Rebell gegen den Körperscanner

Der Amerikaner John Tyner wollte sich am Flughafen nicht durchsuchen lassen – und wurde zum Volkshelden.

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Eigentlich wollte John Tyner am vergangenen Samstag mit seinem Vater zur Fasanenjagd nach South Dakota fliegen. Daraus wurde nichts. Stattdessen erlangte Tyner, ein 31-jähriger Programmierer aus Oceanside nahe San Diego, Kultstatus. Denn John Tyner verkörpert zum richtigen Zeitpunkt den wachsenden Unmut der Amerikaner über die zusehends wahnwitzigeren Sicherheitsvorkehrungen auf amerikanischen Flughäfen und sprach dem Volk aus der wütenden Seele.

Zuerst weigerte sich Tyner, dieser Rebell wider Willen, auf dem Flughafen in San Diego durch einen der neu installierten Ganzkörperscanner zu marschieren. Das sei eine «Verletzung der Privatsphäre», motzte er. Immerhin durchleuchten die Maschinen die Passagiere derart, dass auf den Bildschirmen des Sicherheitspersonals sämtliche Genitalien abgebildet werden.

«Staat hat Rechte genommen»

Wer ablehnt, sich röntgen zu lassen, wird seit Oktober vom Wachpersonal der Transport Security Administration (TSA) eingehend durchsucht, wobei sich die Klagen bereits häuften: Krude griffen die Wächter zwischen die Beine, nichts sei vor ihren begierigen Händen sicher. John Tyner weigerte sich jedenfalls, eine verschärfte Durchsuchung über sich ergehen zu lassen. Und sein eingeschaltetes Handy nahm die Konversation zwischen ihm und dem TSA-Personal auf.

«Wenn Sie meinen Krempel berühren, lasse ich Sie festnehmen», warnte Tyner den TSA-Mann, worauf dieser sofort seine Vorgesetzten einschaltete. Er verstehe nicht, so Tyner erbost, «warum sexuelle Nötigung eine Bedingung für meinen Flug ist». Wer fliege, trete eben gewisse Rechte an den Staat ab, erwiderte ein TSA-Mann daraufhin, was Tyner zurückwies: «Ich habe kein Recht an den Staat abgetreten, der Staat hat mir nach 9/11 meine Rechte genommen.»

Proteste im Gang

Prompt wurde dem renitenten Programmierer der Flug verweigert, man eskortierte ihn aus dem Sicherheitsbereich zurück in die Abfertigungshalle. Zu Hause lud Tyner den aufgenommenen Dialog auf Youtube und auf seinen Blog – und wurde damit zu einer Sensation. Zehntausende Amerikaner hörten zu – und schlugen sich auf John Tyners Seite.

Sei es aus Prüderie oder tatsächlicher Angst vor staatlichen Angriffen auf die Privatsphäre: Die Entblössungen und Entwürdigungen beim Fliegen haben eine Protestbewegung geboren, die kommende Woche am Tag vor Thanksgiving, dem wichtigsten amerikanischen Reisedatum, die Flughäfen ins Chaos stürzen will: Passagiere sollen die Fullbody-Durchleuchtung ablehnen und somit das TSA-Personal zum zeitraubenden Grapschen zwingen. Männern wird überdies das Tragen eines Kilts auf herkömmliche schottische Weise – also ohne Unterhosen! – empfohlen, um die Sicherheitsmaschinerie in Verlegenheit und damit ins Schleudern zu bringen.

John Tyner freilich muss nun mit Konsequenzen für seine Verweigerungshaltung rechnen. Zwar erstattete ihm die Fluggesellschaft die Kosten für das Ticket, doch kündigte die TSA an, man werde gegen ihn ermitteln und möglicherweise eine Geldstrafe von über 10 000 Dollar verhängen.

Seine zahlreichen neuen Fans würden ihm die Summe gewiss schenken. Tyner drängt es indes nicht ins Rampenlicht. «Ich bin mir nicht sicher, ob ich die richtige Person bin, um eine Volksbewegung zu starten», sagte er. Für derlei vornehme Zurückhaltung dürfte es zu spät sein. Fast jeder kennt inzwischen die Story von John Tyner und seinem «Krempel». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.11.2010, 23:31 Uhr

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