Sie lieben und sie prügeln sich

Niemand weiss, warum der «Blick» die Figur Vera Dillier so innig liebt. Der jüngste Artikel zu ihren «Sexferien»zeigt: Die Beziehung der beiden ist dysfunktional.

Eines von sehr, sehr vielen Kapiteln: Vera Dillier in der heutigen Ausgabe des «Blick».

Eines von sehr, sehr vielen Kapiteln: Vera Dillier in der heutigen Ausgabe des «Blick».

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Das schmerzt selbst den abgebrühtesten Medienkonsumenten: wie Vera «Alter geheim» Dillier sich heute im «Blick» präsentiert. Oder wird sie vielleicht eher vorgeführt? Unter dem Titel «Sexferien bei den Gauchos» wie Frau Dillier (eine «Jetset-Lady») mit einem 40-jährigen Argentinier Beischlaf pflegt. Und dass sie sich deswegen Schuhe und Dessous gekauft hat. Diese Null-Meldung mit null Inhalt könnte man ja mit etwas gutem Willen verteidigen. Man könnte darauf hinweisen, dass der «Blick» eben ein Boulevard-Medium ist und Frau Dillier – nun, eine Figur. Aber die Bilder von Frau Dillier zum Artikel grenzen an Misshandlung - zumindest des Lesers, beziehungsweise Betrachters. Hätte man nicht wenigstens auf das Leopardenmuster beim Bettüberwurf verzichten können? Und das lose Fleisch ein wenig retouchieren? Wo bleibt der Photoshop-Doktor, wenn man ihn einmal braucht?

Natürlich dürfen sich auch Frauen im reiferen Alter erotisch präsentieren. Ich habe nie verstanden, warum man Madonnas Freizügigkeiten niederzuschreiben begann, sobald sie 50 wurde. Aber das hier ist etwas anderes. Wenn der Artikel sonst für nichts gut ist, wenigstens kann er Frauen als Warnung dienen: Es gibt einen Unterschied zwischen Erotik und Sexyness. Erotik ist zeitlos. Aber Sexyness ist ein Privileg der Jugend. Wer das nicht einsieht, wird zur Witzfigur. Dass viele Frau Dillier längst so kategorisieren, ist mir bekannt. Doch dieser Witz ist nur noch tragisch.

Die Frage, warum sich Frau Dillier das antut, kann wohl nur sie selbst beantworten. Wahrscheinlich trainiert sie eisern und hält Diät und glaubt, dass das Resultat ihrer Bemühungen die ganze Welt so begeistern würde wie sie selbst. Leider scheint ihr niemand nahe genug zu stehen, um sie über ihren Irrtum aufzuklären. Ausser vielleicht ihr Hund, aber der kann ja nicht reden.

Der Schluss liegt nahe, dass es eine Art Co-Abhängigkeit gibt zwischen der publicitysüchtigen Frau und der zynischen Boulevard-Redaktion. Jedenfalls werde ich den Verdacht nicht los, dass die «Blick»-Redaktion sich in voller Absicht für jene Bilder entschieden hat, auf denen Dilliers «Luxuskörper», wie es in der Bildlegende genüsslich heisst, möglichst unvorteilhaft aussieht. Das scheint für Aussenstehende zwar niederträchtig, dürfte für die Beteiligten aber eine innere Logik haben.

Letztlich ist das Verhältnis «Blick»-Dillier eben ein ähnliches wie eine Ehe mit einem gewalttätigen Partner: Wollen Aussenstehende eingreifen, verhält sich der Geschlagene Partner oft solidarisch zum Prügler und lässt sich nicht helfen. Dem besorgten Zuschauer bleibt nur übrig, sich schaudernd abzuwenden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.01.2015, 12:57 Uhr

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