Spion, Gynäkologe, Banker – und vor allem Betrüger

Mark Ackloms «Flucht» endete in Wädenswil. Er ahnte es wohl, als es klingelte. Blick auf eine unglaubliche Geschichte.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er dürfte etwas geahnt haben. Denn als die Polizei vergangenen Samstagabend bei Mark Acklom zu Hause klingelte, sprang er vom Balkon seiner Luxuswohnung in Wädenswil und rannte. Zwei Beamte der Kantonspolizei setzten dem meistgesuchten Betrüger Europas nach, packten ihn und rangen ihn nieder, so steht es in der Polizeimeldung. Jetzt sitzt er in einem Zürcher Gefängnis und wartet auf seine Auslieferung.

Porsches, Maseratis, Jets

Es ist nicht die erste Zelle, die Mark Acklom, alias Marc Ros Rodriguez, Zac Moss, Mark Conway, George Kennedy oder Marc Saunders von innen sieht. Er sass bereits in England im Jugendknast und mehrmals in Spanien im Gefängnis. Die letzten Jahre bewegte er sich vornehmlich in Südeuropa, Italien und Spanien, war aber auch in Genf und zuletzt in Zürich aktiv. Er gab sich aus als Banker, Immobilienmakler, Eventmanager, Gynäkologe oder Spion. Seine liebsten Opfer waren Frauen, aber auch Ärzte, Immobilienhändler, Geschäftsleute und Manager fielen auf ihn herein. Stets trat er gepflegt auf, fuhr in Porsches, Maseratis, BMWs vor, ass in den ausgesuchtesten Restaurants, reiste nur erste Klasse, charterte auch mal einen Privatjet oder Helikopter. Die Rechnungen bezahlten immer andere. Meistens ohne es zu wissen.

Mit der Attitüde eines Wallstreet-Bankers: Mark Acklom als 18-Jähriger vor Gericht. Foto: Dukas, PA Photos

In Wädenswil kennt man den Mann nicht. Weder die Frau am Bratwurststand noch Gemeindepräsident Philippe Kutter haben zuvor je von ihm gehört oder ihn gesehen. Polizei und Fedpol machen um die Angelegenheit ein grosses Geheimnis. Auf die Frage, ob auch in der Schweiz etwas gegen ihn vorliege, antwortet man bei der Staatsanwaltschaft schmallippig, davon habe man keine Kenntnis. Dass Acklom hier geschnappt wurde, passt aber, denn er gab sich besonders gern als Schweizer Banker aus. So auch in seinem am besten dokumentierten Fall, bei dem er einer Frau ihr ganzes Erspartes abknöpfte. Dann machte er sich aus dem Staub.

Aus dem Lehrbuch des Hochstaplers

Begonnen hatte alles an einem Donnerstagnachmittag im Januar 2012. Kurz vor fünf spazierte Mark Acklom in Carolyn Woods’ Kleiderboutique in den Cotswolds, nahe Bristol, und erkundigte sich nach einem Jackett, das er im Schaufenster erspäht hatte. Carolyn Woods war damals 55, geschieden nach 23 Jahren Ehe und seit neun Jahren single. Sie erkannte sofort, dass Acklom kein gewöhnlicher Kunde war: gross, gut gekleidet, eine beeindruckende Figur. Er war charmant, aufmerksam, witzig, suchte Augenkontakt und brachte sie dazu, etwas zu tun, was sie sonst nie tat. Sie gab ihm ihre Telefonnummer.

Carolyn Woods erzählt von ihrer Begegnung mit Mark Acklom. (Video: BBC West Points)

Sie wusste nicht, dass sie gerade den Mann getroffen hatte, der als grösster Hochstapler Englands bekannt werden würde. Sein Name sei Mark Conway, sagte er ihr, es war die erste Lüge von vielen. Im Laufe der folgenden eineinhalb Jahre würde er eine Lügenorgie veranstalten, sie um ihr ganzes Erspartes betrügen, ihr Glück, ihre Karriere, ihre Zukunft und ihr Selbstvertrauen zerstören und sie an den Rand des Suizids treiben. Aber als sie kurz nach ihrem Zusammentreffen auf ein erstes Date gehen, ist sie hin und weg.

Woods ist eine auffallend gut aussehende, energisch wirkende Frau, die in keiner Art und Weise naiv wirkt. Sie ging mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit, weil sie keinen anderen Ausweg mehr wusste. Weil die Polizei sie nicht ernst nahm und allein drei Monate brauchte, um ihre Anzeige aufzunehmen. Ihre Berichte sind detailliert und lassen einen Einblick in die Skrupellosigkeit solcher Betrüger zu.

Die perfiden Spiele des Betrügers

Die US-Psychologin Maria Konnikova schreibt in ihrem Buch «The Confidence-Game», Menschen in Übergangsphasen seien besonders beliebte Opfer von Hochstaplern. Diese wissen ganz genau, wie sie das Vertrauen ihrer Opfer gewinnen, sind exzellente Gesellschafter und Zuhörer und faszinierende Persönlichkeiten. Sie spiegeln ihre Opfer bis hin zur Körpersprache, erzählen gern auch von eigenen Fehlern und Sehnsüchten. Acklom erzählte Woods, er sei 46, single, ein Schweizer Banker. Er gestand ihr auch, er sei nicht normal, nicht wie andere Menschen. Später machte er ihr weis, er arbeite für den Geheimdienst MI6. Sie fand das aufregend.

Acklom vor Gericht in Spanien. Video: Youtube/VIDEOS-CARTAGENA AgenCYA

Heute weiss Woods, dass Acklom die ganze Aktion minutiös geplant hatte. Er muss um ihre persönliche Situation gewusst haben – sie war gerade in eine neue Gegend gezogen, hatte einen neuen Job und Freundeskreis. Er wusste auch, dass sie ihr Haus verkauft und entsprechend viel Geld auf der Bank hatte, obschon von aussen nichts darauf schliessen liess. Äusserst geschickt bereitete er seinen Betrug vor: Einmal hatte er beim Shopping nicht genug Bargeld auf sich, Woods lieh ihm die fehlenden 30 Pfund. Als sie ihr Geld später zurückforderte, machte er ein grosses Drama. Ob sie ihm denn nicht vertraue. Wegen eines so winzigen Betrags! Sie fühlte sich deswegen gemein und schrecklich. Als sie ihn später am Telefon mit jemand anderem über Cashflow-Probleme sprechen hörte, bot sie ihm ihr Geld an. Er nahm es gern. Zunächst waren es 26'000 Pfund, er brauche das Geld für die Renovation eines kleinen Hauses, das er für sie beide kaufen wolle, sagte er ihr. Sie glaubte ihm. Sie gab ihren Job auf und zog mit ihm zusammen in eine Luxuswohnung. Er hatte die Miete dafür von ihrem Geld bezahlt, was sie nicht wusste. Dann wollte er mehr Geld und sie gab mehr. Sie vertraute ihm, sie liebte ihn, wollte ihn heiraten.

Das liest sich wie aus dem Lehrbuch der Hochstapler. Sie machen ihre Opfer zu Komplizen, bringen sie dazu, Dinge zu tun, die sie sonst nie tun würden. Konnikova schreibt dazu: «Hochstapler stehlen nicht, sie bringen andere dazu zu geben. Freiwillig.» Künstler dieser Betrugsform bringen eine extreme Sozialkompetenz mit und durchschauen Menschen schnell.

Die wahre Story

Die wahre Geschichte von Mark Acklom geht so: Aufgewachsen ist er als das älteste von vier Kindern eines Versicherungsangestellten und einer Hausfrau. Schon in der Schule fiel er wegen Betrügereien auf, als Jugendlicher stahl er der Mutter den Nerzmantel und dem Vater eine goldene Kreditkarte. Damit verprasste er Tausende von Franken im Luxuskaufhaus Harrods und liess sich im Hotel Savoy Hummer und Champagner servieren. Einen ehemaligen Lehrer brachte er dazu, 13’000 Pfund in ein «bombensicheres» Produkt zu investieren, er charterte Privatjets, um in Europa herumzufliegen, und hinterliess unbezahlte Rechnungen über 34’000 Pfund.

Er sei ein Spion, sagt er ihr, und der MI6 sei gegen ihre Beziehung.

Als 16-Jähriger gaukelte er einer Immobiliengesellschaft vor, Investment-Adviser für eine Offshore-Firma mit einem jährlichen Einkommen von 214'000 Pfund und Büros im World Trade Center zu sein. Sie investierten eine halbe Million Pfund, das Geld kam nie zurück. 1991 stand er zum ersten Mal vor Gericht wegen Diebstahl und Betrug, ein Teenager im teuren Anzug, mit breiten Hosenträgern und der Attitüde eines Wallstreet-Bankers. Da unterstützten ihn seine Eltern noch – wenig später wenden sie sich ebenfalls von ihm ab. Er wird zu vier Jahren verurteilt und sitzt zwei davon in der Strafanstalt Felton für jugendliche Täter ab.

1993 wurde Acklom freigelassen und machte weiter, wo er aufgehört hatte. 1998 wurde er in Spanien wegen Betrug zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, es folgten weitere Betrügereien und Gefängnisaufenthalte. 2009 heiratete er seine jetzige Frau, mit der er zwei Töchter hat, bis 2011 war er auch rund um Genf aktiv. Er versuchte, mit russischen Gold-, arabischen Öl- und Bank-Deals zu tricksen, gab sich aus als illegitimer Sohn von George Soros und Vertrauter der russischen Regierung mit Verbindungen zu Putin. Zwischen 2009 und 2010 gründete Acklom in England zehn verschiedene Firmen, die alle wieder eingehen, auch in der Schweiz waren vier Investment-Holdings auf den Namen Marc Ros Rodriguez gemeldet.

Der MI6-Spion

Von dem weiss Carolyn Woods nichts, als sie ihm 2012 begegnet. Sie schöpft auch keinen Verdacht, als er ihr sein grosses Geheimnis anvertraut: Er sei ein Spion des MI6. Der Geheimdienst sei gegen ihre Beziehung, sagt er ihr, warnt sie vor Security-Kameras und Ähnlichem, suggeriert, sein Leben sei in Gefahr. Sie glaubt ihm. Eines Nachmittags bringt er sie mit einer Limousine zum Hauptsitz des MI6 und sagt ihr, er müsse dort seine Chefs treffen. Er verschwindet durch einen Nebeneingang, sie sieht Sicherheitspersonal mit Maschinenpistolen. Es sind seine Komplizen, ebenso wie der Fahrer.

Es gab auch warnende Stimmen. Die Töchter fanden Acklom einen Grosskotz. Auch Woods’ Bruder machte sich Sorgen, warnte sie. Doch sie war Acklom verfallen, so sehr verliebt, dass Bekannte sie fragten, ob sie sich einem Facelift unterzogen habe. Sie glühe förmlich vor Glück. Sie sagte: Nein, ich bin verliebt! Tatsächlich isoliert er sie immer mehr. Immer öfter sitzt sie nur noch zu Hause, immer auf Abruf, er könnte sich ja bei ihr melden. Er hat ihre edelsten Eigenschaften, Loyalität, Stoizismus und Diskretion dazu verwendet, sie vollkommen zu isolieren. Sie antwortet ihrer Familie nur: Könnt ihr nicht glücklich sein für mich?

Bilder: Der Hochstapler Mark Ackloms

Mitte 2012 hatte Acklom fast eine Million Franken von ihr ergaunert, seine Geschichten wurden immer abenteuerlicher. Im Spätsommer erzählte er ihr, er würde wegen eines Gehirntumors operiert, besuchen dürfe sie ihn nicht, wegen seiner Chefs. Aber er arrangierte, sie in einer Seitenstrasse des Spitals zu treffen. Er tauchte auf mit Kopfverband und Infusion. Gegen Ende 2012 hiess es, er müsse noch eine zweite Operation machen, dann, der MI6 habe ihn nach Syrien gebracht. Sie war so in seine Story verwickelt, dass auch das Unwahrscheinliche Sinn machte. Und sonst schob sie es auf den Tumor. Tatsächlich war Acklom zu diesem Zeitpunkt mit seiner Familie in Italien und Spanien.

Das bittere Ende

Woods wartete. Alles, was ihr von ihm geblieben war, waren Schulden und ein Hochzeitskleid, das sie nie tragen würde. Er meldete sich zwar regelmässig, versprach ihr Flugtickets, damit sie sich treffen könnten, aber es klappte nie. Im Mai flog sie auf eigene Kosten nach Nizza, um ihn zu sehen, aber er tauchte nicht auf. Sie reiste zurück nach England, wo sie bei der Tochter unterschlüpfen musste, weil sie keinen Job, keine Wohnung und kein Geld mehr hatte. Mittlerweile war sie völlig fertig, suizidal. Als sie einen seiner ehemaligen Geschäftspartner kontaktierte, erfuhr sie endlich die Wahrheit. Sie ging zur Polizei. Aber dort fühlte sich niemand zuständig. Es dauerte weitere Monate, bis man sie dort wirklich ernst nahm und sich jemand des Falls annahm.

Im Internet finden sich viele Spuren seiner Betrügereien. Auf zahlreichen Websites warnen Geschädigte vor seinen Machenschaften. Immer wieder taucht die Geschichte einer angeblich tödlichen Krankheit auf, mit der er operiert. Er betreibt auch eine eigene Website, auf der er sich als Schriftsteller Marc Ros Rodriguez ausgibt und einen Roman mit dem Titel «Needless Destruction» ankündigt. Es soll um einen Mann gehen, der sich in Alicante, Spanien von einer tödlichen Krankheit erholt – und ungerecht behandelt wird. Das offensichtlich autobiografisch inspirierte Buchprojekt kam nie zustande, in den Angaben zum Autor des Blogs steht, er arbeite an einem Filmskript über sein Leben. In seiner Zelle in Zürich hat er nun genug Zeit, bis zu seiner Auslieferung darüber nachzudenken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2018, 06:31 Uhr

Artikel zum Thema

Er steht auf der «Most wanted»-Liste: Brite in Wädenswil verhaftet

Die Polizei überwachte Mark Acklom seit Tagen, jetzt schlug sie zu. Der Hochstapler war mehrere Jahre auf der Flucht gewesen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Jetzt von 20% auf alle Digitalabos profitieren

Mit dem Gutscheincode DIGITAL20 erhalten Sie 20% Rabatt auf alle nicht-rabattierten Digitalabos.
Jetzt einlösen!

Die Welt in Bildern

Abkühlung: Der kleine Gorilla Virunga wird von seiner Mutter Nalani durch den Biopark Valencia in Spanien getragen. Virunga ist der zweite Gorilla, der im Rahmen des europäischen Artenschutzprogrammes geboren wurde. (17.August 2018)
(Bild: Manuel Bruque/EPA) Mehr...