Eine. Frau. Und. Ihre. Mission.

Monica Lewinsky hielt ihre erste öffentliche Rede. Es war ein sehr spezieller Auftritt.

Monica Lewinsky spricht in Philadelphia (20. Oktober 2014).
Video: Reuters

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In Zukunft, so konstatierte Andy Warhol 1968, werde jeder auf seine 15 Minuten Ruhm kommen. Vom Internet ahnte der Pop-Artist noch nichts, und ob die Viertelstunde im Licht der Öffentlichkeit, deren Länge natürlich nicht wörtlich, ­sondern metaphorisch zu verstehen ist, von den Betroffenen eher als Segen oder Fluch empfunden würde, darüber schwieg er sich aus.

Besonders schwer zu beantworten ist diese Frage im Fall Monica Lewinskys, jener Praktikantin, der in den 90er-Jahren eine Affäre mit dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton globalen Prominentenstatus verschaffte: Glaubt man Lewinsky, dann war und ist ihr der Ruhm eine ungeheure Last. Betrachtet man jedoch, wie sie handelt, scheint das Gegenteil der Fall zu sein. ­Bitterlich klagt sie darüber, wie sie von heute auf morgen aus ihrem Leben gerissen und von der gesamten Welt angestarrt worden sei, gleichzeitig jedoch posaunt sie seit einiger Zeit bei jeder Gelegenheit mit Verve hinaus, wie sehr sie darunter gelitten habe.

Widersprüchliches Verhältnis zur Öffentlichkeit

Dieser Tage war es wieder so weit: Nachdem sie in den vergangenen Jahren bereits einige Interviews gegeben hatte, hielt Lewinsky am Montag ihre erste öffentliche Rede. Und tönte dabei, als habe sie eben erst ein Redetraining absolviert, einen dieser Kurse, in dem einem eingeschärft wird, bloss nicht zu schnell zu reden, regelmässig durchzuatmen und jedes Wort sauber zu betonen. In ihre Rede flicht sie Kunstpausen ein, die immer dann besonders lang ausfallen, wenn es gilt, die Bedeutung des Gesagten zu unterstreichen. Wer Lewinsky zuhört, der meint, sie rede mit Klein­kindern oder geistig Zurückgebliebenen. Das klingt dann so: «Innerhalb. Von. 24. Stunden. Wurde. Ich. Eine. Öffentliche. Person.» (Pause) «Nicht. Nur. In. Den. U. S. A. Sondern. Weltweit.»

Lewinskys selbst erklärtes Anliegen ist es, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren – für «Die. Kultur. Der. Demütigung. In. Der. Wir. Leben. Und. Die. In. Uns. Lebt.» Eine ganz normale Praktikantin sei sie vor 16 Jahren gewesen, 22 Jahre alt, unbeschwert, habe sie sich in ihren Chef verliebt, nur dass der in ihrem Fall nun einmal der Präsident der Vereinigten Staaten gewesen sei. Beinahe zum Selbstmord habe sie getrieben, was zwei Jahre später, nach Bekanntwerden der Liebelei geschah. Schuld daran ist laut Lewinsky das Internet. Und das, «Obwohl. Das. Noch. Vor. Google. War.» (Pause) «Das. Stimmt!» (Pause) «Vor. Google.» (Pause) «Aber. Das. World. Wide. Web. Spielte. Schon. Eine. Wichtige. Rolle. Im. Leben.»

Die Lebensuhr tickt

Damals, 1998, war Lewinsky 25. Heute ist sie 41 und damit nur noch fünf Jahre jünger als Bill Clinton zum Zeitpunkt seiner Amtseinführung. Handtaschen hat sie inzwischen entworfen und einen Abschluss in Sozialpsychologie an der renommierten London School of Economics erworben, doch auf der Suche nach ihrer eigentlichen Bestimmung will sie erst jetzt fündig geworden sein: dafür zu kämpfen, das andere nicht durchmachen müssen, was sie durchgemacht hat.

Was genau sie zu tun gedenkt, um der zerstörerischen Kraft des virtuellen Prangers den Garaus zu machen, verriet Lewinsky am Montag freilich nicht. Von der eigenen historischen Bedeutung scheint sie gleichwohl überzeugt zu sein: «Ich. War. Patient. Nummer. Null.»

Erstellt: 22.10.2014, 11:21 Uhr

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