Kopf des Tages

Kein Glaceschlecken

Der 22-Jährige Anderson Fernandes soll wegen eines Minidiebstahls aus Grossbritannien ausgewiesen werden.

Überführt und Deportiert: Anderson Fernandes, wegen Diebstahls von zwei Kugeln Eis des Landes verwiesen.

Überführt und Deportiert: Anderson Fernandes, wegen Diebstahls von zwei Kugeln Eis des Landes verwiesen. Bild: Manchester Evening News

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zwei Kugeln sind dem 22-jährigen Anderson Fernandes zum Verhängnis geworden. Nicht Revolverkugeln. Sondern Glacekugeln. Zu denen verhalf sich Fernandes letzten August in der Patisserie Valerie in Manchester, ohne zu bezahlen. Dafür wurde er zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt. Jetzt wartet er auf seine Ausweisung in ein Land, in dem er niemanden kennt.

Seine Geschichte macht nach Abklingen der Olympia-Euphorie in Grossbritannien die Runde. Sie erinnert an die Sommerkrawalle vor einem Jahr und an die ungelösten sozialen Probleme. Statt sie zu beheben, klagen die Bewohner der betroffenen Stadtteile, habe man mit drakonischen Strafen einen Deckel auf den brodelnden Topf zu drücken versucht. Schärfste Bestrafung der «Randalierer» forderte ausser einer Grosszahl von Richtern damals auch Regierungschef David Cameron. Britische Bürgerrechtler schütteln heute die Köpfe über die Willkür dieser Justiz.

Eklatanter Fall

Anderson Fernandes ist einer der eklatantesten Fälle. Er kam an der Patisserie vorbei, als diese schon geplündert war und die Tür offen stand. Er warf seine Zigarette weg, spazierte aus der Hitze der Nacht in den Laden, schnappte sich ein Cornet und pappte zwei Kugeln Glace drauf. Es hatte Kaffeegeschmack, wie er erst draussen merkte. Das mochte er nicht. Also gab er das Glace an ein Mädchen auf der Strasse weiter, ging zur Bushaltestelle und fuhr nach Hause. Die Polizei kam aufgrund der DNA an der weggeworfenen Zigarettenkippe rasch auf seine Spur.

Einen Monat später bereits stand er in Manchester vor Gericht. «Ich war noch nie im Gefängnis», erklärte Fernandes. «Und es ist ja nicht so, dass ich einen Laden zertrümmert habe.» Den Bezirksrichter kümmerte das wenig. Diebstahl war Diebstahl. Krawalle waren Krawalle. Und 16 Monate waren nach den Unruhen nichts Aussergewöhnliches.

«Vollends zerstören»

Die Hälfte der Strafe, acht Monate, musste Fernandes absitzen. «Natürlich verstehe ich, wie ernst die Krawalle waren», sagt er rückblickend. «Es war dumm, mich da reinziehen zu lassen. Ich akzeptiere, dass ich ins Gefängnis musste.» Nun aber wolle man ihn ein zweites Mal bestrafen und sein Leben «vollends zerstören». Seit der Entlassung aus dem Gefängnis sitzt er nämlich in einem schottischen Auslieferungslager und wartet auf die Deportation nach Portugal.

Und dieses Land kennt Fernandes, wiewohl er einen portugiesischen Pass besitzt, kaum. Geboren in Angola, verbrachte er als Kind nur kurze Zeit in Portugal, bevor seine Familie, als er 13 war, nach Grossbritannien übersiedelte. Seither lebte er in Manchester. Auch seine Freundin wohnt da mit dem gemeinsamen Kind. «Seit ich verhaftet wurde, war ich nicht mehr zu Hause. Jetzt sieht es so aus, als könne ich nie mehr dorthin zurück.» Eine Deportation wäre an ein zehnjähriges Rückkehrverbot gekoppelt.

Besondere Regeln

Fernandes ist nur einer von über hundert letztjährigen «Randalierern», die ausgewiesen werden sollen. Personen von ausserhalb der EU kommen bereits nach einer 12-Monats-Strafe auf die Deportationsliste. EU-Bürger wie Fernandes normalerweise nur, wenn diese Strafe für Drogenhandel, Schwerverbrechen oder sexuelle Vergehen verhängt worden ist.

Bei den Krawallen aber gelten besondere Regeln. Nach diesen Regeln wurde ja schon bei der Strafbemessung verfahren. «Ich hab mich damals wirklich saudumm benommen», sagt Anderson Fernandes. Aber seither werde er «immer wieder von neuem bestraft» für seine zwei Glacekugeln.

Erstellt: 21.08.2012, 11:32 Uhr

Bildstrecke

Krawalle in England

Krawalle in England In Grossbritannien kam es zu schweren Ausschreitungen.

Artikel zum Thema

«Randalierende Milchschnäuze»

Stadtblog Unser Stadtblogger Reda El Arbi geriet in der Nacht auf Sonntag in die Krawall-Party bei der Rentenanstalt. Eine persönliche Einschätzung. Mehr...

«Man darf an der Legalität ritzen»

Die Party-Partei ist kaum eine Woche alt und hat schon 2600 Mitglieder. Mitgründer Philipp Meier erklärt, weshalb auch Komatrinken ein politisches Statement ist und warum es Krawalle braucht. Mehr...

Polizisten setzten Aggressoren im Wald ab

Lausanne Die Stadtpolizei Lausanne hat während Jahren Störenfriede aus dem Zentrum gebracht und in Wäldern abgesetzt – ohne rechtliche Grundlage. Mehr...

Dossiers

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Gross-Demo: Mit Schutzmaske und Schwimmbrille schützt sich ein Demonstrant vor einem Tränengas-Angriff der Polizei in Hong Kong am Sonntagabend. (21. Juli 2019)
(Bild: Getty Images / Ivan Abreu) Mehr...