Schauspielerin Stephanie Glaser gestorben

Stephanie Glaser ist in der Nacht auf Samstag in Zürich verstorben. Die 90-jährige Schauspielerin stand bis vor kurzem noch vor der Kamera. Ihre Berufskollegen trauern um den Publikumsliebling.

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Die Schweizer Schauspielerin Stephanie Glaser ist in der Nacht auf Samstag kurz vor Mitternacht 90-jährig im Spital Zollikerberg bei Zürich gestorben. Das teilte ihr Treuhänder und Bevollmächtigter mit. Stephanie Glaser war bis zuletzt vor der Kamera gestanden.

Noch im letzten Herbst mimte sie eine schrullige Krimiautorin und Hobby-Ermittlerin im Krimi «Mord hinterm Vorhang» des Schweizer Fernsehens, im neuen Film von Sabine Boss (»Ernstfall in Havanna»).

Bei den Dreharbeiten hatte sich Glaser gewohnt textsicher gezeigt. Es war ihre letzte Hauptrolle. Auf die Frage, ob bald ein nächster Film mit ihr folge, hatte sie mit einem «Nein» geantwortet. Am 22. Februar hätte die Volksschauspielerin den 91. Geburtstag gefeiert.

Funke vom Theater übergesprungen

Zur Welt kam Stephanie Glaser im Jahr 1920 in Neuenburg. Ihre Eltern waren Hoteliers. In Bern wuchs sie auf, dort ging sie zur Schule.

1932, als das Berner Stadttheater das Märchen «Peterchens Mondfahrt» inszenierte, sprang der Funken vom Theater auf sie über. Einem Schauspieler trug sie einen Text von Gerhart Hauptmann vor. Sie gefiel, worauf sie sich mit dem Segen ihrer Eltern am Reinhardt- Seminar in Wien einschrieb.

Dort lernte sie nicht nur die Schauspielerei, sie erlebte auch den Einmarsch Hitlers, was sie als furchtbar beschrieb. Sie verliess Wien und kehrte - ungern, wie sie später betonte - nach Bern zurück, mietete ein Zimmer bei Madame de Meuron, spielte im Stadttheater kleine Rollen und trat auf der Soldatenbühne «Bärentatze» auf.

Zum Publikumsliebling avanciert

Nach dem Krieg landetet die Schauspielerin beim Cabaret Fédéral in Zürich und spielte in Gotthelf-Verfilmungen von Franz Schnyder mit. Zum Publikumsliebling avancierte sie erstmals 1974 bis 1981, als sie als Tante Elise mit Goldfisch «Traugottli» in der Fernsehshow «Teleboy» von Kurt Felix auftrat.

Ende der 80er Jahre kehrte sie zum Film zurück. Sie spielte mit bei «Klassäzämekunft», «Leo Sonnyboy», «Sternenberg» oder «Mein Name ist Eugen» und - als Krönung - in Bettina Oberlis Kassenschlager «Die Herbstzeitlosen».

Darin eroberte sie als altersstarke Martha die Herzen des Schweizer Filmpublikums. Sie spielte eine gelernte Schneiderin, die nach dem Tod ihres Mannes in einem Emmentaler Dorf ein neues Leben beginnt und - zum Ärger der dortigen Scheinheiligen und Hinterwäldler - mit 80 Jahren noch eine Lingerie-Boutique eröffnet. «Die Herbstzeitlosen» war 2006 der beliebteste Kinofilm der Schweiz und gehört zu den fünf erfolgreichsten Schweizer Filmen der letzten 25 Jahre.

Mehrfach ausgezeichnet

Kein Wunder, dass Stephanie Glaser als Publikumsliebling des Jahres mit dem Prix Walo 2006 ausgezeichnet wurde. Im gleichen Jahr erhielt sie den Swiss Award in der Sparte Kultur und den Spezial- Leoparden beim Filmfestival Locarno. «Alt werden heisst für mich nicht unbedingt, sich zur Ruhe zu setzen, rumsitzen», hatte Stephanie Glaser erklärt. «Solange sie mich wollen und solange es geht, werde ich arbeiten. Weil es mir Freude macht.»

Sabine Boss: «Universelle Schauspielerin»

Sabine Boss, die als Regisseurin mehrfach mit Stephanie Glaser zusammengearbeitet hat, würdigt die Verstorbene als «universelle Schauspielerin». Glasers Tod sei ein «Riesenverlust» für den Schweizer Film, sagte Boss am Samstag. Noch im vergangenen Herbst arbeitete sie mit Glaser an dem Krimi «Mord hinterm Vorhang», in dem die Schauspielerin eine schrullige Krimiautorin mimt. Der TV-Film wurde vor zwei Monaten abgedreht.

Er ist laut Boss eine eigentliche «Hommage» an Glaser. Schon beim Schreiben des Drehbuchs sei den Machern klar gewesen, dass sie die Hauptrolle mit der über 90-jährigen Schauspielerin besetzen wollten. «Sie war trotz ihres hohen Alters ein so junger Mensch», sagte die Regisseurin gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Die Solothurner Filmtage, die am kommenden Donnerstag beginnen, führen in Erinnerung an Glaser am Sonntag, 21. Januar, eine Gedenkveranstaltung durch, wie es auf Anfrage hiess. Die Hommage wird am Morgen in der Reithalle stattfinden.

In den vergangenen Jahren war die Schauspielerin Stammgast am Festival. 2009 feierte der TV-Film «Das Fräuleinwunder» (Regie: Sabine Boss) mit ihr in der Hauptrolle in Solothurn Premiere. Ivo Kummer, der Direktor der Filmtage, nennt Glaser eine der grössten Schweizer Theater- und Filmschauspielerinnen. Sie habe zudem nicht nur volksnahe und sympathische Figuren gespielt, sondern auch selber über diese Eigenschaften verfügt, sagte Kummer.

(pbe, mrs/sda)

Erstellt: 15.01.2011, 21:04 Uhr

Die Werbebotschafterin: Werbespot aus dem Jahr 1981

Der Grosserfolg: Die Herbstzeitlosen

Clip zum Weltaidstag

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