Die verkörperte Peinlichkeit

Der britische Komiker John Cleese rechnet in seiner Autobiografie mit seiner Mutter ab.

John Cleese bei einer Vorstellung von «Monty Python Live» im Juli dieses Jahres. Foto: Getty Images

John Cleese bei einer Vorstellung von «Monty Python Live» im Juli dieses Jahres. Foto: Getty Images

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Kein Mann hat je einen ikonischeren Striptease hingelegt als John Cleese in «A Fish Called Wanda». Gerade hat er als Anwalt Archie Leach die sexy Studentin Wanda ins Stadthaus eines Freundes gelotst, um sie flachzulegen. Als er feststellt, dass der Klang von Fremdsprachen sie scharf macht, entledigt er sich, russische Verse rezitierend, nach und nach seiner Kleidung. Als Höhepunkt der Show streift er sich die Unterhose über den Kopf – just in dem Moment betritt der ahnungslose Hausbesitzer mit Frau und Kindern die gute Stube, alle starren sich gegenseitig fassungslos an, bis der völlig verdatterte Cleese seine Blösse im Schritt mit dem nächstbesten Gegenstand bedeckt – dem Porträtbild der Hausherrin.

Es war seine Paraderolle. Keine andere spielte er in seiner 45 Jahre umspannenden Karriere so brillant wie jene des steifen Briten voll unterdrückter Wut, der immer wieder in hochnotpeinliche Situationen gerät. Cleeses Genie bestand darin, dies zur Metapher für das menschliche Dasein zu machen, dessen göttliche Fantasien immer wieder an der Kleinlichkeit des Erdendaseins scheitern.

Die Komikerlegende ist zwar in die Jahre gekommen, aber nicht müde. Den letzten Sommer feierte er in London mit der «Monty Python Reunion»-Show einen grossen Publikumserfolg. Und dieser Tage veröffentlicht er seine Autobiografie – pünktlich zum 75. Geburtstag am 27. Oktober. Aus den Erinnerungen hat er auch gleich eine Bühnenshow gemacht, für die er in London auf der Bühne stehen wird. Die Umtriebigkeit dürfte allerdings weniger seinem Arbeitsethos als dem Umstand geschuldet sein, dass er seiner dritten Exfrau Alyce Faye Eichelberger, von der er sich 2008 trennte, 20 Millionen Dollar Abfindung zahlen musste: 13 Millionen sofort und danach 1 Million pro Jahr – noch bis zu seinem 76. Altersjahr.

Seine unglücklichen Ehen lastet der zum vierten Mal verheiratete Cleese seiner Mutter an, die unter einer ausgeprägten Angstneurose litt, wie er in seiner Biografie schreibt. Alles konnte sie in Panik versetzen: «lautes Schnarchen, Kirchenglocken, Züge, Busse, Donner, Geschrei, grosse Autos, mittelgrosse Autos, bellende Hunde, schweigende Pferde, Kühe im Allgemeinen, Schafe, Staubsauger und der Gong zum Abendessen». «Omniphobie» nennt Cleese diese Verfassung, unter deren Folgen er bis ins späte Mannesalter gelitten haben will.

Dass just diese Woche ein paar Episoden seiner frühen Fernsehshow «At last the 1948 Show» aufgetaucht sind, ist wohl Zufall, dürfte Cleese aber für die Promotion seines neuen Buches gelegen kommen. Für diese Sketch-Show arbeitete er mit Graham Chapman zusammen, sie war ein Vorläufer für Monty Pythons «Flying Circus», die den Grundstein legte für die Karriere von John Cleese – und die aller anderen Monty Pythons.

Als Graham Chapman 1989 an Krebs starb, einen Tag vor dem 20-Jahr-Jubiläum des Flying Circus, hielt Cleese die Grabrede. Sie ist wegen seiner Respektlosigkeit legendär geworden. Chapmans Abgang kurz vor dem Jubiläum sei «das schlimmste Party-Verkacken in der Geschichte der Menschheit», so Cleese – die Trauer­gemeinde brüllte vor Lachen.

Humor, diese Lektion dürfte John Cleese seiner Mutter verdanken, ist das beste Mittel gegen die Angst vor dem Tod.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2014, 19:32 Uhr

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