Hintergrund

Jörg Kachelmann braucht Geld und verkauft Häuser

Der Meteo-Unternehmer muss Liegenschaften abstossen. Sein Prozess kostet Unsummen. Wird er verurteilt, ist er finanziell ruiniert.

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Tief im verschneiten Schwarzwald in einer Lichtung bei Herrenschwand steht ein braunweisses Häusle. Bis vor kurzem fand sich dahinter, neben den beiden dunklen Tannen, eine Wetterstation. Nun ist sie weg.

Der Grund für den Abtransport der Messgeräte wird im Norden des Bundeslands Baden-Württemberg ersichtlich: In Mannheim steht seit Anfang September der Herrenschwander Häuslebesitzer Jörg Kachelmann vor Gericht. Nun sieht er sich zum Verkauf von Immobilien gezwungen. Sein Vergewaltigungsprozess verschlingt Geld. Je länger er dauert, umso mehr.

Prozess sieht sich in die Länge

Das Urteil gegen den Wettermann ist – nach zweimaliger Verlängerung – auf Ende März terminiert. Doch nicht einmal mehr das ist sicher. Gestern, am Morgen des 17. Prozesstags, verzögerten Interventionen der Verteidigung den Ablauf. Dann, unmittelbar nach der Mittagspause, brach die Kammer die Verhandlung überraschend ab. Damit nicht genug: Am Mittwoch geht es erst um 11 Uhr weiter, weil der Gerichtssaal zuvor anderweitig beansprucht wird. Anscheinend gibt es Wichtigeres als den «Prozess des Jahres».

Für den Schweizer Angeklagten im immergrauen Anzug wird die Angelegenheit mit jedem Verhandlungstag teurer. Er muss nicht nur seine Anwälte bezahlen, sondern auch eine rekordverdächtig grosse Gutachterschar. Meistens sassen vier oder gar fünf Sachverständige – die meisten Hochschulprofessoren – im Auftrag der Verteidigung im Saal 1 des Landgerichts.

Sparen bei den Gutachtern

Kachelmanns neuer Verteidiger hat nun einen von ihnen, einen Hirnforscher, ganz zurückgezogen. «Mehr ist nicht immer mehr», sagte der ebenso forsche wie renommierte Rechtsanwalt Johann Schwenn gestern und kritisierte damit auch den abgesetzten Kollegen Reinhard Birkenstock. Schwenn bietet – anders als sein Vorgänger – auch nicht alle der restlichen Psychologen und Ärzte in Kachelmanns Diensten für jeden Prozesstag auf. So reduzieren sich die Kosten. Doch sie bleiben immens.

Anzunehmen ist, dass sowohl die Rechtsanwälte als auch die Forensiker, die zu den bekanntesten der Bundesrepublik gehören, dem TV-Meteorologen vierstellige Euro-Beträge pro Arbeitstag verrechnen. So dürften sich die Prozesskosten bis zum Urteil auf über 1 Million Franken belaufen. Davon gehen Kenner des Falls aus. Hinzu kommt für Kachelmann mindestens ein Jahr Verdienstausfall. Mit der Verhaftung im März war er auch seine lukrativen Werbemandate los. Vorträge hält er keine mehr. Wird Kachelmann dereinst freigesprochen, kann er einen Teil seiner Kosten zurückfordern und Schadenersatz verlangen. Wird er verurteilt, ist er auch finanziell ruiniert.

Geldpolster wird dünner

Auf Rosen gebettet scheint der Schaffhauser schon seit geraumer Zeit nicht mehr zu sein. Zwar war sein Unternehmen Meteomedia nach stürmischen Jahren zuletzt auf Kurs. Doch vergangenes Jahr und in diesem Frühling musste Kachelmann laut einem kanadischen Scheidungsurteil umgerechnet rund 600'000 Franken an seine Ex-Frau bezahlen.

Nun scheint er sofort Geld zu brauchen. Nicht nur das Schwarzwälder Haus will er bald zu Cash machen. Auch seine schicken zwei Zimmer auf Hiddensee stehen zum Verkauf. Angeboten wird die «lichtdurchflutete Dachgeschoss-Maisonette-Wohnung mit Meerblick» auf der Ostseeinsel auf der Homepage der Immobilienfirma des Bruders von Kachelmanns Medienanwalt Ralf Höcker. Die knapp 80 Quadratmeter Wohnfläche sind für 395'000 Euro zu haben.

Kreditwürdigkeit heruntergestuft

Auch beim schweizerisch-deutschen Wetterunternehmen Meteomedia, das Kachelmann zur Hälfte gehört, fallen wegen des Mannheimer Verfahrens hohe Kosten an. Einerseits fehlt eine zentrale Arbeitskraft, da sich der Firmengründer vorübergehend aus dem Geschäft zurückgezogen hat, um sich auf den Prozess zu konzentrieren. Andererseits kam es im Unternehmen zu Querelen und zu unschönen Abgängen im Kader. Erkleckliche Abgangszahlungen folgten.

Bereits bevor die jüngste Prozessverlängerung bekannt wurde, hat der Wirtschaftsauskunftsdienst Moneyhouse die Kreditwürdigkeit von Meteomedia heruntergestuft. Die Risikoeinschätzung fiel im Oktober von 64 auf 58 Punkte. 100 wären möglich.

«Wir sehen das nicht als Problem an», sagt Meteomedia-Sprecher Urs Knapp. «Finanziell steht das Unternehmen auf tragfähiger Grundlage. Es ist auf Expansionskurs.» Auch Moneyhouse bezeichnet die Finanzlage von Meteomedia selbst nach der Rückstufung als «gut». Noch ist alles im grünen Bereich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.12.2010, 12:44 Uhr

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