Interview

«Literatur ist kein Ersatz für Gerechtigkeit»

Nach monatelangem Schweigen spricht Tristane Banon über die Hölle, zu der ihr Leben seit der Verhaftung von Dominique Strauss-Kahn in New York wurde. Erschütternd.

«Es braucht 120 Seiten»: Tristane Banon über ihre Sicht der Affäre Strauss-Kahn.

«Es braucht 120 Seiten»: Tristane Banon über ihre Sicht der Affäre Strauss-Kahn. Bild: Joel Saget/AFP

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Sie war eine der Protagonistinnen des düsteren Medienspektakels, das das Jahr 2011 prägte. Tristane Banon, «die andere Frau, die DSK anklagt». «Die Französin.» «Die Schriftstellerin.» Die, auf der alle Hoffnungen der sexuell belästigten oder missbrauchten Frauen ruhen, die es nicht wagen, Anklage zu erheben. Und die, die man von Anfang an verdächtigte, sich «aufspielen» zu wollen oder einer gewissen Rechten zu nahe zu stehen, die am Fall des Sozialisten interessiert ist.

Als die Sache mit einer Hotelangestellten in New York aufflog und die Journalisten die Klagen ausgruben, die Tristane Banon schon 2007 erhoben hatte, schwieg die junge Frau und zog sich zurück. Sie versuchte dem hysterischen Medienrummel zu entkommen, der sie bis an ihren Zufluchtsort verfolgte. Sie sagte nichts, also hörte man auf jene, die zu wissen behaupteten. Man gab ihre Aussagen wieder, einige falsch, andere richtig.

Jetzt legt Tristane Banon das Schweigen ab in «Der Ball der Heuchler», einem erschreckenden Bericht, Zeugnis des menschlichen Wahnsinns in seiner ganzen Hässlichkeit. Denn das gehört auch zum Schriftstellersein: sich der eigenen Geschichte zu bedienen um die Verirrungen der Menschheit zu erzählen. Erschütternd, aber notwendig. Eine Begegnung.

Von welchem Gefühl wurden Sie beim Schreiben getrieben? Ich schrieb den «Ball der Heuchler» nicht, ich spie ihn aus. Ich stellte mir keine Fragen, dachte weder an eine Veröffentlichung noch an das Danach. Ich schrieb, weil es für mich das einzige Mittel ist, meine Wahrheit irgendwo existieren zu lassen und nicht völlig überrollt zu werden von der Lawine wahrer, aber auch falscher Informationen, die von der Presse verbreitet werden. Das Buch beginnt am 13. Mai und endet am 2. Juli, zwei Tage vor der Ankündigung meiner Klageeinreichung. Zu der Zeit bin ich noch die ‹Frau des Schweigens›: Ich antworte der Presse nicht, kein Wort, man sagt alles Mögliche von mir und ich reagiere nicht, ich stecke ein. Ich brauchte Zeit um zu beschliessen, dieses Buch zu veröffentlichen, es war nicht einfach für mich. Der Beweis dafür: Es war seit Mitte Juli fertig und ich wartete bis am 13. Oktober, um der Auslieferung an die Buchhandlungen zuzustimmen. Ich wollte nicht, dass man es als ‹Coup› meinerseits sehe, als Strategie, mit einer düsteren Geschichte Geld zu machen. Aber wenn das Opfer erklären soll, warum es so lange brauchte, um Anklage zu erheben, ist mehr als nur die Zeit eines Interviews nötig: Es braucht 120 Seiten!

Was hoffen Sie in jenem Moment? Literatur als Ersatz für Gerechtigkeit?
Literatur kann Gerechtigkeit nie ersetzen. Beim Schreiben hoffte ich nichts anderes, als meine Wahrheit irgendwo festzuhalten. Ich sage meine Wahrheit, denn auch wenn ich weiss, dass sie hier auch die Wahrheit ist, verstehe ich, dass man zweifeln kann, mir nicht aufs Wort glaubt. Während ich dieses Logbuch schrieb, war meine einzige Sorge, nicht verrückt zu werden angesichts der Medienhysterie. Eine solche Medienflut ist brutal und höchst selten. Die Affäre Strauss-Kahn, von Nafissatou Diallo über mich bis zum Carlton in Lille, war weltweit das am meisten mediatisierte Ereignis seit dem 11. September. Da mitten drin zu stehen, das ist zum Aus-dem-Fenster-springen! Da muss man Strategien finden, um zu überleben. Gewisse Leute boxen, ich schreibe.

Bei Ihnen scheint Schreiben immer Therapie. Wie wird man genau durch Schreiben gerettet?
In Wirklichkeit ist es das erste von fünf Büchern, bei dem das Schreiben therapeutisch ist. Ich bin der Autofiktion verschrieben, das ist klar, ich liebe es, Autofiktion zu lesen und zu schaffen und ich glaube nicht, wie es zum guten Ton gehört, dass es sich dabei um eine literarische Untergattung handelt. Von Flaubert bis Angot, über Breat Easton Ellis, Sagan oder Zola ist alles Autofiktion. Mir gefällt der Gedanke, dass der Leser das Umfeld des Autors über seine mehr oder weniger getarnten Erfahrungen kennenlernt. Aber ich glaube, dass man zum Schreiben einer Autofiktion die Therapie schon hinter sich haben muss. Dass das Problem geregelt sein muss. Aber hier wird das Schreiben zum ersten Mal zur Therapie. Trotzdem pflege ich meine Sätze, wähle die Worte, ich versuche, einen schönen Aufschrei zu schaffen. Denn es geht um einen Aufschrei. Wenn gewisse Literaturkritiker sagen, ich habe aus dieser Geschichte «Literatur gemacht», bin ich sehr stolz darauf, denn ich wollte, dass an dieser ganzen Sache wenigstens etwas schön sei. Denn ansonsten geht es um eine ziemlich hässliche Geschichte: sich missbrauchen zu lassen, auf sein Recht zu pochen hat nichts Schönes an sich.

In diesem Buch lehnen Sie sich gegen all jene auf, die sich Ihre Geschichte angeeignet haben. Haben diese Sie stärker verletzt als Ihr Angreifer?
Nein, niemand hat mich so sehr verletzt wie er. Man darf nicht alles durcheinanderbringen: die Journalisten, die «Denker», die sich erlaubten, mich zu verurteilen ohne die Wahrheit zu kennen, die Politiker, keiner von ihnen hat mich am 11. Februar 2003 in dieser Junggesellenwohnung missbraucht! Nein, dafür ist allein der Pavian verantwortlich. Dann die Medienlawine, der Sturzbach von Absurditäten, die ich über mich lesen und hören musste, ja, das ist eine zweite Aggression. Das ist grässlich, ich wünsche es niemandem.

Worunter haben Sie am meisten gelitten während dem Sturm?
Unter dem Schweigegebot, das ich mir auferlegt hatte. Wenn ein diffamierender Artikel über mich herauskam, nahm ich die Berichtigungsrechte nicht wahr. Ich wollte nicht da hinein geraten. Wenn ich Abscheuliches las, hätte es nur drei Minuten und einen Anruf an die Redaktionen gebraucht, um Fehler richtig zu stellen, aber ich schwieg. Ich hielt das Tribunal der Medien nicht für das richtige, glaubte, dass nur die Justiz die Wahrheit kennen solle. Psychologisch war das sehr hart und vielleicht war es zum Teil auch falsch, denn die gegnerische Seite hat in diesem Kampf schnell die Vorteile der Verurteilung durch die Medien erkannt.

Haben Sie den Eindruck, dass der Umstand, dass Sie Schriftstellerin sind, ein Nachteil für Sie war?
Natürlich! Man konnte sagen, ich verwechsle die Realität mit der Fiktion, der perfekte Angriff, das Argument ist einfach, aber überzeugend! Die Gegenseite hat das begriffen und schnell eine ganze Verleumdungsmaschine in Gang gesetzt über das geistige Ungleichgewicht des Autors. Es ist absurd, das wäre, wie wenn man behaupten würde, der Verfasser von Superman habe geglaubt, er könne fliegen! Ich glaube nicht, dass er gestorben ist beim Versuch, durchs Fenster davonzufliegen ...

Man verdächtigte Sie auch, berühmt werden zu wollen ...
Wissen Sie, sexuelle Übergriffe auf Frauen sind die einzigen Verbrechen, bei denen das Opfer als Angeklagte behandelt wird! Man sucht immer nach einem Laster, Fehler, Beweggrund, einem Interesse. Bei mir wäre es die Berühmtheit, die Angestellte wäre auf der Suche nach einer Beförderung, die Putzfrau nach Geld! Man muss aufhören mit diesen ständigen Unterstellungen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Person, die einigermassen denken kann, glaubt, man könne Anklage wegen versuchter Vergewaltigung erheben, es aushalten, seine Geschichte Wachtmeistern klinisch genau zu erzählen, während sechs Stunden, um der Berühmtheit willen. Für so etwas «berühmt» zu sein heisst, dass jeder, der Sie auf der Strasse anspricht, weiss, was Ihnen widerfahren ist, im Detail. Das ist schwierig zu ertragen. Diese Bekanntheit kann vernünftigerweise kein Ziel sein. Seien wir seriös!

Was gab es bis jetzt für Reaktionen?
Die Reaktionen, die mich am meisten berühren, kommen von jenen, die mein Buch nicht lesen wollten, weil sie diese Geschichte «bis oben hin» hatten. Als Autorin bekam ich das schönste Kompliment von Eric Naulleau in seiner Pariser Kultursendung «Ça balance à Paris». Wenn er mir sagt: «Sie machen Literatur daraus», lässt er mich als Schriftstellerin wieder aufleben, über die Affäre hinaus ... Das ist wie eine Wiedergeburt.

Wie fühlen Sie sich heute?
Ich habe keine Antwort auf diese Frage, noch nicht. Man erholt sich von einer solchen Geschichte nicht so leicht. Es war brutal, wissen Sie? Ich weiss nicht, was ich Ihnen sagen soll, wie es mir geht, es ist noch zu früh dazu, darum glaube ich, es ist besser, ich schweige.

Übersetzung: Sibylle Bühler Beltran

Erstellt: 30.11.2011, 16:24 Uhr

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