Legastheniker, aufmüpfiger 68er, Nobelpreisträger

Mit dem 75-jährigen Jacques Dubochet wurde ein unkonventioneller Forscher für seine Leistungen ausgezeichnet.

Jacques Dubochet auf dem Gelände der Universität Lausanne, wo der Biophysiker bis 2007 eine Professur innehatte. Foto: Fabrice Coffrini (AFP)

Jacques Dubochet auf dem Gelände der Universität Lausanne, wo der Biophysiker bis 2007 eine Professur innehatte. Foto: Fabrice Coffrini (AFP)

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Jacques Dubochet bringt selten etwas aus der Fassung. Doch nach dem gestrigen Telefonanruf aus Stockholm irrlichterten seine Gedanken für einen Moment. Der frisch gekürte Nobelpreisträger klopfte an die Nachbarstür und rief: «Ich bekomme den Nobelpreis! Ich muss mich jetzt erst mal beruhigen.» Dann stob er davon. Als sich das Gefühlschaos aus Genugtuung, Ehre, Ehrfurcht und Respekt endlich gelegt hatte, setzte sich der 75-Jährige auf sein Velo und radelte zur Universität Lausanne, wo der Biophysiker bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2007 eine Professur innehatte.

«Die Wissenschaft hat mir das Leben gerettet», gestand Dubochet am Abend in der Radiosendung «Forum». Jacques Dubochet witzelt gerne. Aber mit diesem Satz war ihm ernst. Sein Wissensdurst ist sein Lebenselixier. Über alles, was ihn umgibt, und alles, was um ihn herum geschieht, stellt er Fragen, formuliert Hypothesen und sucht bei Problemen nach Lösungsansätzen.

Er versucht auch andere zu Wissen zu drängen. Dafür wählt er Artikel aus Fachzeitschriften wie «Science» und «Nature» aus, formuliert sie in eine einfache Sprache um und verschickt sie an Bekannte. Manch einen erinnert Dubochets Art an das Gebaren des genialen Erfinders Professor Bienlein aus dem Comic «Tim und Struppi».

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Angst vor der Dunkelheit

Der unbedingte Drang zum Wissen prägte Jacques Dubochet schon als Kind. Als Fünfjähriger ängstigte er sich vor der Dunkelheit. Also ging er in Aigle, wo er aufwuchs, in die Gemeindebibliothek, um das Geheimnis der Dunkelheit zu erforschen, und erfuhr, dass das Licht immer wiederkommt. Das Problem war gelöst. Er hatte seine Angst im Griff.

Dubochet war ein intelligenter, aufgeweckter Junge. Doch er hatte ein Problem mit dem Verstehen und Lesen von Texten. Dyslexie, konstatierten die Waadtländer Schulpsychologen und fanden damit den ersten Fall von Legasthenie in der Geschichte des Kantons Waadt. Wäre es nach dem Willen der Schulpflege gegangen, wäre Jacques Dubochet separiert und in eine Sonderschule abgeschoben worden. Doch er kam aus der bürgerlichen Oberschicht. Sein Vater war Ingenieur und Spezialist für grosse Infrastrukturbauten wie Bahnlinien.

Die Eltern wehrten sich mit aller Macht, dass man den kleinen Jacques aus der Regelschule ausschloss. Mit Erfolg. Er verdanke seine Karriere einem Schuldirektor, der «schlau genug» ge­wesen sei, ihn in die Primarschule aufzunehmen, erinnert sich Dubochet. Und heute könne er Menschen mit Dyslexie versichern: «Wir sind nicht dümmer als die anderen!»

«Ich bin sehr dankbar»: Der frisch gebackene Nobelpreisträger für Chemie Jacques Dubochet. (Video: SDA-Keystone)

Die Kantonsschule besuchte er im ausserrhodischen Trogen, die für ihren liberalen Geist bekannt war. Später erfasste ihn der Geist der 68er-Bewegung. Er unterzog sich einer Psychotherapie, heiratete eine Künstlerin und verabschiedete sich definitiv von erstarrten gesellschaftlichen Konventionen.

Vielleicht hat der Umgang mit eigenen Schwächen dazu geführt, dass Jacques Dubochet der Sozialdemokratischen Partei beitrat und heute selbst für Schwächere da ist. So engagiert er sich seit Jahren für Flüchtlinge, nicht über Institutionen, sondern ganz persönlich. Derzeit beherbergt er zu Hause eine junge Frau. Er kümmert sich insbesondere um ihre Ausbildung, wie er dies auch bei anderen Flüchtlingen tut. Darüber hinaus engagiert sich der pensionierte Universitätsprofessor an einer Senio­renuniversität.

Steter Vermittler

Seit mehreren Legislaturen sitzt er im Parlament der Stadt Morges, bringt sich insbesondere bei Umweltthemen ein und ist ein steter Vermittler zwischen der Ratslinken und der Ratsrechten. Dort hat ihn auch die Waadtländer Regierungspräsidentin Nuria Gorrite, damals noch Stadträtin, kennen gelernt. Sie sagt: «Jacques Dubochet ist ein Humanist und Altruist, der nie in seinem Labor lebte, sondern als Politiker einen Beitrag für die Gesellschaft leisten wollte.»

Eric Voruz, ehemaliger Stadtpräsident von Morges und Nationalrat, ist vor allem eines aufgefallen: «Wenn wir mit ihm diskutierten, war er immer schon einen Gedanken weiter.» Das war bei Jacques Dubochet auch gestern der Fall. Er sah sich bereits an der Übergabezeremonie in Stockholm und gestand: «Ich habe ja gar keine passenden Kleider dafür.»

Video: Wie die Schweiz vom Nobelpreis profitieren kann

Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Wissen-Chef Niklaus Walter zur Bedeutung dieser Auszeichnung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2017, 23:14 Uhr

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