«Es wäre grässlich, 50 Milliarden zu erben»

Roger Schawinski lobt das Bestreben der US-Milliardäre, die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden. In der Schweiz seien Reiche längst nicht so weit.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Schawinski, Sie kritisieren in Ihrer Kolumne die Spendemoral der Schweizer.
Ich weise vielmehr darauf hin, dass die Mentalität der Superreichen, ihr Vermögen mit der Gesellschaft zu teilen, in der Schweiz nicht so verbreitet ist wie in den USA. Und wenn man es tut, wird es hierzulande meist totgeschwiegen. Obwohl man Nachahmer auf den Plan rufen könnte.

Reiche Schweizer haben also ein verkümmertes Spende-Verständnis?
Die veröffentlichten Reaktionen auf die Aktion der US-Milliardäre, die mindestens die Hälfte ihres Vermögens weggeben wollen, sind doch grotesk. So kritisierte etwa der Unternehmer und FDP-Nationalrat Otto Ineichen die Initianten Bill Gates und Warren Buffett, dass sie bloss spekulieren würden, statt nachhaltig zu investieren. Das soll doch nur von der eigenen Kleinherzigkeit ablenken. Oder die Wortmeldung von Hausi Leutenegger: Er sei auch grosszügig, immerhin habe er 120 Leute an sein eigenes Golfturnier eingeladen. Das ist einfach nur noch bizarr.

Warum?
Microsoft-Gründer Bill Gates versucht, mit Milliardeneinsätzen in Afrika die Tropenkrankheit Malaria auszurotten.

Wer sollte Ihrer Meinung nach spenden?
Im Prinzip jeder, der die Möglichkeit dazu hat. Am ehesten aber natürlich jene, die am meisten haben. Wenn einer zehn Milliarden besitzt, ist es doch Unsinn, diese für sich oder seine Nachkommen zu behalten. Wenn Bill Gates seinen Kindern 50 Milliarden vererben würde, wäre das grässlich für sie. Je mehr jemand hat, desto mehr Sinn macht es, viel wegzugeben. Deshalb finde ich die Initiative so fantastisch, und dass die Initianten mit gutem Beispiel vorangehen. Bill Gates will gar 99 Prozent seines Vermögens spenden.

Wenn sie drei Schweizer zum Spenden auffordern könnten, wer wäre das?
Ich würde zuerst die Liste der 200 reichsten Schweizer durchgehen und die Milliardäre fragen, wo und in welchem Rahmen sie sich als Wohltäter engagieren. Der nun vorgebrachte Vorwurf, dass manche nur spenden, um Steuern zu sparen, ist für mich fragwürdig. Das ist doch immer noch besser, als sich so viel als möglich in die eigene Tasche zu stecken.

Gehen Sie denn mit gutem Beispiel voran?
Ich bin kein Milliardär. Es handelt sich um eine Initiative der Allerreichsten.

Aber Sie spenden schon?
Ich fühle mich im Rahmen meiner Möglichkeiten dazu verpflichtet. Ich zahle seit 20 Jahren für eine Schule in Chile. Ich habe das Land gekauft und die Schule aufgebaut. Es ist ein landwirtschaftliches Gymnasium für Kinder aus ethnisch benachteiligten Familien, das sie inklusive Kost und Logis gratis besuchen können. Zurzeit bauen wir eine Turnhalle. Bei einer weiteren Schule in Tibet mit etwa 150 Schülern finanziere ich den Unterhalt. Aber da es bei uns nicht üblich ist, hänge ich das nicht an die grosse Glocke. Aber wenn Sie mich in diesem Zusammenhang schon testen wollen, dann verheimliche ich dies auch nicht.

Der Betrag, den Sie spenden, macht aber nicht 50 Prozent ihres Vermögens aus?
Nein. Ich glaube nicht, dass die Aktion so generalisiert werden kann. Bei den Reichsten sind 50 Prozent des Vermögens unermesslich viel. Leute hingegen, die weniger haben, müssen nicht so viel spenden. Allerdings sollte es schon ein respektabler Betrag sein.

Nochmals: Sie sagen nicht, die Schweiz sei generell kein Spendenland.
Es geht bei dieser Initiative um die Haltung der Allerreichsten gegenüber der Gesellschaft. Es kann doch nicht der Sinn des Lebens sein, möglichst viele Milliarden für sich alleine anzuhäufen.

Sie finden also: Geld macht nicht glücklich?
Nein, das sage ich nicht. Ich sage: Noch mehr Geld macht nicht glücklich, wenn man schon sehr viel davon hat. Ich investiere in Erziehungsprojekte, weil meine Kinder privilegiert sind und eine Ausbildung machen konnten. Andere Kinder hatten diese Chance von Anfang an nicht. Hier versuche ich, einen Beitrag zu leisten.

Setzt eine Spende nicht ein gewisses Mass an Altruismus voraus?
Es heisst, dass der Unterschied zwischen Armen und Reichen immer grösser wird. Wir müssen einen Ausgleich schaffen. Von mir aus auch aus schlechtem Gewissen. Hauptsache, es wird etwas erreicht. Ich habe nicht das Gefühl, meine Kinder müssten alles erben, was ich eventuell noch zurücklasse. Wichtiger ist, dass sie eine gute Ausbildung haben und sich beruflich verwirklichen können.

Sie sagen auch, die Aktion der US-Milliardäre habe in der Schweiz zu wenig Beachtung gefunden.
Die Meldung wurde von den hiesigen Medien zu Beginn sehr stiefmütterlich behandelt. Man scheint das für nicht so wichtig zu halten. Über Abzocker-Löhne und Boni hat man hingegen monatelang debattiert. Warum das Problem jetzt nicht von einer sinnvollen, positiven Seite her angehen?

Erstellt: 09.08.2010, 14:45 Uhr

Blick nach oben: Die Superreichen können gemäss Roger Schawinski gut einen Teil ihres Vermögens abtreten. (Bild: Keystone )

Falsches Selbstverständnis

In einer einzigartigen Solidaritäts-Aktion haben 40 US-Milliardäre versprochen, die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden. In seiner Kolumne in der «Sonntagszeitung» bezeichnet Roger Schawinski die Nachricht als eine «unterschlagene Sensation»: Schweizer Medien hätten nicht ausführlich über die Aktion berichtet, um das «Selbstverständnis» nicht ins Wanken zu bringen. Demnach empfinden die reichsten Schweizer gemäss Schawinski nämlich keine «gesellschaftliche Verpflichtung», «das materielle Glück mit den Armen zu teilen.»

Artikel zum Thema

«Solch eine Massenspende ist in Europa nicht vorstellbar»

Die Milliarden-Spenden von Superreichen sind ein amerikanisches Phänomen. Das sagt der Philanthropie-Experte Georg von Schnurbein und erklärt, wie ehrlich das Bekenntnis der vierzig US-Wohltäter gemeint ist. Mehr...

Diese Milliardäre sorgen für einen gigantischen Geldsegen

40 US-Milliardäre planen eine beispiellose Spendenaktion: Sie haben öffentlich Versprochen, die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden. Hinter der Aktion steckt ein moralischer Appell. Mehr...

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Weisse Pracht: Schneebedeckte Chalet-Dächer in Bellwald. (18. November 2019)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...