Sie will kein Kind des Hasses sein

Ajna Jusic aus Bosnien und Herzegowina lebt, weil ihre Mutter im Krieg vergewaltigt wurde.

Sie ist eines der etwa 4000 Kinder des Krieges. Foto: PD

Sie ist eines der etwa 4000 Kinder des Krieges. Foto: PD

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Wenn Ajna Jusic in ihrem Heimatland Bosnien offizielle Formulare ausfüllen muss, stösst sie an Grenzen. Zwischen ihrem Vornamen und dem Nachnamen der Mutter klafft ein Loch. «Name des Vaters». Die Frage nach ihrem Vater ist für viele ein Tabu. Ajna ist für viele ein Tabu. Bis zu 50'000 Frauen wurden während des Bosnienkriegs vergewaltigt, mehrheitlich Musliminnen, darunter Ajna Jusics Mutter. Ajna ist eines der etwa 4000 «children born of war», Kinder des Krieges.

Jusic kam 1993 zur Welt. Als sie 15 war, erfuhr sie, weshalb. Sie fand Dokumente eines Frauenschutzhauses, psychologische Gutachten, in denen das Grausame im Detail dokumentiert wurde. Ihr Leben brach zusammen. Lange schwieg sie. Suchte dann psychologische Hilfe. Es dauerte mehrere Jahre, bis sie und ihre Mutter über das, was passiert war, offen sprechen konnten. Ihre Beziehung wurde besser. Sie würden die Last nun gemeinsam tragen, sagte sie.

Und es gebe eine Stütze in ihrem Leben: ihr Stiefvater, er, der im Bosnienkrieg gekämpft hatte und danach im Leben keinen Sinn mehr sah, bis Ajna und ihre Mutter kamen. «Sei stark», habe er ihr gesagt. Ihr ganzes Leben lang sei sie darauf angewiesen gewesen, dass ihre Familie sie beschütze, vor der Gesellschaft, die nicht mit den Konsequenzen des Verbrechens umgehen könne.

Täter, nicht Opfer, verurteilen

Bis heute werden vergewaltigte Frauen in Bosnien stigmatisiert. Für ihre Kinder interessierte sich lange niemand. Ajna wurde in der Schule als Bastard beschimpft. Lange haben diese Kinder geschwiegen. Ajna Jusic, heute 25, gibt ihnen eine starke Stimme und ermutigt sie, ihre eigene zu finden. Zusammen mit einem jungen Mann mit demselben Schicksal gründete sie die Organisation «Vergessene Kinder des Krieges». Dazu gehören auch Kinder von Vätern, die in internationalen Missionen in Bosnien stationiert waren. Auch sie haben Frauen aus Bosnien vergewaltigt.

Die Kinder sollen sich nicht mehr vor Beamten erklären müssen, wenn sie den Namen des Vaters nicht nennen können.

Als Präsidentin der Organisation spricht Jusic an internationalen Konferenzen über sexualisierte Gewalt im Krieg und die Folgen. Sie teilt ihre Geschichte an Treffen mit Jugendlichen aller ethnischer Gruppen – Serben, Kroaten und Bosniaken, sie sagt, Vergewaltigung habe keine Nationalität, sie sei eine traumatische Erfahrung und gehe alle etwas an. Im Frühjahr organisierte sie eine Fotoausstellung in der Hauptstadt Sarajevo mit. Damit bekamen die Kinder eine Stimme und ein Gesicht. Auf den Bildern zu sehen: die heute erwachsenen Kinder und ihre Mütter. Es ist neu in Bosnien, dass diese tabuisierte Vergangenheit öffentlich diskutiert und gezeigt wird.

Jusic wird angetrieben von der Überzeugung, dass jedem Menschen seine Würde zusteht. Nicht die Opfer, sondern die Täter sollten verurteilt werden, findet sie. Die Kinder sollen im Rechtssystem als Kriegsversehrte anerkannt werden. Und sie sollen sich nicht mehr erklären müssen vor Beamten, wenn sie den Namen des Vaters nicht nennen können.

Ajna Jusic hofft auf eine Gesellschaft, die sich von der Vergangenheit löst und sich ihrer Vielfalt besinnt. Nicht durch Vergessen, sondern durch Anerkennung von dem, was ist, und jenen, die sind.

Erstellt: 18.08.2019, 18:55 Uhr

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