Hintergrund

Knox schreibt von sexueller Belästigung und Suizidgedanken

In fünf Tagen erscheint die Biografie von Amanda Knox. Darin berichtet der «Engel mit Eisaugen» ihre Version des Mordfalles von Perugia und den vier Jahren im Gefängnis.

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«Waiting to Be Heard» («Warten, um gehört zu werden») lautet der Titel der Memoiren von Amanda Knox, die am 30. April erscheinen werden. Die Öffentlichkeit wartet ebenfalls gespannt: auf das Buch, aber vor allem auf das erste Fernsehinterview der 25-jährigen Studentin, das der US-Sender ABC am selben Tag ausstrahlen wird. Aufgenommen wurde das Gespräch zwischen Amanda Knox und der Journalistin Diane Sawyer bereits am 9. April.

Während der vierjährigen Haft hatte Amanda Knox regelmässig Tagebuch geführt, welches ihr als Grundlage für das rund 500 Seiten dicke Buch diente, das nur wenigen ausgesuchten Medien als Vorabdruck versandt wurde. Zum Beispiel der «New York Times», die nun Knox' Werk von einer ihrer wichtigsten Literaturkritikerinnen, Michiko Kakutani, rezensieren liess. Diese geht vor allem auf Knox' Bemühungen ein, deren von den Medien kolportiertes Bild der «gefährlichen Verführerin, dieser Foxy Knoxy» zu zerschlagen. So beschreibt sich Knox in ihrem Buch vor allem als naives Mädchen, das mit «20 Jahren immer noch eine sehr kindliche Auffassung über die Menschen hatte». Und dass ihre verschiedenen Flirts mit italienischen Männern vor allem ein Versuch gewesen seien, sich «mehr als Frau zu fühlen».

Sexuelle Belästigung und Selbstmordgedanken

Während ihrer Inhaftierung denkt Amanda Knox mehrmals an Selbstmord, schreibt sie. Die möglichen Selbsttötungsmethoden hält die Gefangene in ihrem Tagebuch als makabre Liste fest: Vergiftung mit Javelwasser, Glasscherben schlucken, den Kopf gegen die Wand schlagen, Erhängen oder «weniger effizient, aber würdevoller, verbluten». Ein Sprecher von Harper Collins, dem Verleger des Buches, hatte im Vorfeld angekündigt, dass Amanda Knox nicht nur den Mordfall (siehe Box) aus ihrer Sicht schildern werde, sondern auch auf die «Komplexitäten des italienischen Justizsystems» eingehen werde.

Aber nicht nur gegen das Justizsystem erhebt Knox schwere Vorwürfe, so sollen die Gefängniswärter sie immer wieder sexuell belästigt haben, und sogar der Vizedirektor der Gefängnisses, Raffaele Argrio – der mittlerweile in Pension gegangen ist –, soll seine Macht missbraucht und Amanda Knox immer wieder sexuell bedrängt haben. Laut Knox sei Argrio «besessen vom Thema Sex» gewesen und habe sie immer wieder nach ihren sexuellen Vorlieben gefragt. Einmal soll er sie sogar angelogen und behauptet haben, dass er HIV positiv sei, aber trotzdem immer noch mit ihr «Sex haben» wolle. Argrio weist die Anschuldigungen als Lügen zurück. Bereits in der Nacht nach ihrer Verhaftung sollen sich italienische Beamte an ihr vergriffen haben. Ein Arzt habe sie mit den Fingern im Intimbereich angefasst und sie fotografiert – wobei mehrere männliche Polizisten die ganze Zeit zugeschaut hätten.

Was geschah in der Tatnacht?

Speziell interessieren wird die Leser wahrscheinlich Knox' Schilderung der Tatnacht, über die verschiedene Versionen existieren und die auch während des langen Prozesses nicht exakt rekonstruiert werden konnte. Nach Angaben von Amanda Knox habe sie in der fatalen Nacht gemeinsam mit ihrem damaligen Freund, Raffaele Sollecito, einen Joint geraucht, was so «üblich wie ein Teller Pasta» gewesen sei. Danach habe sie während einer Stunde oder länger Beatles-Lieder auf der Gitarre gespielt und sei dann mit ihrem Freund zu ihm nach Hause gegangen. Dort hätten sie den Film «Amélie» vom Netz geladen und einen weiteren Joint geraucht. Später habe sie ihm «auf Deutsch aus Harry Potter» vorgelesen.

Die Biografie von Sollecito ist bereits im letzten Herbst erschienen. In «Honor Bound – My Journey to Hell and Back with Amanda Knox» beschreibt der ehemalige Mitangeklagte seine Zeit vor und nach dem Mordfall, wobei er vor allem seine Beziehung mit Amanda Knox detailliert wiedergibt. Das Buch fand bisher allerdings nicht viel Beachtung.

Erstellt: 25.04.2013, 14:19 Uhr

Erscheinen am 30. April: Die Memoiren von Amanda Knox.

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Amanda Knox' letzter Appell an die Richter (3.10.2011)

Der Fall Knox

Die US-Studentin Amanda Knox soll laut Anklage 2007 in der italienischen Universitätstadt Perugia zusammen mit ihrem Freund Raffaelle Sollecito und einem weiteren Mann (Rudy Guede) ihre Mitbewohnerin, die Studentin Meredith Kercher, brutal getötet haben. Kercher war Anfang November 2007 mit durchschnittener Kehle, vergewaltigt, halbnackt und von Messerstichen übersät in ihrer und Knox' gemeinsamer Wohnung in Perugia gefunden worden.
Die drei Angeklagten wurden 2009 zu 26 (Knox), 25 (Sollecito) und 30 (Guede) Jahren Haft verurteilt.

Vier Jahre nach dem umstrittenen Schuldspruch hob ein Berufungsgericht die Strafe 2011 wieder auf. Amanda Knox kehrte in ihre Heimatstadt Seattle zurück.
2012 gehen die Familie des Opfers und die Staatsanwälte in Berufung beim Kassationsgerichtshof, der letzten Instanz in Italien.
Der Mordprozess wird in Italien wieder aufgenommen, weil das höchste italienische Gericht Ende März 2013 den Freispruch für die amerikanische Studentin und ihren Ex-Freund Raffaele Sollecito aufgehoben hat. Damit muss es einen weiteren Prozess gegen die beiden geben. Er soll von einem Gericht in Florenz verhandelt werden.

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