Ein Langschläfer beherrscht die Datenwelt

Täglich melden sich 1 Million Menschen neu bei Facebook an. Mark Zuckerberg, Erfinder des sozialen Netzwerks, wächst für Datenschützer zur bedrohlichen Gegenmacht heran.

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In den Anfängen, als Facebook noch ein intimer Internettreffpunkt für Studenten der Harvard-Universität war, hatte Mark Zuckerberg seine Ziele bereits fixiert. Auf Dutzenden eng beschriebenen Seiten skizzierte er ein Unternehmen, das die global führende und gar friedensstiftende Austauschbörse für sämtliche Internetnutzer sein sollte. Das Notizbuch hatte er mit Name, Adresse und dem Vermerk versehen, dass ein Finderlohn von 1000 Dollar in Aussicht stehe, sollte es verloren gehen.

Heute hat das 2005 verfasste Heft mit der selbstbewussten Überschrift «Das Buch vom Wandel» im Unternehmen Kultstatus. Praktisch alle Ideen, die der 21-jährige Student Zuckerberg entworfen hatte, sind umgesetzt. Selbst der unter heftigen Protesten der Nutzer eingeführte News Feed – das automatische Bekanntmachen von Änderungen im Profil der Facebook-Freunde – ist fester Bestandteil der Plattform. «Be the change you want to see in the world» – das Motto von Gandhi, das Zuckerberg an den Anfang seines Notizheftes gesetzt hatte, ist Realität geworden.

Facebook ist mit Abstand die grösste soziale Website des Internets. 1 Million Nutzer melden sich pro Tag neu an. Facebook dürfte soeben die Schwelle von 500 Millionen Nutzern überschritten haben. Das Netzwerk wird fast gleich hoch bewertet wie seinerzeit Google beim Börsengang.

Ein Ideendieb

«Zuckerberg hat das Internet mehr verändert als jeder andere Unternehmer», sagt David Kirkpatrick. «Die Parallelen zu Bill Gates sind nahezu unglaublich.» Kirkpatrick ist einer der intimsten Beobachter der Hightech-Szene im Silicon Valley. Er kennt alle Unternehmer von Bill Gates über Steve Jobs bis hin zu den Google-Gründern Larry Page und Sergey Bryn persönlich und hat sie in grossen Reportagen im «Fortune»-Magazin porträtiert. Von Zuckerberg sei er von Anfang an beeindruckt gewesen wie zuvor nur von Microsoft-Gründer Gates. «Er hat diese grosse Vision von der Zukunft des sozialen Internets, wie sie Gates von der Zukunft des PC hatte. Wo andere Facebook noch heute als Kinderspielzeug betrachten, sieht er sein Unternehmen als soziale Kraft, die Menschen einander näherbringt und jedem Einzelnen eine Plattform gibt.»

Ob aber Facebook seinen Markt dominieren kann, wie Microsoft dies tun konnte, ist offen. Zu schnell verändert sich das Nutzerinteresse, zu offen ist das Internet. Auffällig ist aber, dass Zuckerberg ähnlich wie Gates mit harten Bandagen kämpft, um zum Ziel zu gelangen. Projekte für soziale Websites gab es, bereits Jahre bevor Zuckerberg an der Harvard-Universität ein Online-Forum für die Studenten einrichtete. Die Ideen der anderen übernahm er indessen ungefragt; er kupferte ab, wo es passte, und er riss an sich, wenn sich die Gelegenheit bot. Klagen von Mitstudenten wegen Softwarediebstahl legte er aussergerichtlich bei. Mit Abfindungssummen von gegen 100 Millionen Dollar.

Die Frage, ob Zuckerberg sensible Software von Kollegen entwendete, will Kirkpatrick trotzdem nicht direkt beantworten. «Ich würde von ‹abstauben› sprechen. Aber nichts, was er an sich genommen hat, hatten die andern zuvor nicht ebenfalls entwendet.»

Ein verschlossener Mensch

Nicht nur in Fragen des geistigen Eigentums erinnert Zuckerberg an Gates. Auch sein merkwürdig gedrücktes Auftreten, ein naiv anmutendes Vertrauen in die Technik und eine paranoide Angst, vom ersten Rang verdrängt zu werden, zeichnen beide Unternehmer aus. So sehr der Facebook-Chef den Segen einer möglichst weiten Verbreitung privater Informationen predigt, so verschlossen ist er im persönlichen Umgang. In Gesprächen scheint er geistig abwesend, für Treffen taucht er verspätet auf, wenn überhaupt. Oder dann im Pyjama, weil er verschlafen hat.

Darob waren die Investoren der legendären Sequoia Capital derart erbost, dass sie eine Kapitalspritze verweigerten – zu ihrem eigenen Nachteil allerdings, wie sich zeigen sollte. Ähnlich wie Gates sei eben auch Zuckerberg ein totaler Computer-Nerd, ein von der Technik Besessener. «Er weiss aber sehr gut, wie er diese Rolle zu seinem eigenen Nutzen ausspielen kann. Viele unterschätzen wegen seines Schlabberaufzugs seine Führungs- und Unternehmerqualitäten.

Ein Strudel von Klagen und Bussen

Wie Gates riskiert indessen auch Zuckerberg, sein Unternehmen in einen Strudel von Klagen und Bussen zu führen. Während Microsoft mit einer geschlossenen Softwarearchitektur die Konkurrenten ausbootete und die Preise nach oben trieb, droht Facebook nicht an zu wenig, sondern an zu viel Informationen aufzulaufen. Die immensen Datensammlungen, die jeden Monat um 25 Milliarden Informationshappen angereichert werden, machen Facebook für Datenschützer zu einer bedrohlichen Gegenmacht. «Was früher die Aufgabe von Regierungen war – Angaben der Bürger zu sammeln und zu verwalten –, übernimmt immer mehr Facebook», sagt Kirkpatrick.

Hinzu kommt eine saloppe Auffassung darüber, wie aufgeklärt die Nutzer sind und wie gut sie mit ihren eigenen Daten umzugehen wissen. Zuckerberg geht davon aus, dass es besser um die Welt bestellt sei, je mehr die Menschen voneinander wissen. Dass damit Missbrauch betrieben werden kann, interessiert ihn weniger als der offene Zugang zu den Daten. Dazu Kirkpatrick: «Wenn Facebook scheitert, dann an diesem weiten Verständnis von Datensicherheit und Informationsfreiheit. Es ist schwer zu akzeptieren, dass ein 26-Jähriger sich das Recht nimmt, die Datenherrschaft der Welt an sich zu reissen.»

Trotz etwa einem halben Dutzend Sicherheitsmängel schaffte es Zuckerberg bisher, immer wieder Kompromisse zwischen seinen extrem liberalen Informationsverständnis und jenem der Mehrheit der Nutzer zu finden. Je dominanter Facebook aber wird, umso grösser die Risiken. «Die Regierungen werden mit aller Kraft zurückstossen«, so Kirkpatrick. «Auch ein Unternehmensgenie wie Zuckerberg wird diese mit aller Sicherheit auf ihn zukommende Konfrontation nicht mit einer neuen Software lösen können.»

Erstellt: 01.07.2010, 20:13 Uhr

Zu Verabredungen kommt er verspätet, in Gesprächen wirkt er abwesend: Mark Zuckerberg. (Bild: Keystone )

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Das 14-Milliarden-Imperium

Nicht alle Investitionen sind Bono so gut gelungen wie jene mit Facebook. Der Sänger der irischen U2 war einer der ersten Investoren und besitzt heute – über seine Private-Equity-Gruppe Elevation Partners – 7,5 Millionen Facebook-Aktien. Ihr Wert steigt fast täglich.

Die Aktien von Facebook sind nur einem exklusiven Kreis von Hedgefonds und Private-Equity-Gruppen zugänglich sowie Firmen wie Microsoft, die sich ein Stück der Erfolgsgeschichte sichern wollen. Gemäss einer Zusammenstellung von David Kirkpatrick (in seinem Buch «The Facebook Effect») besitzt Mark Zuckerberg 24 Prozent des Kapitals, kontrolliert jedoch die Stimmrechtmehrheit. Seine früheren Geschäftspartner Dustin Moskovitz, Eduardo Saverin und Sean Parker halten je 4 bis 6 Prozent der Aktien. Die grössten aussenstehenden Besitzer sind die Accel-Investorengruppe (10 Prozent), die Digital Sky Tech (5 Prozent) sowie der legendäre Silicon-Valley-Investor Peter Thiel (3 Prozent). Microsoft hält 1,4 Prozent der Aktien; der Rest verteilt sich auf Dutzende von privaten Investoren (wie Bono) sowie Facebook-Mitarbeiter.

Beziehungen spielen auch für Facebook eine entscheidende Rolle. So etwa war Bono von Anfang an einer der privaten Investoren, weshalb seine Elevations Partners auch die Möglichkeit bekamen, an weiteren Kapitalisierungsrunden mitzumachen. Werden diese Aktien zu ihrem Kaufpreis hochgerechnet, ist das Unternehmen rund 14 Milliarden Dollar schwer. Der Umstand aber, dass jede neue Finanzierungsrunde problemlos über die Bühne geht und die sporadisch zum Kauf frei werdenden Papiere zu immer höheren Preisen erworben werden, dürfte den Wert von Facebook weiter nach oben treiben.

Der Buchautor Kirkpatrick schätzt aufgrund der Werbeerträge, dass Facebook mit 1500 Mitarbeitern im laufenden Jahr rund 1,2 Milliarden Dollar Umsatz erwirtschaften kann. Einzelne Analysten gehen gar von Erträgen von 2 Milliarden aus. Offiziell weist das Unternehmen keinen Gewinn aus.

Zuckerberg weigert sich standhaft, eines der zahlreichen Kaufangebote anzunehmen. Microsoft war ebenso an Facebook interessiert wie Viacom, die News Corporation und Google. Auch ein Börsengang kommt nicht in Frage, wie er vor kurzem deutlich machte. Er habe nicht das Gefühl, in seinem Leben noch einmal eine derart einmalige Chance zu bekommen, weshalb er nicht Kasse machen wolle.

Ein Börsengang wird so lange nicht passieren, sagt Kirikpatrick, als Zuckerberg die Kontrolle behalten wolle. «Alle Probleme mit der Sicherheit der Daten und dem offenen Zugang durch die Nutzer würden nach einem Börsengang nur noch viel schlimmer. Wallstreet hat kein Verständnis für soziale Netzwerke und ihre Rolle in der Gesellschaft.»

Der 26-jährige Zuckerberg kann sich Zeit lassen. Obwohl Milliardär auf dem Papier, lebt er weiterhin bescheiden und latscht noch immer in Adidas-Schlarpen und T-Shirts herum. Sein einziger Luxus: Vor Mittag beginnt er selten zu arbeiten. (wn)

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