«Es gibt keinen Grund, mit 65 mit dem Arbeiten aufzuhören»

Roger Schawinski wird in einem Monat offiziell zum Rentner. Von der «Zwangspensionierung» hält er jedoch überhaupt nichts.

Roger Schawinski ärgert sich über die Pensionierungsguillotine.

Roger Schawinski ärgert sich über die Pensionierungsguillotine. Bild: Keystone

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Roger Schawinski, in einem Monat werden Sie Rentner sein. Wann wollen Sie pensioniert werden?
Ich werde nur altersmässig Rentner sein. Ich bin Unternehmer und Unternehmer werden in der Regel nicht zwangspensioniert.

Anders gefragt: Wann wollen Sie aufhören zu arbeiten?
Da hab ich mir überhaupt keine Grenze gesetzt. Im Gegenteil. Ich betrachte mich auch als Autor. Kreative Menschen wie Künstler werden ja nie pensioniert.

Haben Sie Angst davor, nicht mehr zu arbeiten?
Ich fühle mich privilegiert, im Gegensatz zu den vielen Zwangspensionierten. Die Altersguillotine von 65 ist völlig unangebracht für die heutige Zeit.

Wenn Sie nicht betroffen sind: Weshalb setzen Sie sich so dafür ein?
Bis jetzt hat mich das Älterwerden nie intensiv beschäftigt. Es überrascht mich selber, dass dies nun erstmals etwas anders ist. Das liegt an diesem Mythos 65, der uns seit der Jugend eingetrichtert wurde. Ich bin 1945 geboren. Meine Generation der Babyboomer hat ja immer alles anders gemacht als unsere Vorgänger. Wir haben alles in Frage gestellt, die Popmusik revolutioniert, die grüne Bewegung angestossen, wir waren die 68er. Wir werden uns auch im neuen Lebensabschnitt anders verhalten.

Was regt Sie an der aufgezwungenen Pensionierung so auf?
Dass Leute mit 65 automatisch zum alten Eisen erklärt werden, obwohl das so genannte «Real Age» in Bezug auf das körperliche und geistige Alter zeigt, dass viele der heutigen 65-Jährigen so fit sind wie früher die 55-Jährigen. Als man das Pensionsalter im vorletzten Jahrhundert einführte, lag die Lebenserwartung bei 44 Jahren. Bald wird sie doppelt so hoch sein.

Was wäre die Lösung?
Sicher eine flexible. Tendenziell muss das Pensionierungsalter für die nichtkörperlichen Berufe heraufgesetzt werden. Wenn man sich die demografische Entwicklung anschaut, bleibt keine andere Wahl.

Sollte man gezwungen werden können, länger als bis 65 zu arbeiten?
Ja, das müsste gesetzlich festgehalten werden. Sonst arbeiten bald immer weniger Leute, die für immer Menschen aufkommen müssen, die nicht mehr arbeiten. Das führt zu einer voraussehbaren Katastrophe.

Um wie viele Jahre soll das Rentenalter hinaufgesetzt werden?
Um vorerst zwei bis vier Jahre. Man ist ja danach noch genügend lange alt. Die Lebenserwartung liegt momentan etwa bei 80 Jahren und sie steigt laufend an. 20 oder gar 30 Jahre weg vom Arbeitsprozess zu sein, ist weder für die Gesellschaft noch für den Einzelnen optimal. Viele haben das Gefühl, sie profitieren allein von der Pensionierung, aber sie übersehen die Nachteile.

Warum?
Die Leute planen geistig bis 65. Das ist aber völlig falsch, denn man muss bis 85 planen. Im Alter gehen Türen zu. Man trifft immer weniger Leute, geht an immer weniger Orte, hat immer weniger Impulse. All dies beschleunigt den Altersprozess. Das Gegenteil wäre richtig. Man muss laufend neue Türen öffnen.

Das geht doch auch ohne Arbeit.
Ich glaube nicht. Wenn Rentner sagen, jetzt beginne ihr Leben, weil sie nur noch Golf spielen und reisen können, ist das für eine gewisse Zeit gut und recht - aber doch sicher nicht 25 oder 30 Jahre lang! Klar, der Weg in die Bedeutungslosigkeit kommt für alle, und es sicher nicht leicht, damit umzugehen. Aber 65 ist für viele definitiv zu früh.

Da würde ein um zwei Jahre verlängertes Arbeitsleben auch nicht viel verändern.
Damit meine ich bloss das gesetzliche Pensionierungsalter. Darüber hinaus sollte jeder, der das wünscht, länger arbeiten dürfen. Ein Beispiel: In Amerika können Professoren auch nach 65 weiter forschen und arbeiten. Sie können dank ihrer Erfahrung oft mehr bieten als viele der jüngeren Kollegen und eine wichtige Rolle als Mentoren ausüben. Bei uns werden sie einfach aussortiert. Das ist schmerzlich. Mein Vater hat sich nach seiner Pensionierung gesehnt, weil er einen Beruf gehabt hat, den er nicht mochte. Zehn Jahre später hat er zu mir gesagt: Arbeite, so lange du kannst, alles andere macht dich nicht glücklich.

Würde sich die Arbeitslosigkeit nicht noch verstärken, wenn man bis 69 arbeiten würde?
Im Gegenteil. Längerfristig werden wir viel zu wenige Arbeitskräfte haben. Der Anteil der arbeitenden Bevölkerung wird massiv zurückgehen und der Anteil der Rentner exponenziell ansteigen. Das ist mittel- und langfristig eines unserer grössten Probleme.

Wie lange soll man arbeiten dürfen?
Es gibt sicher Grenzen, und es sollte für beide Seiten stimmen. Es gibt ja verschiedenste Formen. Man kann zum Beispiel als Berater tätig sein oder nur noch Teilzeit arbeiten. Aber dieser harte Schnitt mit 65 ist doch nichts. An den Skiliften gibt es ja den AHV-Tarif, weil viele in diesem Alter noch fit für die Piste sind und viel Zeit haben. Fürs Arbeiten soll man jedoch mit 65 nicht mehr tauglich sein. Da stimmt doch etwas nicht.

Was werden Sie in einem Monat tun?
Ich mache weiter. Ich bin ja wieder einmal Jungunternehmer, diesmal mit Radio1. Das ist das Rezept: Immer wieder eine neue Euphorie suchen. Vielleicht werde ich den Rhythmus mit der Zeit etwas verlangsamen. Von gewissen Dingen wie dem Marathon-Laufen musste ich mich verabschieden. Aber dem Arbeitsleben werde ich nicht so bald den Rücken kehren. Die Frage ist, was das richtige Mass ist. Ich bin ständig dabei, in mich hinein zu hören.

Erstellt: 05.05.2010, 12:22 Uhr

Pensionär wider Willen

Der ehemalige Radiopirat Roger Schawinski erreicht in knapp ein Monat das offizielle Pensionsalter. Aufhören zu arbeiten will der Radio1-Chef jedoch nicht. In seiner Kolumne in der «Sonntagszeitung» enervierte er sich über die Zwangspensionierung und fordert, mit dem Tabu zu brechen.

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