«Es geht nicht um 90-60-90»

Cindy Gadola ist seit einem Autounfall vor zehn Monaten querschnittgelähmt. Am 24. Oktober nimmt sie an der Miss-Handicap-Wahl teil. Die Zürcherin über ihr Bild von Schönheit, Träume – und heimliche Tränen.

«Auch Menschen mit einer Behinderung können schön sein»: Cindy Gadola in ihrer Wohnung.

Sophie Stieger

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Es passiert in der Nähe von Kloten: Das Auto kommt von der Strasse ab, es überschlägt sich, eine Frau wird aus dem Wagen geschleudert, bleibt auf einem Acker liegen. Doch Cindy Gadola ist bei Bewusstsein. Versucht aufzustehen. Vergebens. Ihre Beine - fremde Glieder, ohne Gefühl. Wie ein Reptil beisst sich ein Gedanke in ihr fest: Ich werde nie eine Familie gründen können. 25. Dezember 2008, es ist Mittag. Der Weihnachtstag wird zum Wendepunkt im Leben der 31-jährigen Zürcherin. Ihre Lendenwirbel sind zertrümmert. Gadola ist querschnittgelähmt, vom Hüftknochen an abwärts. Für immer, sagen die Ärzte.

Zehn Monate später. Gadola sitzt im Letzipark und trinkt Kaffee. Sie wirkt entspannt, die Worte sprudeln nur so aus ihr heraus, Gesagtes unterstreicht sie mit Handbewegungen. Männer mustern sie, Frauen ebenso. Ihre Blicke bleiben hängen, zuerst am fein gezeichneten Gesicht mit den schönen Augen, dann: am Rollstuhl. «Manchmal starren sie, als käme ich vom Mars», sagt sie.

Es gibt Tage, da fühlt Cindy Gadola solche Blicke bleischwer auf sich ruhen. Es gebe solche Tiefs, ja, und dann halte sie ihre Tränen auch nicht immer zurück; aber sie dauerten jeweils nicht lange, versichert sie. Und versucht zu lächeln, spricht plötzlich von anderem. Ihre Botschaft ist klar: Ich will kein Mitleid erwecken. Nochmals darauf angesprochen, sagt sie, es sei nicht schön, im Rollstuhl zu sitzen. Sie habe aber nie an Suizid gedacht, sei nicht depressiv geworden. Vieles in ihrem Leben sei anders geworden, aber: «Ich bin noch immer Cindy.»

«Mache ich etwas falsch?»

Nicht alle scheinen das gleich zu sehen. Einige wenige Kollegen haben sich von Gadola zurückgezogen - ohne Erklärung. Fragen türmen sich auf: «Mache ich etwas falsch? Können sie mit der neuen Situation nicht umgehen? Haben sie Angst?» Doch solche Erfahrungen sind die Ausnahme. Ihre engsten Freunde, ihre Eltern, ihr Bruder: Alle halten zu ihr, helfen ihr, sich in ihrem neuen Leben zurechtzufinden.

Die junge Frau, gelernte Tiefbauzeichnerin, arbeitet wie bereits vor ihrem Unfall als Wertschriftenspezialistin bei der UBS. Neu mit einem 40-Prozent-Pensum, das sie langsam steigern will. «Ich will wieder die gleiche Leistung bringen wie früher, einfach auf Rädern.» In ihrer Freizeit treibt sie Sport. Vor dem Unfall schwitzte sie vier- bis fünfmal pro Woche in einem Fitnessklub am Stauffacher; ab nächstem Jahr möchte sie Rollstuhlbasketball spielen, rudern, mit dem Handbike trainieren, einem Fahrrad, bei dem die Arme Antriebsmotor sind. Ein Dasein ohne Sport - «unvorstellbar».

Zu ihrem neuen Leben gehört auch die Bühne. Am 24. Oktober tritt Gadola an der Miss-Handicap-Wahl in Bern auf. Frauen, die nicht laufen können, keine Arme haben, blind sind - sie kämpfen um eine Schönheitskrone. Ist das provozierend? Lächerlich? Überflüssig? Gadola winkt ab. Wer so denke, habe die Botschaft dieser Konkurrenz nicht verstanden. «Es geht nicht um 90-60-90.» Gadola möchte zeigen, dass es jenseits des gängigen Schönheitsideals etwas anderes gibt: eine Schönheit, die von innen kommt und nach aussen strahlt. «Auch Menschen mit einer Behinderung können schön sein, schön im allumfassenden Sinn.»

Kritisch mit sich selber

Gadola findet sich selber nicht rundum wohl proportioniert. Seit ihrem Unfall sind ihre Beinmuskeln stark geschrumpft, die flatternde Hose zeugt davon. «Solche Veränderungen am Körper sind erschreckend», sagt sie. Nein, sie sei nicht zu streng mit sich selber. Dass sie ein wenig eitel sei, räumt sie ohne Zögern ein. «Wer ist das nicht?»

Zusammen mit den anderen Kandidatinnen will Gadola dem Anlass zum Durchbruch verhelfen, will Verständnis für Menschen mit einer Behinderung wecken, für mehr Engagement und Solidarität werben. Heute, sagt Gadola, bestünden noch immer Gräben zwischen den Handicapierten und den «Fussgängern», wie sie gesunde Menschen nennt. «Wir sollten mehr aufeinander zugehen, Hemmschwellen abbauen.»

Gadola macht es vor, etwa wenn sie mit dem Zug ins Tessin oder nach Frankreich reist und dabei mit Fremden ins Gespräch kommt. Oder wenn sie mit Freunden im Rollstuhl ins Mascotte beim Bellevue festen geht. Und flirten. Wenn sie einen attraktiven Mann erspäht, nähert sie sich ihm, vorsichtiger zwar als früher. Aber sie tut es. Auch dann, wenn es ein «Fussgänger» ist. Gadola lächelt verlegen. Sie fühle sich nach wie vor sehr weiblich, sagt sie. «Die Empfindungen am Oberkörper sind stärker geworden.» Ihre Sinne seien generell stärker ausgeprägt als vor dem Unfall.

Ziel: Paralympics 2012

Emotionen - das wird Gadola auch in Bern erwarten. Sie sei noch nicht nervös, aber das komme bestimmt noch. Und dann, nach der Wahl? Gadola hat viele Ideen, zum Beispiel: alle alten Rollstühle in Zürich einzusammeln und in Dritte-Welt-Länder zu schicken. Es gebe viele Querschnittgelähmte, die ein altes Modell zu Hause stehen hätten, sagt sie. Auch einen Traum hat sie: 2012 in London an den Paralympics teilzunehmen. Ihr grosses Vorbild: Heinz Frei, Schweizer Rennrollstuhlsportler, 14-facher Goldmedaillengewinner.

Und der Unfall? Hat sie ihn verarbeitet? Gadola sass hinten im Auto. Den Fahrer hatte sie an jenem Tag erst kennen gelernt, durch ihren Kollegen, der auf dem Vordersitz sass. Der Fahrer war zu schnell unterwegs. Gadola hatte Angst, getraute sich aber nicht, etwas zu sagen. Und schon war es geschehen. Sie war nicht angegurtet. Wäre sie es gewesen, hätte sie den Unfall wohl nicht überlebt; der hintere Teil des Autos war komplett zusammengestaucht. Gadola ist vom Fahrer enttäuscht. Seit dem Unfall hat sie ihn nicht mehr gesehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2009, 08:51 Uhr

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