Kachelmann macht Gegenwind

Der TV-Moderator kämpft gegen seine Vorverurteilung wegen Vergewaltigung an. Mit Höchstaufwand. Und mit Erfolg.

Ein Medienprofi: Jörg Kachelmann ist den Umgang mit der Öffentlichkeit gewohnt.

Ein Medienprofi: Jörg Kachelmann ist den Umgang mit der Öffentlichkeit gewohnt. Bild: Keystone

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Seit Jörg Kachelmann der bekannteste Ex-Untersuchungshäftling Deutschlands ist, tut er, was er am besten kann: Er stellt sich vor die Fernsehkameras und macht ein Gesicht, das auf viele sympathisch wirkt. Dann sagt er Dinge, die andere kompliziert sagen, einfach. Fast wie früher, als er meteorologisch unkorrekt ankündigte: «Es flöckelt Zucker auf unsere Flachlandtannen.»

Doch nichts flöckelt mehr. Alles ist anders. Denn Deutschland und die Schweizer Heimat wissen: Hier spricht entweder ein Vergewaltiger oder das Opfer eines Rufmordes seiner ExPartnerin. Der begnadete Wettererklärer stellt sich nicht mehr freiwillig vor die Kameras. Vielmehr haben ihm seine Anwälte dazu geraten. Obwohl jedes Wort aus seinem Mund gegen ihn ausgelegt werden kann im Strafprozess in einem Monat. Kaum in Freiheit, noch am Donnerstag, steckte Kachelmann mit seinen Beratern einen intensiven Interview-Parcours aus, der beim Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» endete. Dort beteuert der TV-Moderator, er habe «keine Fehler gemacht, jedenfalls keine von juristischer Relevanz». Postwendend räumt er aber ein, er habe seine Freundin «in einer Weise gekränkt, die ich in der Nachschau nur im höchsten Masse bedauern kann». Er erzählt die eine und die andere Anekdote vom KakerlakenKnast, den Kumpeln, Gefangenen, die sich in seinen Armen ausweinten. Mit Understatement bezeichnet sich Kachelmann als «viertklassigen TVPromi». Während des «Spiegel»-Interviews bricht er mehrmals in Tränen aus. Und erzählt herzzerreissend, dass seine Mutter mit 80 Jahren erleben musste, wie sie «zur Mutter eines messerstechenden, gewalttätigen, promisken Vergewaltigers wurde». Stolz sei er, «dass sie stark geblieben ist». «Die Heimatfront», sagt Kachelmann, «stand.»

Promi-Malus, Reichen-Bonus

Der Medienprofi aus der Schweiz hat die ersten Tage in Freiheit zur allgemeinen Zufriedenheit seiner bezahlten Unterstützer genutzt. Er hat Wind gemacht in eigener Sache. Besser gesagt Gegenwind.

Während der 132 Tage Untersuchungshaft war Kachelmann publizistisch vorverurteilt worden (TA vom Freitag). Viele Titel berichteten anfangs so intensiv, detailliert und einseitig über die Vorwürfe gegen den Inhaftierten, dass es einem medialen Schuldspruch gleichkam. Kachelmann wehrte sich aus dem Gefängnis mit Dutzenden juristischen Eingaben, wenn seine Privatsphäre verletzt wurde. Trotz Teilerfolgen kam er gegen den Promi-Malus nicht an.

Als der Wind sich drehte

Auf die Vorverurteilungen folgten aber Vorfreisprüche durch renommierte deutsche Gerichtsreporterinnen. Der Wochentitel «Die Zeit» schlug sich deutlich auf die Seite des Angeklagten, «Der Spiegel» tendenziell. Der Wind begann sich zu drehen.

Kachelmann gewinnt nun mit seinen Beteuerungen, seiner Demut und seinen Tränengeschichten die öffentliche Meinung zurück. Doch nicht nur die Eloquenz, sondern auch seine Solvenz helfen in diesem rechtsstaatlich fragwürdigen Verfahren. Den Promi-Malus kann der Vorverurteilte auch per Reichen-Bonus teilweise wettmachen. Mit viel Geld für seine Juristen- und Gutachterschar kann sich der Selfmade-Wetterunternehmer vielleicht ausgleichende Gerechtigkeit verschaffen. Vier Strafverteidiger und ebenso viele Medienanwälte haben Kachelmann geholfen, den vorzeitigen massenmedialen Revisionsprozess in eigener Sache zu gewinnen. Alles andere entscheidet das Gericht.

Erstellt: 03.08.2010, 13:01 Uhr

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