es gibt aber auch Menschen, die können das Fotografieren anderen überlassen und werden trotzdem zum Hashtag, zu einer kleinen Sensation, die von Bewunderern begeistert verschlagwortet wird – Frankreichs Première Dame zum Beispiel. Brigitte Macron verzichtet zwar auf Instagram, Twitter und Facebook. Aber das Internet verzichtet nicht auf Brigitte Macron. Ob sie nun in schwarzer Lederjacke, im rosa Kostüm oder in Jeans vor die Tür geht: #brigittemacron, #premièredame, und Tausende klicken auf «Gefällt mir». Fans der 65-Jährigen haben zahlreiche Profile in den sozialen Medien angelegt, auf denen sie ihre Outfits dokumentieren.

Wer seine Begeisterung analog durch die Strassen tragen will, kann T-Shirts kaufen, auf denen «Et la France créa Brigitte» steht: Und Frankreich erschuf Brigitte. Die französische «Gala» zitiert die Präsidentengattin mit dem Satz: «Sie werden erleben, wie ich den Namen Brigitte rehabilitiere.» Denn ja, es gab die Bardot, aber deren Vorname ist inzwischen so aus der Mode geraten wie die Schauspielerin selbst, die nur noch Tiere mag und keine Menschen und deshalb den Front National unterstützt. Brigitte Macron hingegen ist das erste It-Girl mit sieben Enkelkindern.

Alles, was sie tun, wirkt nicht altbacken, sondern revolutionär.

Man könnte nun behaupten, dass die Aufregung um ihre Person daher kommt, dass Karl Lagerfeld ihr «die schönsten Beine von ganz Paris» bescheinigt, und daher, dass sie für jede Gelegenheit die passende Louis-Vuitton-Jacke im Schrank hängen hat. Ersteres hat mit Disziplin und guten Genen zu tun. Letzteres ist einfach eine Frage des Budgets. Beides ist keine Erklärung dafür, warum die Frau des Präsidenten laut Elysée-Palast täglich Hunderte Briefe von Bürgern bekommt, die ihr ihre Sorgen anvertrauen. Brigitte Macron wird nicht geliebt, weil sie gut aussieht. Sie wird geliebt, weil es ihr so unverschämt viel Spass macht, gut auszusehen. Und weil sie sich getraut hat, was sich normalerweise nur Männer herausnehmen: in der Mitte des Lebens einfach noch mal neu anfangen.

Witzig, hübsch und entspannt

Natürlich, nicht jeder kann mit 40 auswandern, ein Studium anfangen oder seinen langjährigen Partner verlassen. Das ist für Männer genauso schwer wie für Frauen. Aber sich in jemanden verlieben, aus dem sich gerade erst ein Erwachsener herausschält und der so alt ist wie die eigenen Kinder? Das machen doch eher Männer, die ihr fortgeschrittenes Alter Lebenserfahrung nennen und die es schlüssig finden, dass junge Frauen zu ihnen aufschauen. Und denen jeder zweite Hollywoodfilm zeigt, dass es völlig normal ist, wenn die Frau Jahrzehnte jünger ist als der Mann. Es gibt hübsche Statistiken darüber, wie Stars wie Tom Cruise oder Richard Gere auf der Leinwand altern dürfen, während ihnen von Film zu Film eine jüngere Partnerin an die Seite gestellt wird.

Bilder: Stilikone Brigitte Macron

Emmanuel Macron ist 16 Jahre alt, als er sich in seine 40 Jahre alte Lehrerin Brigitte Auzière verliebt. Ganz so bemerkenswert, wie sich das liest, ist es nicht. In der Brigitte-Macron-Biografie der Journalistin Maëlle Brun treten reihenweise ehemalige Schüler der jetzigen Première Dame auf, die damals verschossen in die Leiterin der Theater-AG waren. Die Schüler durften sie Brigitte nennen, sie war witzig, hübsch und deutlich entspannter als die anderen Erwachsenen um sie herum.

Ehe für einen Jungen aufgegeben

Erstaunlicher als die Schwärmerei von Emmanuel ist das Selbstbewusstsein von Brigitte. Sie entscheidet sich, ihre Ehe für einen Jungen aufzugeben, der nichts ist als das Versprechen, dass aus ihm später einmal ein interessanter Mann werden könnte. Sie nimmt in Kauf, dass ihre Geschwister sie für verrückt erklären. Sie hält aus, dass die Nachbarn sie nicht mehr grüssen und Freunde sie nicht mehr einladen. Und sie wartet in der kleinen Stadt Amiens jedes Wochenende darauf, dass der Teenager Emmanuel, der inzwischen nach Paris gezogen ist, zu seinen Eltern nach Hause kommt, um seine Schmutzwäsche abzugeben und sich dann heimlich mit ihr für romantische Spaziergänge zu treffen. Wenn Brigitte Macron heute von den Französinnen gefeiert wird, dann dafür, dass sie das ganze Land daran erinnert, dass Frauen auch nach ihrem 40. Geburtstag noch begehren und begehrt werden.

Je lauter die Häme, desto entschiedener die Solidarität.

Regelmässig wird in französischen Medien spekuliert, dass Brigitte ihren Ehemann früh in Richtung Palast gedrängt habe. Wenn dem so wäre, müsste man sich sofort Brigitte Macron schnappen und mit ihr in ein Wettbüro eilen, damit sie sagt, auf welches Pferd man setzen muss. Wer in einem 16-jährigen Theater-AG-Mitglied einen zukünftigen Präsidenten erkennt, der kann auch in anderen Lebensbereichen als Orakel dienen. Wahrscheinlicher ist, dass Macron keine hellseherischen Fähigkeiten hat, sondern sehr viel Glück. Glück deshalb, weil sie auf all den präsidialen Empfängen und Diners so wirkt, als könne sie sich nichts Schöneres vorstellen. Dieser Enthusiasmus wird in Paris nicht ohne Spott registriert. Der Schriftsteller Philippe Besson schreibt in einem Artikel in «Le Point» über sie: «Sie ist eine authentische Frau aus der Provinz, die es geniesst, in Paris zu sein und die von allem verzaubert ist.»

«Ich bin froh, dass es vorbei ist»

Vielleicht liegt es sogar daran, dass Brigitte Macron im klassischen Rentenalter ins Elysée eingezogen ist, dass sie sich dort so wohlzufühlen scheint. Für jede, die eigene berufliche Ambitionen hat, ist dieses Nicht-Amt der Première Dame ja eher Zumutung als Auszeichnung. Man ist die repräsentative Erweiterung eines Mannes und kann sich noch nicht einmal einreden, dass es Wählerwille sei, wenn man nun seinen Alltag zwischen goldgerahmten Spiegeln und livrierten Bediensteten verbringt, ohne einen freien Schritt tun zu können. Brigitte Macrons Vorgängerinnen legten alle Wert darauf, so wenig Zeit wie möglich im Elysée-Palast zu verbringen. Carla Bruni soll 2012 zum Ende der Amtszeit ihres Mannes Nicolas Sarkozy gesagt haben: «Ich bin froh, dass es vorbei ist.» Auch wenn die Alterskonstellation in der Ehe der Macrons ungewöhnlich ist – die Rollenverteilung ist es nicht.

Er lenkt, sie begleitet. Er gibt den spröden Experten, sie die joviale Unkomplizierte, die sich sorgt und kümmert und dabei immer perfekt frisiert ist. Pünktlich zum Amtsantritt hat Monsieur le Président sich eine gewisse Strenge und Reserviertheit zugelegt. Madame la Première Dame gleicht das aus, indem sie so ausgiebig scherzt, umarmt und zuhört, dass es für zwei reicht. Einer von Brigitte Macrons Lieblingssprüchen: «Wenn ich einmal eine Autobiografie schreibe, dann nenne ich sie ‹Erzählen Sie das Ihrem Mann›.» Die Macrons regieren ein wenig wie eine Fünfzigerjahre-Bilderbuchfamilie: Papa arbeitet, Mama tröstet. Doch dank ihres enormen Altersunterschieds wirkt alles, was sie tun, nicht altbacken, sondern revolutionär.

Bevor Emmanuel Macron zum Präsidenten gewählt wurde, war sich kaum ein Medium zu schade dafür, schlechte Witze darüber zu machen, dass Brigitte seine Mutter sein könnte. In einer grossen Samstagabendshow im Canal+ wurde er als gerontophil bezeichnet, auf RTL hiess es, sie sei «reif wie eine Birne», die man nur noch zum Backen verwenden könne, und «Charlie Hebdo» zeichnete Brigitte mit Babybauch und schrieb dazu, der Präsidentschaftskandidat «werde Wunder vollbringen».

Altersunterschied als Symbol der Fortschrittlichkeit

Je lauter die Häme wurde, desto entschiedener wurde die Solidarität. Als im September 2017 eine Petition gestartet wurde, die Brigitte Macron das Tragen kurzer Röcke verbieten soll, da dieses einer Präsidentengattin nicht würdig sei, gab es sofort eine Gegenpetition, die sich gegen «das Lynchen von Brigitte Macron» richtete. Es ist dem Präsidentenpaar gelungen, aus dem Altersunterschied ein Symbol der Fortschrittlichkeit zu machen.

Tatsächlich zählen die Macrons bislang zu den unskandalösesten Elysée-Bewohnern. François Mitterrand hatte von 1981 bis 1995 nicht nur eine, sondern zwei Familien mit an die Macht gebracht. Er lebte mit seiner Ehefrau im Palast, in einem weiteren Regierungsgebäude lebte seine 28 Jahre jüngere Zweitpartnerin samt gemeinsamer Tochter – ein von Medien und Politik still geduldetes Geheimnis. Unter Bernadette und Jacques Chirac wurde es in den Neunzigerjahren für die Klatschpresse etwas öde, doch dann begann die grosse Sarkozy-Operette. In fünf Jahren Amtszeit bot Präsident Nicolas Sarkozy den Franzosen eine dramatische Trennung (Au Revoir, Cécilia Sarkozy), eine neue Liebe (Bonjour, Carla Bruni) und schliesslich auch noch ein präsidiales Baby (Coucou, Giulia).

Ein symbiotisches Paar

Dann, im Jahr 2012, zog François Hollande mit der Journalistin Valérie Trierweiler in den Palast, 2014 wurde er dabei erwischt, wie er Trierweiler betrog, und liess in den letzten drei Jahren seiner Amtszeit den Posten der Première Dame einfach unbesetzt, während er eine Beziehung mit der Schauspielerin Julie Gayet pflegte.

So gesehen, tut François Hollande seinem Nachfolger Macron politisch wie privat denselben Gefallen: Er hinterlässt Brachland. Brigitte Macron wird auch deshalb gefeiert, weil es vorher schlicht niemanden gab, den man hätte feiern können. Jenseits der Modestrecken wird die ungewohnte Präsenz der Première Dame etwas argwöhnisch betrachtet. Emmanuel Macron, der Präsident, nennt Brigitte einen «unverhandelbaren Teil» seiner Person. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er gleich nach Regierungsantritt einen offiziellen Status für seine Ehefrau geschaffen, mit Budget und klar definierten Aufgaben.

Unter seinen vielen Reformideen blieb diese eine der wenigen, die ihm die Öffentlichkeit nicht zugestand. Man habe schliesslich ihn gewählt, nicht seine Frau. So beschränkt sich Brigitte Macron nun offiziell darauf, besonders gut angezogen und besonders nett zu sein. Doch wer die Macrons im Wahlkampf beobachtet hat, der weiss, dass eben zur Abwechslung mal nicht ein seriell monogamer Mann ins Elysée gezogen ist, sondern ein symbiotisches Paar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2018, 18:08 Uhr

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